Internationales Tübinger Gender-Forschungskolleg
Das Tübinger Gender-Forschungskolleg wurde von den Professorinnen Prof. Dr. Schamma Schahadat, Prof. Dr. Ingrid Hotz-Davies und Prof. Dr. Dorothee Kimmich initiiert. Es ist international und interdisziplinär aufgerichtet und zielt auf die Förderung von herausragenden NachwuchswissenschaftlerInnen ab, die sich mit Genderthemen befassen. Ihnen wird mit einem Fellowship Gelegenheit gegeben in Tübingen zu forschen, Kontakte zu knüpfen und sich untereinander auszutauschen. Das Kolleg kooperiert mit dem Forum Scientiarum sowie dem Promotionsverbund „Abgrenzung – Ausgrenzung – Entgrenzung: Gender als Prozess und Resultat von Grenzziehungen“.
Das Förderprogramm ist inzwischen abgeschlossen.
Thema 2010: Gendergrenzen - Grenzkulturen
Ausgehend von der Idee von einer kulturellen Setzung von „Geschlecht“ (einschließlich seiner intersektionalen Verfasstheit) und einer damit verbundenen kulturwissenschaftlichen Perspektivierung ergibt sich die grundlegende Forschungsfrage des Kollegs, die sich auf die Beobachtung der Prozesse der Grenzziehung bei der Herstellung von „Geschlecht“ und „sexueller Orientierung“ konzentriert, speziell auf die textuelle Verfasstheit der Prozesse von In- und Exklusion, von Grenzziehung und Grenzüberschreitung anhand von Fallbeispielen aus den Gender und Queer Studies. Dabei sind verschiedene Fragestellungen denkbar, die sich mit der Grenzsetzung als soziale Praxis und performativem Akt, der Grenze als Resultat, nach den Differenzen zwischen den Räumen jenseits der Grenzen und nach den Zwischenräumen befassen.
Möglich Arbeitsbereiche:
- Performanz (Queering Gender)
- Grenzbewegung zwischen den Kulturen (Gender und Weltliteratur)
- Raum (Gendered Spaces)
- Zeit (Gender und Epochenschwellen)
- Andere Fragestellungen sind denkbar.
Davon ausgehend ergibt sich das Ziel des Kollegs, erstens Gender als theoretisches Konzept einer Grenzsetzung und –überschreitung zu fassen, dadurch neue Zugänge zur konzeptuellen Verfasstheit von Grenze und Gender zu erarbeiten und, drittens, Gender vor dem Hintergrund (trans)kultureller Befindlichkeiten neu zu lesen.
Das Internationale Tübinger Genderforschungskolleg hat 2010 vom 1. September bis 15. Oktober stattgefunden.
Fellows
Als Fellows waren 2010 Dr. Kate Roy und Dr. Hiram Kümper nach Tübingen eingeladen. Sie haben in diesen 6 Wochen zum Thema "Gendergrenzen - Grenzkulturen" gearbeitet und einen Workshop zum Thema "Gendered Spaces" veranstaltet.
Nachfolgend finden sich nähere Informationen zu den Stipendiat/inn/en und ihren Projekten.
Dr. Kate Roy:
Forschungsprojekt „Eine Politik des Privatlebens schreiben: ‘Harem’-Erzählungen aus der Vergangenheit und der Gegenwart in der populären deutschen Literatur von ‘muslimischen’ Schriftstellerinnen“
im Rahmen des Gender Forschungskollegs an der Universität Tübingen (September/Oktober 2010)
Forschungsprojekt:
Das Forschungsprojekt brachte zwei Stränge von Kate Roys aktueller Forschung zusammen, indem es die Vergeschlechtlichung von Innenräumen in der zeitgenössischen Popliteratur von deutschtürkischen Schriftstellerinnen kritisch erforschte, und diesen Trend dieses kommerziell erfolgreichen zeitgenössischen Genres mit den „Memoiren einer arabischen Prinzessin“ von Emily Ruete verglich. Die Memoiren (im 19. Jahrhundert zum ersten Mal veröffentlicht, in jüngster Vergangenheit aber neu veröffentlicht und wieder Gegenstand wissenschaftlichen Interesses geworden) erzählen ebenfalls von Innenräumen, nämlich jenen aus Ruetes Kindheit in den Palästen Sansibars, und zwar auf eine Art und Weise, die die europäischen Ansprüche darauf, die muslimische Welt im Allgemeinen und das Leben der muslimischen Frauen im Besonderen zu ‘kennen’, in Frage stellt. Nach Deleuze wurde gefragt, welchen Unterschied es machen würde, diese Erzählungen von privaten Räumen nicht nur als persönliche Meinungsäußerung zu betrachten, sondern auch als Verkettungen, die sich mit den Lesern, mit dem Verlagswesen, mit öffentlichen Diskursen der ‘Außenwelt’ und mit anderen Texten verknüpfen.
