Arbeitsbereich Ethik und Kultur

Leitung:

Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn

Tel.:  +49 / 7071 / 29-77983

E-Mail: regina.ammicht-quinn[at]uni-tuebingen.de

 

Kulturethik

Kulturethik im Kontext einer "Ethik in den Wissenschaften" bezieht sich auf diejenigen Wissenschaften, die sich mit Fragen von "Kultur" befassen: mit den Fragen kultureller Selbstrepräsentation und Selbstreproduktion (Medien, Kunst, Religionen, Sicherheitshandeln, Geschlechterverhältnisse, Minoritätenkulturen etc.) und mit den Fragen der Kulturbegegnung und der Kulturkonflikte.

"Kultur" ist immer verbunden mit einer Kultur-Moral: Einer bestimmten Kultur werden bestimmte moralische Prinzipien zu- oder abgesprochen, und von den Menschen, die einer bestimmten Kultur zugerechnet werden, werden bestimmte Handlungsweisen eingefordert. Im Gewand deskriptiv erscheinender Stereotypen – Fleiß und Pünktlichkeit oder Emotionalität und Spontaneität – wird auf der normativen Ebene ein kulturmoralisches Lernprogramm geschrieben. Dem Kulturbegriff ist damit eine Mentalität von Kolonialisierung inhärent: Alle Begriffe, so Derrida, die wir zur Beschreibung eigener oder fremder Kulturen verwenden, stellen letztlich dominante Werte (zivilisiert; gläubig) inferioren Werten gegenüber (unzivilisiert; ungläubig) und sind damit von Machtstrukturen und Gewalt infiziert.

In diesem Sinn gibt es keine Ethik, die nicht im allgemeinsten Sinn Kulturethik wäre, denn jede Ethik befindet sich im Bereich der Kultur, hält ihn aufrecht, kritisiert ihn oder verändert ihn. Eine Kulturethik im spezifischen Sinn reflektiert und analysiert diesen Standort innerhalb einer bestimmten Kultur. Erst von hier aus wird es möglich, in kulturelle Dialoge einzutreten, kulturelle Konflikte zu bearbeiten, ethische Urteile über "Kultur" zu fällen und einen ethischen Beitrag zu einer postkolonialen Hermeneutik zu leisten.

 

Bearbeitet werden innerhalb dieses Rahmens des Arbeitsbereichs Ethik und Kultur im Einzelnen

 

  • Fragen der Sicherheitsethik:

Der Forschungsschwerpunkt Sicherheitsethik geht von der Beobachtung aus, dass Sicherheit heute als zentraler gesellschaftlicher Wert aufgefasst und auf unterschiedlichsten Ebenen und in unterschiedlichsten Bereichen aktiv eingefordert wird. Sicherheitsprobleme in modernen Gesellschaften sind allerdings sowohl vielfältig als auch vielschichtig. Kategorien, Akteure und politische Werkzeuge unterliegen einem konstanten Wandel. Diese Einsicht spiegelt sich im Sicherheitsbegriff selbst, der mulitidimensional und ubiquitär geworden ist und einer ethischen Analyse bedarf.

Der Forschungsschwerpunkt Sicherheitsethik forscht in unterschiedlichen Projekten zur gesellschaftlichen Herstellung, Reflexion und zu kulturellen Verarbeitungsmustern von Sicherheit. Im Rahmen einer Kulturethik erscheint "Sicherheit" als materielle und symbolische Dimension von "Kultur" und kann nie nur im Blick auf eine einzelne Sicherheitsentscheidung, Sicherheitshandlung, Sicherheitstechnik reflektiert werden. Die Grundfrage ist die Frage nach dem "Wert" von Sicherheit, die auf Fragen nach dem "richtigen Handeln" und dem "guten Leben" zielt.

 

  •  Fragen der Technikethik in Kontexten gesellschaftlicher Analyse:

Technik ist nicht nur das Ergebnis natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fortschritts. Vielmehr bringen sich Technik und Gesellschaft gegenseitig hervor. Die Entwicklung neuer Techniken ist aus dieser Perspektive als ein sozialer Prozess zu verstehen. In diesen fließen nicht nur empirische Annahmen über die soziale Wirklichkeit ein, sondern z.B. auch Menschenbilder und Vorstellungen guten Lebens. Zudem muss der Einsatz von Techniken als ein aktiver und durchaus auch widerständiger Aneignungsprozess durch Nutzer_innen gedacht werden, der innerhalb komplexer sozio-technischer Ensembles stattfindet.

Bei der Entwicklung und der Aneignung von Techniken werden also neben technischen und ökonomischen Entscheidungen immer auch Entscheidungen darüber getroffen, wie wir das individuelle Leben und das gesellschaftliche Zusammenleben verstehen und gestalten wollen. Entsprechend stellen sich zahlreiche technikethische Fragen, die der Forschungsschwerpunkt Technikethik in unterschiedlichen Projekten erforscht.

 

  • Fragen der Medien- und Informationsethik:

Gestaltungsaufgaben einer Gesellschaft im digitalen Wandel betreffen immer auch Fragen der zugrunde liegenden Werte und Normen. Der Forschungsschwerpunkt Medien- und Informationsethik setzt sich mit solchen orientierenden Wertefragen auseinander und forscht in unterschiedlichen Projekten zu einer Ethik der digitalen Gesellschaft. Die Nachwuchsforschungsgruppe "Medienethik in interdisziplinärer Perspektive – Werte und sozialer Zusammenhalt in neuen öffentlichen Räumen" setzt sich insbesondere mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Herstellung von Öffentlichkeiten auseinander. Weitere Projekte beschäftigen sich u. a. mit Privatheit und informationeller Selbstbestimmung, Überwachungstechniken, dem Lernen mit digitalen Medien und dem globalen Digital Divide.   

 

Kontakt:

Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn
Universität Tübingen
Internationales Zentrum für
Ethik in den Wissenschaften (IZEW)
Wilhelmstraße 19
72074 Tübingen

E-Mail: regina.ammicht-quinn[at]uni-tuebingen.de
Tel: +49 / 7071 / 29-77983
Fax: +49 / 7071 / 29-5255

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