Geteilte Klangwelten

Die Komponistengruppe der "Moskauer Trojka" zwischen transnationalem Erfolg und kulturpolitischem Wandel im letzten Drittel des 20. Jahrhundert

 

Projektgruppe:

Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Universität Tübingen:

 

Musikwissenschaftliches Seminar, Ruprecht Karls Universität Heidelberg:

Laufzeit:

  • 10/2013 – 10/2015
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Zusammenfassung des Projekts:

Als selbsternannte zweite sowjetische Avantgarde gehören Alfred Schnittke (1934-1998), Edison Denisov (1929-1996) und Sofia Gubaidulina (*1931) zu den schillerndsten Figuren in der internationalen Musikgeschichte des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts. Die Untersuchung der mit dem Westen geteilten Klangwelt dieser „Moskauer Trojka“ und der damit verbundenen kulturpolitischen Kontroversen vermittelt vielfältige Einblicke in die sowjetische Gesellschaft der 1970er und 1980er Jahre. So soll eine transnational erweiterte Politik- und Gesellschaftsgeschichte der sowjetischen Musikkultur im Kalten Krieg geschrieben werden. Das Projekt ist eng verbunden mit den vom Antragsteller am Tübinger Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde organisierten Verflechtungsstudien „across the blocs. Blockübergreifende Begegnungen und Resonanzen im Kalten Krieg“. Es will deren bisherigen thematischen Rahmen über Wissenschaft, Technik und Umwelt hinaus in den Bereich der Kultur erweitern, damit einen eigenen Akzent setzen und weitere Vorhaben anregen. Neben den verflechtungshistorischen Fragestellungen wird das Projekt neue Einblicke in das Gesellschaftssystem der späten Sowjetunion eröffnen. Der internationale Erfolg der Moskauer Trojka warf für das sowjetische Musik- und Kulturleben eine brennende Frage auf: Wie sollten im bestehenden institutionellen Gefüge die politischen Vorgaben des Parteistaats mit den wachsenden Ansprüchen der Komponisten nach kreativer Entfaltung in Einklang gebracht werden? Das Projekt thematisiert diese spannungsreiche Wechselseitigkeit von transnationaler Interaktion und kulturpolitischem Wandel. Es hinterfragt die für die Brežnev-Zeit gebräuchlichen Leitbegriffe wie „Stagnation“ und „Stabilität“. Ziel ist es, Dynamiken in der Zeit nachzuspüren, mit denen sich die Widersprüche sowie die Verflechtungen analytisch besser fassen lassen. Während der Perestrojka-Jahre und in postkommunistischer Zeit gelangte die „Moskauer Trojka“ zu immer größerem Ruhm. Einige ihrer Vertreter, Gefolgsleute und Schüler siedelten in den Westen über. Dieser kulturelle Aderlass löste in Moskau und Petersburg Ängste vor einem Ende der russischen Musik aus. Das Projekt historisiert diese zeitgenössische Wahrnehmung. Mit seiner über Grenzen und Zäsuren hinausgehenden Perspektive erörtert es zudem die noch wenig erforschten Erfahrungen und Folgen der Emigration für die postsowjetische Musikkultur. Das Projekt wählt einen multiperspektivischen Ansatz, um der Komplexität sowjetischavantgardistischer Musikkultur gerecht zu werden. Der biographische Zugang wird durch eine musikwissenschaftlich-historische Annäherung an das Schaffen und Wirken der Komponistengruppe erweitert. Das Projekt ist ein historisches Vorhaben, das zugleich interdisziplinär angelegt ist und einen Beitrag zur Musikgeschichte liefern will. Aus spätsowjetischer Perspektive eröffnen sich schließlich aufschlussreiche Einblicke in das vielschichtige Verhältnis von Musik und Moderne.