Zur Person:
Die Literaturwissenschaftlerin Kate Roy studierte Germanistik und Romanistik an der Universität Otago (Neuseeland) und promovierte 2008 in Manchester (Großbritannien) über die deutschtürkische Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar und die algerisch-französische Schriftstellerin Leïla Sebbar. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die zeitgenössische deutsche (und französische) Literatur von Schriftstellerinnen kulturell muslimischer Herkunft, Deleuze’sche Theorie und Text-Bilder-Verkettungen. Als Postdoktorandin war sie vor Beginn dieses Fellowship des Internationalen Tübinger Gender-Forschungskollegs Inhaberin eines DAAD-Stipendiums, eines Sylvia Naish Forschungsstipendiums (IGRS, Universität London) sowie eines Stipendiums der Staatsbibliothek zu Berlin/Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Kontakt: kate.roy(at)daad-alumni.de
Dr. Hiram Kümper:
Forschungsprojekt „Vergewaltigungskulturen? Vom strukturellen Platz sexueller Gewalt in der alteuropäischen Kulturgeschichte“
im Rahmen des Gender Forschungskollegs an der Universität Tübingen (September/Oktober 2010)
Forschungsprojekt:
Die Tübinger Zeit war der philosopisch-soziologischen Ein- und Ausbettung eines sehr konkreten, historisch ausgerichteten Forschungsprojekts gewidmet, das sich mit der Anatomie des Notzuchtdelikts in der Geschichte des römisch-deutschen Reiches zwischen dem späteren Mittelalter und der Sattelzeit, also zwischen ca. 1200 und 1800, befasst. In der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Problem sexueller Gewalt, den Versuchen zu ihrer Hegung und Unterbindung, lassen sich zentrale Entwicklungen der europäischen Kulturgeschichte spiegeln – sexuelle Gewalt wird sozusagen Aushandlungsort von Kulturprozessen. Das kann auf den ersten Blick so banal-spezialistische Fragen wie die Zulassung von Frauen als Zeuginnen vor Gericht betreffen, aber auch die Selbstbeschreibung einer ganzen Geisteshaltung, wenn etwa die Gerichtserzählungen und die Pitaval-Literatur der Aufklärungszeit immer wieder den Aspekt mangelnder Bildung und damit einhergehender sittlicher Verrohung bei Vergewaltigern betont. Wenn Thomas von Aquin die Vergewaltigung als ein Allzu-Menschliches in der Sündenhierarchie unterhalb der Sünden wider die Natur (Homosexualität, Onanie etc.) einordnet und Kant in seinen rechtsphilosophischen Vorlesungsfragmenten sie als das unmenschlichste aller Sittlichkeitsdelikte beschreibt, sehen wir Menschenbilder in konkreter Kulturarbeit. In diesem Sinne fragt das Projekt nach den Strukturen, die sexueller Gewalt und namentlich dem Vergewaltigungsdelikt, ihren kulturellen Platz zuweisen. Diese Zuweisung, so wird ferner argumentiert, ist aber kein einfacher top-down-Prozess, sondern birgt ganz grundsätzlich wechselseitige Potenziale. Gerade deshalb ist das Sprechen über sexuelle Gewalt ein Resonanzraum, in dem man das Verhältnis der Geschlechter zueinander zum Klingen bringen kann.
