Jan Stellmann

Anschrift Büro:

Universität Tübingen

Graduiertenkolleg 1662 „Religiöses Wissen“

Keplerstr. 2

72074 Tübingen

jan.stellmann[at]uni-tuebingen.de

 

2008–2014

Studium der Germanistik, der Politik- sowie derWirtschaftswissenschaften in Göttingen, Prag und Tübingen (B.A., M.A.)

2012–2014

Studentische Hilfskraft für den Masterstudiengang ‚Deutsche Literatur‘, am Lehrstuhl für „Deutsche Literatur des Mittelalters im europäischen Kontext“ (Prof. Dr. Annette Gerok-Reiter) und im Rahmen des ESIT-Projekts („Erfolgreich Studieren in Tübingen“)

seit 04/2014

Kollegiat im Graduiertenkolleg „Religiöses Wissen“ der Eberhard-Karls-Universität Tübingen

 

Projektbeschreibung

Werkmeister des Wortes. Religiöses Wissen in der Poetologie höfischen Erzählens um 1200

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts beginnt ein bedeutsamer neuer Abschnitt in der deutschen Literaturgeschichte. Denn mit den höfischen Romanen gelangen erstmals in größerem Umfang volkssprachliche Texte mit weltlicher Thematik aufs Pergament. Die Antiken-, Artus- und Tristanromane handeln von minne und êre, von Ritterschaft und Frauendienst. Im Zentrum stehen Fragen nach ritterlicher Bewährung und dem richtigen ‚diesseitigen‘ Leben sowie nach dem Verhältnis von Mann und Frau im Rahmen der höfischen Gesellschaft. Doch sollte die weltliche Thematik der höfischen Romane nicht dazu verleiten, auch das ‚Wie‘ des Dichtens – die Poetologie(n) der erzählenden Texte um 1200 – ausschließlich mit den Begriffen der Säkularisierung und Emanzipation von klerikalen Literaturmodellen zu definieren. Die höfische Literatur ist gerade nicht als unabhängig von der „christlichen Literaturtheorie“ (Walter Haug) und mithin als autonom anzusehen. Vielmehr bietet sich das Konzept des ‚religiösen Wissens‘ an, um umgekehrt die Ausrichtung der Selbstbeschreibungsentwürfe der volkssprachlichen weltlichen Literatur am theologischen lateinischen Diskurs aufzuarbeiten.

Mein Promotionsprojekt setzt hier an und versucht so, ein neues Verständnis volkssprachlicher Poetologien zu ermöglichen. An zentralen, stilbildenden Texten der sogenannten höfischen Klassik wie dem Eneasroman Heinrichs von Veldeke, dem Erec Hartmanns von Aue, dem Parzival Wolframs von Eschenbach und dem Tristan Gottfrieds von Straßburg soll die Spezifik volkssprachlicher ‚Poiesis‘ vor dem Hintergrund des religiös-theologischen Schöpfungsdiskurses aufgezeigt werden. Ausgerichtet am höchsten ‚Autor‘ Gott, den die christlichen Theologen seit der Spätantike in der Tradition des platonischen Demiurgen als deus artifex, als ‚Handwerkergott‘ imaginieren, figurieren die höfischen Romane Autoren, deren dichterisches ‚Selbstverständnis‘ mit dem Begriff der Artifizialität beschrieben werden kann.

Allerdings finden die Konstitution von Autorbildern und die poetologische Reflexion nicht vorrangig in den Prologen der Texte statt. Während die Heldenepik, z. B. das Rolandslied des Pfaffen Konrad oder der Willehalm Wolframs von Eschenbach, sich mittels topischer Inspirationsbitten ihre Autorfiguren nach dem Modell des poeta divinus erschreibt, bilden die ‚klassischen‘ höfischen Romane in ihren Prologen keine deutlichen Autorprofile aus. Vielmehr hat die poetologische Reflexion ihren Ort in den zahlreichen Beschreibungen, in denen nicht nur kunstvolle Artefakte sprachlich präsentiert werden, sondern auch der jeweilige Text als ‚Sprachwerk‘ im Fokus steht. Wenn Veldeke das Grabmal der Amazonenkönigin Camilla, wenn Hartmann im Erec den Sattel von Enites Pferd und wenn Gottfried Tristans Rüstung beschreibt, gerät auf der poetologischen Ebene der Text zum Artefakt.

Ein hervorragendes Beispiel bietet der letztgenannte Text, der Tristan, in dem Gottfried die Verquickung von göttlicher und menschlicher Artifizialität auf besonders eindrückliche Weise entfaltet. Vor einem wichtigen Kampf stattet er seinen Helden mit einer hochartifiziellen, mit höchster menschlicher Meisterschaft gefertigten Rüstung aus (vv. 6534–6720; ed. R. Krohn, Bd. 1, Stuttgart 122007). Doch die Qualität dieses menschlichen Artefakts steht hinter dem eigentlichen, der Rüstungsbeschreibung inserierten Meisterwerk, dem niuwen wunder (v. 6635), das sich unter der Rüstung befindet, unendlich weit zurück. Denn der Körper des Romanhelden Tristan ist ein ‚Kunst-Produkt‘ des deus artifex (siehe vv. 6635–6656) – und Gottfried ruft die ‚Weisheit des (göttlichen) wercmanes‘, die an Tristan erscheine, geradezu aus: des wercmannes wîsheit / hî, wie wol diu dar an schein! (v. 6652f.). Der göttliche Bildner übertrumpft den menschlichen wercman (v. 6628) der Rüstung um ein Vielfaches.

Gottfried spielt somit die ‚göttliche‘ gegen die ‚menschliche‘ Artifizialität aus, wie bereits auf der lexikalischen Ebene deutlich wird (sc. wercman). Doch was bedeutet dies für die Poetologie des Tristan-Romans? Wie Gottfried an jener Stelle mehrfach herausstellt (siehe etwa vv. 6501–6509, 6561–6568), ist er derjenige, der die Beschreibung seiner Figuren verantwortet. Seine ganze Kunstfertigkeit spart er bspw. für den Helden Tristan auf. Das heißt aber auch: Gottfried ist derjenige, der den deus artifex aufruft. Entsprechend strahlt ein gutes Stück von dessen ‚poietischer‘ Autorität auf den menschlichen Autor Gottfried ab. Göttlich-kreative und menschlich-mimetische Kunstfertigkeit wirken zusammen, bzw. wie Gottfried sagt: beidiu, îsen unde man, / geworhten schoener bilde nie (v. 6690f.).

Die höfischen Romane reflektieren also, so abschließend meine These, ihre eigene Gemachtheit, indem sie göttliche und menschliche Kunstfertigkeit ineinander verfugen. Folglich wird der zugehörige Autortypus des poeta artifex (nicht zu verwechseln mit dem seit der Antike bekannten poeta faber!) nur in seinem Bezug zum göttlichen artifex vollständig erfasst. Ausdrücklich möchte ich die mittelalterlichen Autorfigurationen nicht im Zeichen des neuzeitlichen poeta creator lesen. Statt solcher Rückprojektionen erstrebe ich einerseits eine Diskursivierung der höfisch-weltlichen Literatur der Zeit um 1200 vor dem Hintergrund des theologisch-religiösen Wissens dieser Zeit. Dass die volkssprachliche Literatur dabei immer auch eigene Wege geht, soll andererseits ebenso deutlich werden. Aber erst in der produktiven und transformierenden Auseinandersetzung mit ‚religiösem Wissen‘ können sich die Poetologien der höfischen Romane in ihrer ganzen, bis heute faszinierenden Komplexität profilieren.