Uni-Tübingen

Press Releases

07/26/2018

Ritzungen auf Mammutrippe aus Welterbe-Höhle geben Rätsel auf

Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren einen seltenen Knochenfund – Markierungen lassen eine Nutzung als Informationsträger annehmen

Mammutknochen mit Markierungsreihen. Foto: Hilde Jensen | Copyright Universität Tübingen
[Translate to Englisch:] Mammutknochen mit Markierungsreihen. Foto: Hilde Jensen | Copyright Universität Tübingen

Pressemitteilung des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren (urmu)

Schon vor mehr als 30.000 Jahren nutzten Menschen die Rippenknochen großer Tiere als Werkzeug – etwa zum Walken von Leder. Da große fetthaltige Knochen aber auch ein guter Ersatz für das in der Eiszeit knappe Brennholz waren, sind solch große Knochen aus dieser Zeit relativ selten erhalten geblieben. Wie Professor Nicholas Conard, Leiter der Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen, und seine Grabungsmannschaft nun im heute erschienen Jahrbuch „Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg“ berichten, wurde in der Welterbe-Höhle „Hohle Fels“ auf der Schwäbischen Alb ein Fund geborgen, der neue Interpretationen über die Nutzung solcher Knochen in der Altsteinzeit ermöglicht.

Professor Conard präsentierte den eindrucksvollen Fund am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren (urmu), dessen wissenschaftlicher Direktor Conard ist. Es handelt sich um die Rippe eines Mammuts, die in der Wohnhöhle der Altsteinzeit in den Schichten aus der sogenannten Gravettien-Periode gefunden wurde und somit zwischen 35.000 und 30.000 Jahre alt ist. Das Stück ist 44 Zentimeter lang, bei einer Breite von
5,1 Zentimetern und einer Dicke von 2,1 Zentimetern. Außergewöhnlich sind die Spuren der Bearbeitung, der Nutzung und die Markierungen darauf. Die Enden wurden abgerundet bzw. abgebrochen. Ganz besonders auffällig ist die dickere Kante der Rippe: Sie weist zwei Reihen von Markierungen auf. Eine zeigt 83 und die andere 90 Striche. An anderer Stelle weist die Rippe weitere 13 schwächere und längere Einschnitte auf. All diese Markierungen sind sehr gut erkennbare, saubere Einschnitte, die mit Sicherheit gezielt platziert wurden. Sie unterscheiden sich in Länge und Tiefe und wurden wahrscheinlich nicht in einem Durchgang eingeritzt.

„Die entscheidende Frage ist nun, welche Funktion dieser Fund besaß“, sagt Professor Conard, „obwohl viele gravettienzeitliche Funde Markierungen tragen, sind Vergleichsstücke aus Südwestdeutschland selten. Auch in anderen Regionen der Welt gibt es keine optimalen Vergleichsfunde. Wir vermuten stark, dass die Rippe als Informationsträger diente.“ Genau lasse sich nicht sagen, welche Art von Information hier festgehalten wurde. Die Ausgräber vermuten, dass etwas gezählt wurde. „Aber es ist unbekannt, ob es hier um Jagdbeute, Menschen, Tage, Mondzyklen oder etwas anderes ging“, sagt Conard weiter, „eine Art von Kalender ist zwar naheliegend, aber die Zahlen 83, 90 und 13 ergeben für uns kein klares System. Wir werden uns künftig näher mit diesen Fragen auseinandersetzen.“

Die Mammutrippe wird nun bis Anfang Januar 2019 im urmu als „Fund des Jahres“ ausgestellt. „Diese Mammutrippe steht in ihrer Interpretation zwischen komplexer symbolischer Bedeutung und einer ganz praktisch orientierten Nutzung im Alltag“, sagt Dr. Stefanie Kölbl, geschäftsführende Direktorin des urmu, „ob wir es hier mit kalendarischen Vermerken, mit Notizstrichen von komplizierten Arbeitsschritten oder mit einem altsteinzeitlichen Spiel zu tun haben, wissen wir nicht. Wir freuen uns aber darauf, mit unseren Besuchern eine spannende Diskussion darüber zu führen, wofür die Reihen aus 13, 83 und 90 Strichen wohl stehen könnten.“ Dr. Kölbl kündigt daher an, vor Ort in der Kabinettausstellung sowie auf Facebook (www.facebook.com/urmu.de) Ideen zu den Ritzungen auf der Rippe zusammenzutragen.

Das urmu liegt inmitten der Steinzeithöhlen, die von der UNESCO im Juli 2017 zum Welterbe „Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb“ ernannt wurden. Als das Museum für Altsteinzeit in Baden-Württemberg und Forschungsmuseum der Universität Tübingen stellt das urmu das eiszeitliche Leben der Jäger und Sammler am Rand der Schwäbischen Alb vor 40.000 Jahren vor. Prominentestes Exponat ist das Original der „Venus vom Hohle Fels“. (www.urmu.de)

Publikation:

Nicholas J. Conard, Alexander Janas: „Fortsetzung der Ausgrabungen am Hohle Fels und die Entdeckung einer markierten Mammutrippe aus dem Gravettien.“ Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg, Juli 2018,
S. 52-55.

Kontakt:

Prof. Nicholas Conard/ Universität Tübingen Abteilung für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie und Wissenschaftlicher Direktor Urgeschichtliches Museum Blaubeuren / Telefon +49 7071 29-72416 / nicholas.conardspam prevention@uni-tuebingen.de

Dr. Stefanie Kölbl / Geschäftsführende Direktorin Urgeschichtliches Museum Blaubeuren / Telefon +49 7344 9669 911 / koelblspam prevention@urmu.de

Mammutknochen mit Markierungsreihen. Foto: Hilde Jensen | Copyright Universität Tübingen

Ritzdetail: Die Striche sind in der Regel sehr gut erkennbare, saubere Einschnitte, die sicherlich gezielt platziert wurden. Foto: Hilde Jensen | Copyright Universität Tübingen

Das Knochenartefakt in Fundlage im Hohle Fels. Foto: Alexander Janas | Copyright Universität Tübingen

Grabungsübersicht im Hohle Fels im Juli 2017. Foto: Nicholas Conard |Copyright Universität Tübingen

 

Hohle Fels bei Schelklingen. Foto: Jens Burkert | Copyright Weltkultursprung

Höhlenhalle im Hohle Fels Foto: Jens Burkert | Copyright: Weltkultursprung

Pressemitteilung des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren (urmu)

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