Mehr Informationen auf: http://homepages.rub.de/hiram.kuemper
Zur Person:
Hiram Kümper ist Historiker an der Universität Bielefeld. Er befasst sich mit der Geschichte des Alten Europa, der Zeit also zwischen ungefähr der Wende zum zweiten Jahrtausend unserer Zeitrechnung und dem Anbruch der Moderne im Zeichen politischer und industrieller Revolutionen. Von der Rechtsgeschichte her kommend, haben es ihm vor allem die Normen angetan, nach denen Gesellschaften sich organisieren: eben nicht nur im Recht, sondern auch in der Sitte, der Religion, dem Expertenwissen und vielem mehr. Welche Rolle Geschlecht in diesen Normproduktionsprozessen spielt, das hat ihn auch im Rahmen seines Tübinger Aufenthalts beschäftigt, während dessen er sich mit einem der – vielleicht – geschlechtsspezifischsten Normbrüche überhaupt, der Vergewaltigung, befasst hat.
Mehr Informationen zur Person: http://homepages.rub.de/hiram.kuemper
Kontakt: hiram.kuemper(at)uni-bielefeld.de
Thema 2009: Gender und Migration
Migration ist ein zentrales Strukturmerkmal moderner Gesellschaften. Neben Sprachen, Traditionen, Waren, Religionen und Musik transportieren und transferieren Flüchtlinge und MigrantInnen auch Familienstrukturen und Geschlechterrollen. Diese begegnen Prozessen der Ethnifizierung und Kulturalisierung. Verschiedene symbolische Ordnungen von Geschlechterbildern und Hierarchien realer Machtverhältnisse treffen aufeinander.
Die Forschung zu Migration und Geschlecht hat in den vergangenen Jahren angesichts der politischen und sozialen Brisanz dieses weltweiten Problems eine erhebliche Konjunktur erlebt. Neben soziologischen und politologischen Arbeiten sind auch medizinische und psychologische Arbeiten zu diesem Thema publiziert worden. Besonders die Diskussion über die mexikanische Arbeitsmigration in die USA, aber auch die so genannte „Kopftuchdebatte“ haben eine breite Öffentlichkeit erreicht.
Das Thema soll innerhalb des Genderkollegs auch aus kulturwissenschaftlicher, anthropologischer und literaturwissenschaftlicher Sicht erörtert werden und damit nicht nur die politischen und sozialen Probleme anvisieren, sondern auch die Bedeutung für den kulturellen Wandel aufgreifen und diskutieren.
Fellows
Als Fellows waren 2009 Dr. Urmila Goel (Berlin) und Dr. Safiye Yıldız (Berlin) nach Tübingen eingeladen. Sie haben im Rahmen des Gender Forschungskollegs an den Projekten "Praxis und (Re-)Präsentation - (Wieder)Herstellung von Heteronormativität im Migrationskontext" und "Nationale Politiken der Geschlechterhierarchisierung durch die neuzeitliche Reproduktion der ‚Muslimas‘" gearbeitet.
Nachfolgend finden sich nähere Informationen zu den Stipendiatinnen und ihren Projekten.
Dr. Urmila Goel:
Forschungsprojekt „Praxis und (Re)Präsentation - (Wieder)Herstellung von Heteronormativität im Migrationskontext“
im Rahmen des Gender Forschungskollegs an der Universität Tübingen (Juni/Juli 2009)
Forschungsprojekt:
Die zweifellose Übereinstimmung von Sex, Gender und Begehren ist im Migrationskontext besonders schwer zu bewahren und erhält dadurch eine erhöhte Bedeutung. Im Forschungsprojekt wurde am Fallbeispiel von aus Indien zugewanderten Krankenschwestern und deren Familien untersucht, wie Migrant_innen mit Widersprüchen und Ambivalenzen zwischen den von ihnen tatsächlich gelebten Genderrollen und Familienkonstellationen auf der einen Seite und den Vorgaben der Heteronormativität in Deutschland bzw. im Herkunftsland auf der anderen Seite umgehen. Dabei wurde insbesondere betrachtet, wie Widersprüchen zwischen Praxis und Norm auf der Ebene der (Re)Präsentation begegnet und so die Übereinstimmung von Sex, Gender und Begehren immer wieder hergestellt wird.
