Erklärung der Direktoren des Instituts für Ökumenische und Interreligiöse Forschung Tübingen zu den Reaktionen auf den Pastoralbesuch Papst Benedikt XVI. in Deutschland
Verunsicherung, Ratlosigkeit und Enttäuschung im Kirchenvolk, unter ökumenisch engagierten Theologinnen und Theologen wie bei unseren Geschwistern aus den evangelischen Kirchen veranlassen uns dazu, unsere theologische Arbeit zu unterbrechen und Stellung zu nehmen.
Unsere Erwartungen in Sachen Ökumene durften nicht sehr hoch sein, sie wurden schon vor dem Besuch von offizieller Seite gedämpft, ja auf ein Minimum heruntergefahren. Wenn nun im Nachhinein die Tatsache, dass das ökumenische Treffen mit Papst Benedikt an historischer Stätte stattfand und der Papst anerkennende Worte für Martin Luther fand, hochstilisiert wird, befremdet uns das. Dazu stehen nämlich die Redewendung vom „ökumenischen Gastgeschenk“ als einem „politischen Missverständnis“ und die Unterstellung, (theologische) Ökumene würde als eine Art Verhandlungssache betrieben, in scharfem Kontrast, ja sie verletzen alle, die sich seit Jahrzehnten in der ökumenischen Theologie, nicht selten mit offiziellem Auftrag, abmühen.
War es nicht Kardinal Joseph Ratzinger, der beim ersten Besuch Johannes‘ Paul II. in Deutschland das Projekt „Lehrverurteilungen – kirchentrennend?“ anregte? Soll es vatikanischerseits bei der inoffiziellen Antwort des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit bleiben? Der Papst hat die Arbeit der Gemeinsamen Ökumenischen Kommission in den letzten 30 Jahren gelobt, ausdrücklich die Verdienste von Kardinal Lehmann. Aber – so fragen Menschen an der Basis ebenso wie Theologinnen und Theologen: Wie lange muss die Christenheit auf die Rezeption offiziell in Auftrag gegebener Dialogergebnisse warten?
War es nicht Kardinal Ratzinger, der entscheidend dafür sorgte, dass die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre mit Hilfe der „Gemeinsamen Offiziellen Feststellung“ doch noch verabschiedet werden konnte? Wäre es zu viel erwartet, wenn Papst Benedikt im Gespräch mit den Vertretern der Evangelischen (und der Katholischen) Kirche – und im Beisein von Ökumenikerinnen und Ökumenikern! – (er)klären könnte, ob sich dieser „Meilenstein“ wirklich als „Stolperstein“ erweisen muss? Offenbar steht der Papst hinter der Methode des differenzierenden Konsenses. Mit großem Interesse hätten deshalb wir zur Kenntnis genommen, wenn er erklärt hätte, woran wir ablesen können, dass „das, was uns gemeinsam ist, größer ist als das, was uns trennt“, und wo wir aus seiner Sicht noch kirchentrennende Hindernisse beseitigen müssen.
Wir können nicht nur nicht hinter die ökumenische Öffnung durch das Zweite Vatikanische Konzil zurück, sondern auch nicht hinter das, was Christinnen und Christen im ökumenischen Miteinander gläubig und dankbar erfahren haben, sowie hinter den Stand sehr vieler ökumenischer Dialoge.
Wir sind in großer Sorge, dass die Kluft zwischen dem, was offiziell erklärt bzw. nicht erklärt wird, und dem, was die Menschen in den Gemeinden leben, immer größer wird. Gewiss hat das pastorale Lehramt eine Wächterfunktion, und es wird gegebenenfalls korrigierend eingreifen. Wenn dies allerdings – unter Auslassung wertschätzender und anerkennender Gesten der Rezeption – zur dominierenden Haltung wird, wird die Bereitschaft, überhaupt noch auf das Lehramt zu hören, immer weiter abnehmen. Wir stehen, gerade aus der Perspektive der uns bestimmenden Kommunikativen Theologie, ein für den „Trialog“ zwischen Gottesvolk und seinen beiden Instanzen des bischöflich-päpstlichen Lehramts und der wissenschaftlich arbeitenden Theologie. Dialog impliziert die Anerkennung der Anderen und das gemeinsame Hören auf das, „was der Geist den Gemeinden sagt“. Geleitet von diesem Interesse drängt es uns zur Stellungnahme.
Prof. Bernd Jochen Hilberath
Prof. Karl-Josef Kuschel

