
Mohammed, der Stifter des Islams
Auch wenn herkömmlich in der muslimischen
Tradition die Geburt Mohammeds ungefähr in das Jahr 570 n. Chr.
datiert wird, gibt es dafür keinerlei historische Anhaltspunkte.
Seine Tätigkeit als Verkünder einer neuen religiösen
Botschaft begann um das Jahr 610 und hielt bis zu seinem Tode 632 an,
doch teilt die Auswanderung von Mekka nach Medina 622 (die Hedschra)
seine Wirksamkeit in zwei grundsätzlich verschiedene Phasen. In
seiner Vaterstadt Mekka war Mohammed in seiner religiösen Rolle
ein Privatmann, dessen Lehre von den Herrschenden als so bedrohlich
angesehen wurde, daß das traditionelle Stammesrecht nach dem Tode
eines ihn schützenden Oheims seine Unversehrtheit nicht lange garantieren
konnte. Da umgekehrt in der pluritribalen Oasensiedlung Medina ein unlösbar
erscheinender Stammeskonflikt nach Schlichtung verlangte und Mohammed
dort kein völliger Unbekannter mehr war, wurde ihm (mit seinen
mekkanischen Anhängern) dort nicht nur Asyl geboten, sondern eine
öffentliche Rechtsstellung als Gemeindevorsteher.
Damit war Mohammed nicht
nur geistlicher Führer seiner Anhänger, sondern zugleich politischer
und militärischer Befehlshaber - nicht zu reden von seiner primären
religiösen Funktion als Überbringer göttlicher Offenbarungstexte.
Schon unter den ersten muslimischen Generationen wurde die Schaffung
des Gemeinwesens in Medina seit 622 als so fundamental angesehen, daß
sie zur Epoche der sogenannten Hedschraära wurde, eines reinen
Mondkalenders (Beginn 15./16. Juli 622). Gegen Ende seines Lebens gelang
Mohammed und seinen Anhängern die Einnahme Mekkas, womit gleichzeitig
die vorislamische jährliche Wallfahrt zum mekkanischen Heiligtum
als Hajj in die neue Religion integriert werden konnte. Die nach der
Überlieferung von Mohammed durch sein Beispiel sanktionierten Riten
werden bis heute eingehalten und erlauben so allen, die sie vollziehen,
die Kommunion mit Mohammed und sämtlichen Generationen der Gläubigen
seitdem.

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Koran und Sunna
Die von Mohammed als Gottes eigenes Wort verkündeten
"Vortragstexte" (so vielleicht qur'an [Koran] wiederzugeben)
wurden schon innerhalb der erwähnten 22 Jahre der Mitteilung zur
"Schrift" und endgültig etwa zwei Jahrzehnte nach Mohammeds
Tod kodifiziert; die Textgestalt des seitherigen Koranbuches ist, vor
allem im Vergleich zur Bibel, fast völlig eindeutig.
Mohammeds Lebenserfahrung, Ausgrenzung und Verfolgung
in Mekka, und später in Medina, Erfolg, Rückschläge, Anfeindungen,
Zwist mit den dortigen jüdischen Stämmen, endlicher Sieg, etc.
spiegeln sich im Koran wieder, sodaß er einerseits die bei weitem
zuverlässigste Quelle zu seiner Biographie darstellt, ohne doch andererseits
biographische Intentionen zu haben. So ist die Suche nach dem historischen
Mohammed fast so schwierig wie die nach dem historischen Jesus (oder Sokrates...).
Auch die erzählenden "Prophetenbiographien" der islamischen
Tradition füllen die Lücke nicht, da ihr Interesse die wunderhafte
Überhöhung seines Lebens ist.
Im Glauben der Muslime hat sich das Bekenntnis
zu Mohammed als Gottes Gesandten, das auf das zu striktem Monotheismus
in der Bekenntnisformel folgt, nicht auf seine Funktion als des unbezweifelbar
korrekten Überbringers des Gotteswortes beschränkt, sondern
verwandelte sich, ebenfalls in einem ausgedehnten Prozeß, in den
Glauben an seinen Lebensvollzug in Wort, Tun und Lassen als zweite Offenbarungsquelle
neben dem Koran. Sein Leben wurde zum normsetzenden Vorbild (arabisch
sunna) für alle Gläubigen (Fußnote).
Anders als der Koran wurde jedoch die Überlieferung seines Redens
und Handelns erst verschriftlicht, als eine Scheidung in authentisches
und untergeschobenes Material kaum noch möglich gewesen wäre.
Stattdessen wurde ein gutes Jahrhundert religiöser Entwicklung, Veränderung,
Verwerfung innerhalb der Gemeinde auf Mohammed zurückprojiziert.
Kritik an der Riesenmasse derartiger Überlieferungen in der Form
von "Momentaufnahmen" (arab. Singular Hadith) konzentrierte
sich meist auf die Zuverlässigkeit der "Gewährsmännerkette",
ohne die in der klassischen Ausprägung die Überlieferung erst
authentifizierte. Der Vorwurf nicht-sunnagemäßen Denkens oder
Handelns hat bis heute die religiöse Polemik innerhalb des Islams
bestimmt und läßt sich leicht zu den verschiedensten Zwecken
instrumentalisieren.
Fußnote: Dies gilt genauso
auch für die Schiiten, die ihren Namen ("Parteigänger",
d.h. Anhänger Alis) den Auseinandersetzungen des dritten Hedschra-Jahrzehnts
verdanken. Ebenfalls in den damaligen Konflikten, noch vor der Abspaltung
der (nachmaligen) Schiiten, entstand eine Gruppierung, die als die "Sezessionisten"
bekannt wurden und deren Militanz auch untereinander sie zunächst
in immer weitere Absplitterungen trieb, bevor sie sich mäßigten
und in bestimmten geographischen Nischen (im südlichen Algerien,
omanischen Hinterland) dauerhafte Herrschaftsbildungen hervorbrachten;
sie waren die ersten, die das Verhältnis von "Glauben und Werken"
theologisch problematisierten, und ansonsten diejenigen, die die egalitären
Ansätze des Islams am ernstesten nahmen. zurück
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