Mehr Informationen auf: http://www.urmila.de/forschung/interdependenz/praxis.html
Zur Person:
Die Kultur- und Sozialanthropologin Urmila Goel arbeitet empirisch insbesondere zu Menschen, die im deutschsprachigen Raum als Inder_innen wahrgenommen werden. Theoretisch setzt sie sich insbesondere mit Rassismus(erfahrungen), (Abweichungen von der) Heteronormativität, postkolonialen Verbindungen und den Verflechtungen unterschiedlicher Machtverhältnisse auseinander. Zurzeit arbeitet sie an einem Projekt zur Thematisierung von Bildung im Migrationskontext. Mehr Informationen zur Person: http://www.urmila.de/
Kontakt: info(at)urmila.de
Dr. Safiye Yıldız
Forschungsprojekt "Nationale Politiken der Geschlechterhierarchisierung durch die neuzeitliche Reproduktion der ‚Muslimas‘"
im Rahmen des Gender Forschungskollegs an der Universität Tübingen (Juni/Juli 2009)
Forschungsprojekt:
Nation, Staat und Politik bilden die männlich dominierten diskursiven Orte, aus denen Frauen im Allgemeinen als die konstitutiv Anderen ausgeschlossen wurden. Historisch bewirkte dies eine Sozialhierarchie zwischen Mann und Frau, die nach wie vor auch strukturell verankert ist. Im Rahmen des Forschungsprojektes analysierte Safiye Yıldız, wie insbesondere nach dem 11. September durch nationale Denkvorstellungen und national-kulturell geprägte westliche (Re-)Konstruktionen von „Muslimas“ deren subordinierte Platzierung in der Gesellschaft als „externe“ kollektive Subjekte erfolgt und damit interne Geschlechterhier-archisierungen normalisiert, aber auch stabilisiert werden. Unter Einbeziehung mehrerer Artikel aus verschiedenen Printmedien zeigte sie die Verwobenheit der Reproduktion von Geschlechterungleichheiten auf der medialen und nationalpolitischen Ebene.
Zur Person:
Folgende sind Arbeits- und Forschungsschwerpunkte der Erziehungs- und Geisteswissenschaftlerin Safiye Yıldız:
- Migrationsforschung (theoretische und empirische Zugänge)
- Interkulturelle Erziehung und Bildung
- Jugendtheorien und Jugendarbeit
- Multikulturalismusdiskurse
- Gender & Migration & Nation
- Nation & Nationbildung & Nationalismus & Rassismus
- Poststrukturalistische Theorien, empirische Zugänge (Diskursanalyse)
- Intersektionalitätstheorien
Seit dem WS 2010/2011 ist Frau Yıldız an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit als Vertretunsgprofessorin tätig. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stiftung Universität Hildesheim sowie Projektkoordinatorin für das Mentoringprogramm ProKarriere für Studierende und angehende Promovendinnen mit und ohne Migrationshintergrund. Ihre Lehrtätigkeiten an der Freien Universität Berlin, Humboldt Universität zu Berlin und Alice Salomon Hochschule Berlin umfassten die Auseinandersetzung mit den eigenen und fremden Bildern, Interkulturelle Erziehung und Bildung, Migration und Ungleichheit im Zugang zu Bildung im deutsch-französischen Vergleich, Erziehungs- und Bildungssysteme in Frankreich und Deutschland, Intersektionalitätstheorien, Migrationsforschung und poststrukturalistische Ansätze und deren Bedeutung für Soziale Arbeit.
Kontakt:
Dienstlich: http://www.sozarb.h-da.de/kontakt/lehrende/safiye-yildiz/index.htm
Priv.: Safiye.Yildiz(at)gmx.de

