Frontiers of Economics – Die Wirtschaftswissenschaft zwischen Krise und Aufbruch

Ringvorlesung im Wintersemester 2017/18


Ort und Zeit: Kupferbau, HS 22, jeweils Mittwoch, 18.15 Uhr



Der ökonomische Mainstream ist spätestens seit der Finanzkrise von 2008 ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Es mehren sich Zweifel, ob komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge durch die Modellierung mathematisch exakter Rationalität ausreichend erklärt werden können. Dynamische Gleichgewichtsmodelle und Prognosen haben sich oft als unzulänglich erwiesen, Krisen und Umwälzungen zu beschreiben. Diese Kritik wird meist von „heterodoxen“ oder „pluralen“ Ökonomen vorgetragen, welche in den letzten Jahren erheblich an Bekanntheit gewonnen haben. Auch im öffentlichen Diskurs werden die Forderungen nach einer anderen Wirtschaftswissenschaft immer präsenter. Dennoch kommt man nicht umhin, festzustellen, dass die beiden Lager sich oft sehr festgefahren gegenüberstehen, sich gegenseitig Legitimität und Wissenschaftlichkeit aberkennen und kaum miteinander in fruchtbaren Austausch treten. Vielerorts besteht das Klischee der dynamischen, aber utopischen pluralen Pseudo-Ökonomen gegenüber den altbackenen, steifen Neoklassikern.


Mit unserer Ringvorlesung wollen wir diese verschieden Denk- und Lehrschulen in einen Rahmen fassen und die Frage stellen, wie es um die Zukunft der Wirtschaftswissenschaft bestellt ist. Steht der Ökonomik eine neue Ära bevor? Wohin geht die wirtschaftswissenschaftliche Disziplin nach der Krise und nach der Kritik an der Krise? Welche Alternativen bieten heterodoxe Ansätze, aber wie entwickelt sich auch der Mainstream weiter?


Wir möchten zeigen, dass das Studium der Wirtschaftswissenschaft mehr bietet als Integralfunktionen, Zeitreihen und Indifferenzkurven und einen Ausblick darauf schaffen, wie ein wirtschaftswissenschaft
liches Studium auch sein könnte: kontrovers, interdisziplinär, multiperspektivisch, abwechslungsreich und am Puls des realen ökonomischen Geschehens.


Die Ringvorlesung wird sich in zwei Teile gliedern. Der erste Teil soll den Charakter einer Einführung in die Plurale Ökonomik haben und die vorherrschende Lehre in der deutschen Universitätslandschaft reflektieren und kritisieren. Dabei möchten wir vor allem neuen Wirtschaftsstudierenden die verschiedenen Strömungen jenseits der Neoklassik vorstellen, wie etwa die Komplexitätsökonomik, die feministische Ökonomik, die ökologische Ökonomik, die Institutionen- oder die Verhaltensökonomik. Im zweiten Teil möchten wir weiterführen und weiterfragen, weil die Pluralisierung der Wirtschaftswissenschaft nicht nur die Kritik an der klassischen Ökonomik, sondern auch ebendiese klassische Ökonomik selbst einbinden muss. Deshalb sollen von führenden Wissenschaftlern ihre aktuellen Forschungsprojekte vorgestellt werden, um aufzuzeigen, in welche Richtungen sich auch die herkömmlichen Ansätze der Disziplin entwickeln.



Programm zum Herunterladen

Termine, Themen, Referenten

25.10.

Prof. Dr. Silja Graupe, Bernkastel-Kues

Krise der Wirtschaftswissenschaft: Gefangen zwischen Objektivität und Beeinflussung?

08.11.

Prof. Ben Fine, PhD, London

Karl Marx’s Political Economy and Contemporary Capitalism

15.1.

Dr. Katharina Mader, Wien

Einführung in die feministische Ökonomik

22.11.

Prof. Dr. Werner Neus, Tübingen

Institutionenökonomik und die Theorie der Unternehmung

29.11.

Prof. Dr. Frank Beckenbach, Kassel

Agentenbasierte Modellierung als Methode einer heterodoxen Ökonomik

06.12.

Prof. Julian Reiss, PhD, Durham

The Perennial Methodenstreit: Observation, First Principles, and Economics

13.12.

Prof. Dr. Till van Treeck, Duisburg-Essen

Einkommens(ungleich)verteilung aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive

20.12.

Dr. Jakob Kapeller, Linz

Wissenschaftstheorie und Ökonomie

11.01. (Donnerstag)

Prof. Dr. Lisa Herzog, München

Slaves of defunct economists? Ideengeschichte als interdisziplinärer Zugang zur Ökonomie

17.01.

Prof. Marcela Ibanez Diaz, PhD, Göttingen

Social Dilemmas: the role of norms, institutions and incentives

24.01.

Prof. Dr. Silke Übelmesser, München

Ökonomische Perspektiven auf Migration

31.01.

Prof. Dr. Claus Diercksmeier, Tübingen

Ethik und Ökonomik