Ulrich Siegele, geboren 1930 in Stuttgart, studierte seit dem Wintersemester 1951/52 hauptsächlich in Tübingen Musikwissenschaft, Klassische Philologie und Geschichte. Seine Lehrer waren in der Musikwissenschaft Georg Reichert, Walter Gerstenberg und Georg von Dadelsen, in der Klassischen Philologie, der er seine methodische Schulung verdankt, Walter Jens, Otto Weinreich, Wolfgang Schadewaldt und Günther Wille. Er wurde 1957 bei Walter Gerstenberg mit der Dissertation Kompositionsweise und Bearbeitungstechnik in der Instrumentalmusik Johann Sebastian Bachs promoviert, die zuvor einen Preis der Philosophischen Fakultät erhalten hatte. 1958 wurde er wissenschaftlicher Assistent am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Heidelberg, 1959 am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Tübingen. Dort habilitierte er sich 1965 mit einer Arbeit über die Musiksammlung der Stadt Heilbronn und unterrichtete danach Musikwissenschaft, seit 1971 als Professor.

 

Von 1959 bis 1968 leitete er das Collegium musicum vocale der Universität. Er entwickelte den Chor zu einem experimentellen Forschungsinstrument, das ihm Einsichten über das Verhältnis von Komposition und Aufführung, über Möglichkeiten und Grenzen einer historischen Wiederherstellung wie einer aktuellen Weiterbildung von Aufführungsformen vermittelte. Die Arbeit galt drei Bereichen, nämlich der Literatur von Josquin bis Schütz mit Monteverdi im Zentrum, den Motetten Bachs und der Chormusik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Zusammen mit seinem Kollegen Walther Dürr widmete er sich in dieser Zeit dem Vortrag italienischer Musik monodischer Prägung. Zudem beschäftigte er sich mit Tastenmusik, zumal Frescobaldis und der klassischen französischen Orgelkunst. Er hatte Gelegenheit, in Seminaren und Aufführungen des Studium generale auf dieses Gebiet zurückzukommen, nachdem Peter Vier 1989 die beiden Orgeln für das Tübinger Institut erbaut hatte – eine kleine im italienischen Stil des frühen 17. und eine große im französischen Stil des späten 18. Jahrhunderts (deren Geschichte er auch in einem Buch beschrieben hat).

 

1968 bis 1971 nahm er einen Lehrauftrag an der Universität Konstanz wahr und beschäftigte sich vier Jahre lang vornehmlich mit der seriellen Musik des 20. Jahrhunderts, was seine analytische Arbeit geprägt hat. Das Frühjahrssemester 1976 verbrachte er als visiting lecturer  am Department of Music der Universität Leeds in England. 1991 bis 1993 war er Mitglied und Vorsitzender der Frauenkommission, 1994/95 Prodekan der Fakultät für Kulturwissenschaften. 1995 wurde er in den Ruhestand versetzt.

 

Seine wissenschaftliche Arbeit konzentriert sich auf zwei Gebiete, einerseits auf historische Kompositionsverfahren, vor allem ihre formalen Aspekte, besonders bei J. S. Bach, Monteverdi, Beethoven und Wagner, andererseits auf die Biografie J. S. Bachs im politischen, sozialen und ökonomischen Kontext der Zeit. Sein analytischer Ansatz stellt sich entschieden auf den Standpunkt des Komponisten und entschlüsselt dessen Problemstellungen und Lösungsstrategien. In den letzten Jahren hat er sich in Ausgaben, Aufsätzen und einer Monographie den beiden gattungsspezifischen Publikationen zur imitatorischen Technik und zur Choralbearbeitung des Stuttgarter Stifts- und Hoforganisten Johann Ulrich Steigleder (1593–1635) gewidmet. Gegenwärtig arbeitet er an einem analytischen Projekt Tempo und Dauer in J. S. Bachs Musik.

 

Seit 2003 lebt er in Partnerschaft mit der Musikwissenschaftlerin und Kulturhistorikerin Prof. Dr. Linda Maria Koldau und wohnt seit 2009 an der Eckernförder Bucht.

 

Kontakt:

Prof. Dr. Ulrich Siegele

Holunderweg 20

24229 Schwedeneck

 

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