Prof. Dr. Ottmar Fuchs

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Biographie

Veröffentlichungen

Forschungsansatz

Für eine politisch-prophetische Praxis der Christen und der Kirche.
Praktische Theologie als Kritik und Inspiration gesellschaftlicher Praxis der Kirche.


1. Als "Zeichen der Zeit", die uns bedrängen und bewegen, nehmen wir wahr: eine steigende Zahl von (z. T. geplanten) Völkermorden;
die wachsende Gefahr gentechnischer Manipulation, wie sie sich z. B. in der Praxis pränataler Selektion anbahnt;
eine von ökonomischen Imperativen gesteuerte Globalisierung mit ihren unübersehbaren Nebeneffekten der Vertiefung des Grabens zwischen Reichen und Armen sowie der Exklusion von Teilkontinenten und ganzen Völkern aus den internationalen Wirtschaftsprozessen;
eine marktgesteuerte massenmediale Überflutung der Bevölkerung mit Informationen, Weltbildern und Illusionen, die in ihren Auswirkungen auf die Bewusstseinsformen der breiten Massen als "Opium des Volkes" einzuschätzen sind und dadurch einer Aufklärung über die genannten weltweiten Unheils-Zusammenhänge im Wege stehen.
Gleichzeitig nimmt - nicht zuletzt genährt durch zunehmende Fälle von Korruption der politischen Eliten - die Politikverdrossenheit der Menschen, insbesondere der jungen Generation, beängstigende Ausmaße an.
Auch wenn uns diese vielen "Todeszeichen" derzeit ein Übermaß anzunehmen scheinen, übersehen wir dennoch nicht die "Lebenszeichen", z. B. einer "Globalisierung von unten", einer sich sammelnden weltweiten Protestbewegung gegen die Exzesse des neoliberalen Weltmarktes, die Bemühungen - nicht zuletzt von Vertretern der großen Weltreligionen - um ein Weltethos als Bedingung der Möglichkeit eines humanen Fortschritts der Menschheit.
Zu den hoffnungsvollen Zeitzeichen gehören nach unserer Einschätzung auch bestimmte religionsproduktive Tendenzen, wie die Sehnsucht vieler Menschen nach Sinnerfüllung, Meditation, transpersonalen Erfahrungen u. ä.

Angesichts der bedrängenden Fülle und Widersprüchlichkeit der (welt-) gesellschaftlichen Todes- und Lebenszeichen, die in mancher Hinsicht apokalyptische Züge tragen, wird die Notwendigkeit einer politisch-prophetischen Praxis der Christen und der Kirchen immer dringlicher. Umso schmerzlicher empfinden wir die gegenwärtige Praxis der katholischen Kirche in unserem Land durch die Merkmale geprägt, die den Aufbruch zu einer solchen Praxis lähmen:
- eine Binnenorientierung und Fixierung auf moralische, Amts- und Statuskonflikte,
- ein verschärftes Schisma zwischen Hierarchie und Kirchenvolk,
- die Fixierung auf die Mitgliederzahlen
Dadurch ist die Kirche in ihren Möglichkeiten begrenzt, sich an der Lösung der genannten Probleme wirkungsvoll zu beteiligen.

In dieser Situation sehen wir die Aufgabe der Praktischen Theologie vor allem darin, die apokalyptische Qualität der gegenwärtigen "Zeichen der Zeit" in der kirchlichen Öffentlichkeit bewusst zu machen und die Bedingungen einer politisch-prophetischen Praxis der Christen und ihrer Kirchen zu erkunden und zu beschreiben.

2. Der Vision einer politisch-prophetischen Praxis der Kirche entspricht u. E. ein Konzept einer eschatologisch-diakonischen Pastoral, wie wir es in den vergangenen Jahren zu entwickeln begonnen haben.
Die fundamentalen theologischen Optionen eines solchen Pastoralkonzepts sind die evangelische "Option für die Armen", wie sie das II. Vaticanum u. a. in der Programmatik von Gaudium et spes 1 bekräftigt hat, sowie die "Option für die Anderen" und die "Option für die Opfer".
Diese Optionen immer neu theologisch zu begründen und für die konkrete Praxis der Christen und der Kirche zu operationalisieren, gehört zu den zentralen Aufgaben Praktischer Theologie:
- die Option für die Armen ist für uns zugleich Ruf in der Nachfolge Jesu, der seine Verkündigung der Gottesherrschaft vorrangig den Armen zusprach, als auch Heilsangebot der "Bekehrung in der Metropole" als Bewohner des reichen Nordens der Erde; die Option für die anderen stellt uns in die Tradition des jüdischen Volkes, dem das Recht der Fremden heiliges Gesetz Jahwes war; sie verpflichtet uns Christen heute zur Parteinahme für Asylsuchende und Flüchtlinge, aber auch zum Einsatz für die Marginalisierten in unserer Gesellschaft;
- die "Option für die Opfer" erwächst aus dem ständigen theologischen Ringen um die Grenzen und Möglichkeiten der Verkündigung eines zugleich gerechten und barmherzigen Gottes, an dem zunehmend Menschen verzweifeln, weil er zu den Greueln in Tschetschenien und Bosnien ebenso zu schweigen scheint wie er in Auschwitz stumm blieb. An der "Option für die Opfer" richtet sich die Qualität jeglicher Martyria selbst: ob sie beschwichtigend gesellschaftliche Zustände legitimieren hilft oder diese anklagt und eben darin Gott anklagt und als Richter und Retter bekennt.

Eine Kirche, die sich der Botschaft des Evangeliums in dieser Weise verpflichtet weiß, kann diese nur in der Weise einer radikalen politisch-prophetischen Präsenz in der (Welt-)Gesellschaft verkünden. Sie wird die gegenwärtig boomende Rede von der "Gotteskrise" nicht als "Gegenrede" zur Kirchenkritik benutzen, sondern als kritischen Inbegriff für das kollektive Verdrängen, mit dem ein evolutionistisches Zeitverständnis jenes Ende leugnet, dessen Wirklichkeit in der jüdisch-christlichen Tradition als die Rede vom "Gericht" aufbewahrt ist.