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"Entscheidungsregeln in multilateralen Konflikten"

Projektleitung:
Prof. Dr. Michael Diehl, Dipl.-Psych.
Jens Binder, Psychologisches Institut, Universität Tübingen


Methoden der Konfliktbearbeitung wie das Mediationsverfahren wurden zum größten Teil für Situationen mit zwei Konfliktparteien entwickelt. Viele Konflikte sind dagegen multilateral angelegt und damit weitaus komplexer. Im Rahmen dieses Projekts sollen mit Hilfe von Konzepten und Methoden der Sozialpsychologie erste Grundlagen für Interventionen in einem spezifisch multilateralen Kontext geschaffen werden. Ausgangspunkt sind dabei vor allem Interessenkonflikte, da in ihnen der Einsatz eines Mediationsverfahrens am aussichtsreichsten ist.

Mit wachsender Zahl der Konfliktparteien steigt der Komplexitätsgrad der Situation. Damit einher geht ein erhöhter Bedarf nach Selbstorganisation und Strukturierung. In einem bilateralen Interessenkonflikt kann die Verteilung von Ressourcen, Privilegien, Pflichten usw. quasi "anarchisch" verhandelt werden. Es genügt die Zustimmung des anderen Verhandlungspartners, um ein Angebot in einen Beschluss umzuwandeln. Die multilaterale Verhandlung bietet ein anderes Bild. Nach wie vor müssen alle Konfliktparteien zu einem Konsens finden. Absprachen auf rein bilateraler Ebene sind damit unmöglich. Es werden sich zu jedem Thema der Verhandlung Mehrheiten und Minderheiten ausbilden oder auch Patt-Situationen ergeben. Diese Konstellation wird zudem in den meisten Fällen nicht stabil sein, sondern sich von Thema zu Thema verändern.

Auch eine sachorientierte, "rationale" Situationsanalyse wird zunehmend erschwert, da mit jeder zusätzlichen Konfliktpartei mehr und mehr Lösungsansätze unmöglich werden. Genauso lassen sich für viele weitere Aspekte der Verhandlung Erschwernisse konstatieren. Wie lässt sich dem begegnen? Das einfachste Mittel der Komplexitätsreduktion ist das Aufstellen und die Anwendung von Regeln. Dieses Projekt konzentriert sich auf Regeln, die bestimmen, welche Kriterien für eine Entscheidung herangezogen werden sollen, sog. Entscheidungsregeln.

Das Konzept der Entscheidungsregeln stammt aus der Sozialpsychologie und bezeichnet jede Art von Schema, mit dem sich das Zustandekommen von Ergebnissen in Gruppen beschreiben lässt, ganz egal, ob es von der Gruppe explizit angewandt wurde oder nicht. In Verhandlungen können Regeln von außen, durch einen Mediator oder interessierte Dritte, vorgegeben oder zumindest beeinflusst werden. Unabhängig davon werden sie - explizit oder implizit - aus der Eigendynamik der Gruppe heraus entstehen. Bei jeder Art von Intervention, die auf die Regeln in einer multilateralen Verhandlung abzielt, muss dieser Entstehungsprozess beachtet werden.

Im Rahmen dieses Projekts wird drei Einflussfaktoren, die sich aus theoretischen Vorüberlegungen ergeben, systematisch nachgegangen:

1. Die Konfliktstruktur. Sie wird durch die wechselseitige Abhängigkeit (Interdependenz), in der sich die Präferenzen der Parteien befinden, beschrieben. Sie bestimmt, inwieweit eine Entscheidungsregel überhaupt konsensfähige Ergebnisse hervorbringen kann.

2. Die Gruppengröße. Sie macht manche Regeln, z.B. einen Mehrheitsbeschluss in Gruppen mit gerader Anzahl von Parteien, unmöglich. Zudem bestimmt sie den Komplexitätsgrad der Situation und damit die Notwendigkeit von expliziten Regeln.

3. Grundeinstellungen der Parteien. Darunter werden hier Kooperationsbereitschaft und Gerechtigkeitsauffassungen verstanden. Sie haben Einfluss darauf, welche Regeln in Erwägung gezogen werden und akzeptabel erscheinen.

Geplant sind zwei Studien mit Kleingruppen, in denen Rollenspiele mit klar definierten Vorgaben verwendet werden, so dass diese Faktoren gezielt variiert werden können. Zusätzlich soll die Akzeptanz verschiedener vorgegebener Entscheidungsregeln in Umfragen erhoben werden, um aussichtsreiche Ansatzpunkte für eine Intervention zu identifizieren. Damit können erste Schritte hin zu einem Modell multilateraler Mediation unternommen werden.

Dieses Projekt wird gefördert durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung.

Nähere Informationen zur Stiftung unter:
http://www.bundesstifung-friedensforschung.de/

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© Gabriele Rasch / last update: 08.11.2005