Zirkulation von Nachrichten und Waren

Zum Transfer moderner urbaner Lebensformen in der deutschsprachigen belletristischen Presse in Böhmen und Ungarn, 1815 – 1848

 

Projektgruppe:

Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Universität Tübingen:Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, Universität Tübingen:

Das Forschungsprojekt untersucht Prozesse und Formen der Modernisierung durch Unterhaltung, die sich auf der kulturellen Transferachse entwickelten und die Großstädte Leipzig, Wien und St. Petersburg verbanden. Zwei markante Knotenpunkte dieser deutschsprachigen Kommunikationsachse bildeten Pest und Prag. Im Untersuchungszeitraum nahmen beide Städte als kulturelle und literarische Zentren der Deutschen im östlichen Europa eine herausragende Stellung ein. Sie stehen darum im Mittelpunkt des Projekts. Ziel ist es, anhand der Analyse der belletristischen Presse und ihrer Netzwerke die Vermittlung neuer urbaner Lebensentwürfe zu untersuchen und dabei die Reziprozität des Kulturtransfers zwischen ‚West’ und ‚Ost’ anschaulich werden zu lassen.

Das Forschungsvorhaben setzt die schon etablierte und produktive Zusammenarbeit zwischen dem Institut für Empirische Kulturwissenschaft und dem Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Universität Tübingen fort. Die Projektarbeit verdichtet die in Tübingen begonnene und im Zentrum für die Erforschung deutscher Geschichte und Kultur in Südosteuropa gebündelte Forschung.

Außerhalb der Universität baut die Projektgruppe einen interdisziplinären Austausch mit dem Tübinger Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde und dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e. V. (IKGS) in München aus.

Laufzeit:

  • 2013-2015
Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Funded by the Federal Government Commissioner for Culture and the Media upon a Decision of the German Bundestag.

Themen und Fragen des Forschungsprojekts "Zirkulation von Nachrichten und Waren":

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts zeichnete sich europaweit ein Wandel innerhalb der dominanten Wissensordnungen ab. Im Bereich der Wissensvermittlung und Kommunikation lässt sich dieser Wandel als eine Verlagerung von den Strategien der Aufklärung hin zu Modellen von Unterhaltung beschreiben. Er wird besonders evident, wenn die Entwicklungen des deutschsprachigen literarischen Markts im Allgemeinen und der periodischen Presse im Besonderen betrachtet werden. An die Stelle der Vertreter einer Gelehrtenrepublik traten neue Akteure, die sich als Berufsschriftsteller und Journalisten verstanden. Briefe und Traktate wurden durch Skizzen und Feuilletons als moderne Formen literarischer Kommunikation abgelöst; die Enzyklopädien als Medium der Wissenstradierung verwandelten sich zu den Konversationslexika, die zur Grundlage einer kultivierten Geselligkeit wurden. Den Verflechtungen zwischen akademischen Hochburgen (Universitätsstädten) machten Netzwerke der Intellektuellen in urbanen Zentren zunehmend Konkurrenz.

Das Projekt geht von der Prämisse aus, dass sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Unterhaltungsdiskurs moderner urbaner Provenienz europaweit formierte. Die imperialen Metropolen London, Paris, Wien und Sankt Petersburg gaben nach 1800 die Maßstäbe für gesellschaftliches und kulturelles Leben städtischer Eliten vor. In einer produktiven Auseinandersetzung mit den Metropolenkulturen im Norden, Westen und Osten Europas entwickelten sich die aufstrebenden Städte in der Mitte Europas zu neuen urbanen Zentren. Über die so entstehenden neuen Lebenswelten berichteten Zeitungen und Zeitschriften ausführlich. Die periodisch erscheinenden Druckerzeugnisse waren damit maßgeblich an der Inszenierung einer neuen imaginären, grenzüberschreitenden Gemeinschaft beteiligt; sie veranschaulichten damit zugleich den großen Einfluss deutscher Kultur im östlichen Europa.

Das Forschungsvorhaben versteht sich als Beitrag zur transnationalen Geschichtsschreibung und verbindet in seiner Vorgehensweise systematisch die Perspektiven von germanistischer, osteuropäischer und  südosteuropäischer Fachexpertise. Es rekonstruiert eine europäische Topografie des „geselligen Lebens“, die sich in Wechselwirkung mit den tradierten Formen einer kosmopolitischen höfischen Gesellschaft einerseits und den nationalstaatlichen Bestrebungen der bürgerlichen Gesellschaft andererseits entwickelte und behauptete.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die deutschsprachigen Akteure und Medien der Unterhaltung in Böhmen und Ungarn. Erörtert werden Fragen nach Vermittlung des Wissens über einen modernen urbanen Lebensstil in einem Korrespondentennetzwerk, das Pest und Prag, Leipzig, Wien und St. Petersburg umfasste. Diese stetig anwachsende Zirkulation von Nachrichten und Waren wird mit dem Schwerpunkt auf Presse und materieller Kultur im Rahmen des Vorhabens untersucht. Dabei werden personelle Netzwerke und publizistische Strategien anhand von zwei zentralen Fallbeispielen der belletristischen Zeitungen in Ungarn und Böhmen rekonstruiert. Ziel des Vorhabens ist es, die spezifischen medialen Konstellationen von Unterhaltung auf dem deutschsprachigen belletristischen Pressemarkt nachzuzeichnen, die im Wechselspiel zwischen den imperialen Metropolen und den aufstrebenden Großstädten in Mitteleuropa entwickelt, durchgesetzt oder auch verworfen wurden. Auf diesem Wege werden markante Aspekte einer deutschen Kulturgeschichte im ostmittel- und südosteuropäischen Raum sichtbar, deren Relevanz bislang von der Forschung noch nicht hinreichend herausgearbeitet worden ist.