Das Platon-Archiv in Tübingen

Das Platon-Archiv an der Universität Tübingen wurde im Jahre 1970 als Arbeitsstelle des Philologischen Seminars eingerichtet und übernahm die Nachfolge der zwischen 1950 und 1960 in Hinterzarten am Birklehof, einem altsprachlich ausgerichteten Internat, von Georg Picht aufgebauten gleichnamigen Einrichtung. Dort war mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft von angehenden und später namhaften Wissenschaftlern eine Zettelkartei des gesamten Wortschatzes der Schriften des Corpus Platonicum nach der Oxford-Ausgabe von J. Burnet erstellt worden, deren Verwaltung, Ordnung und weitere wissenschaftliche Bearbeitung unter die Ägide des Tübinger Platon-Archivs gestellt wurde. Das hier zusammen getragene Material – jedes bei Platon vorkommende Wort wurde im Kontext von fünf Zeilen erfasst – sollte die Basis sein für die Erarbeitung eines umfassenden Platon-Lexikons.

Konrad Gaiser hat die sich daraus ergebenden weiteren Aufgaben und Ziele der Tübinger Einrichtung in einem Bericht an die Heidelberger Akademie der Wissenschaften (veröffentlicht in einem Anhang zu der Abhandlung ‚Name und Sache in Platons Kratylos’ 1974) beschrieben; demnach war es neben der Verwaltung der Zettelkästen zum Platon-Wortschatz das Ziel, eine Spezialbibliothek zur Philosophie Platons aufzubauen sowie eine umfassende, nach Sachgebieten geordnete Spezialbibliographie zu Platon und seiner Philosophie zu erstellen. Eines der weiteren Ziele war die Betreuung wissenschaftlicher Arbeiten auf dem Gebiet der platonischen Philosophie, insbesondere sollten Studien zu einzelnen platonischen Begriffen angeregt und gefördert werden. Der ursprüngliche Plan der Erarbeitung eines umfassenden Platon-Lexikons wurde allerdings wegen der unzureichenden Kapazitäten der Einrichtung bereits in den 70er-Jahren ausgesetzt. Heute ist die umfangreiche Spezialbibliothek des Platon-Archivs in die Seminarbibliothek des Philologischen Seminars aufgenommen und damit allen frei zugänglich. Die 750 Zettelkästen mit dem gesamten Platon-Wortschatz, verzeichnet auf etwa 600000 Karteikarten, sind in der bislang vorliegenden Form jedenfalls vor allem ein Zeugnis für eine Epoche wissenschaftlichen Arbeitens, für welche der Zugriff auf elektronische Datenbanken noch keine Selbstverständlichkeit war.  

 

(K.-H. Stanzel)