Was ist Sprachwissenschaft?

Die Sprachwissenschaft hat eine lange Geschichte, die im abendländischen Raum bis zur philosophischen Kategorienlehre der Antike zurückreicht. Sprachwissenschaft als eigenständige Disziplin hat sich im 19. Jahrhundert etabliert; das Interesse der Sprachforscher war dabei auf die diachrone, also geschichtliche Entwicklung einzelner sprachlicher Erscheinungen und die Ermittlung der gemeinsamen Ursprünge als verwandt erkannter Sprachen gerichtet; die bekanntesten Ergebnisse sind die Etablierung der Verwandtschaftsverhältnisse für die sog. indogermanischen Sprachen und die sog. Lautgesetze. Die moderne Linguistik richtet sich primär (aber nicht ausschließlich) auf das Sprachvermögen bzw. Sprachsystem, das sich im synchronen (zu einer gegebenen Zeit vorfindlichen) Zustand einer Sprache in ihrer Gesamtheit manifestiert. Ziel ist es die zentralen Komponenten dieses Sprachvermögens in ihrem wechselseitigen Zusammenwirken systematisch zu erfassen.

 

Die moderne Linguistik versteht sich nicht mehr als Teil der historischen Philologie, sondern bildet eine selbständige Disziplin im Bereich der Kognitionswissenschaften. Gegenstand der Kognitionswissenschaften ist der Erwerb, die mentale Repräsentation und die Verarbeitung von Wissen. Die Linguistik hat es mit dem Erwerb, der mentalen Repräsentation und der Verarbeitung des sprachlichen Wissens zu tun. Ausgangspunkt linguistischer Forschung ist die Tatsache, dass jeder gesunde Mensch in seinen ersten Lebensjahren die Sprache(n) seiner Umgebung perfekt und relativ mühelos lernt. Dies weist darauf hin, dass die Sprachfähigkeit (die Disposition zum Erwerb einer natürlichen Sprache) angeboren ist, sie gehört zur biologischen Natur des Menschen und ist durch universale Prinzipien gekennzeichnet, die allen natürlichen Sprachen gemeinsam sind. Ein erstes Ziel linguistischer Forschung ist es, die in der Vielfalt verschiedener Sprachen verborgenen universalen Prinzipien aufzudecken. Zur Natur der Menschen gehört freilich auch, dass sie Gruppen und größeren gesellschaftlichen Verbänden zusammen leben, in denen sie eine gemeinsame Kultur und Sprache ausbilden. Die Verschiedenheit der Kulturen bildet eine wesentliche Grundlage für die Verschiedenheit der Einzelsprachen und (soweit unterschiedliche Kulturen in Kontakt zueinander treten) auch für ihre historische Veränderung. Ein weiteres Ziel der Sprachwissenschaft besteht dementsprechend darin, die Besonderheiten der jeweiligen Einzelsprachen und ihrer verschiedenen diachronen Zustände in Konfrontation mit den universalen Prinzipien herauszuarbeiten, und dabei auch die Rolle des Spracherwerbs, für die Tradierung von Einzelsprachen wie für ihre Veränderung, zu klären.

 

Die kognitiven Wissenschaften verdanken ihren Aufstieg zu Beginn der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts grundlegenden Einsichten von Noam Chomsky. Die zentrale These Chomskys besagt, dass allem individuellen Handeln bestimmte mentale Zustände zugrunde liegen. Mit Bezug auf die Sprache bedeutet dies, dass die im menschlichen Geist verankerte Sprachfähigkeit / Sprachkompetenz der je aktuellen Sprachverwendung logisch vorgeordnet ist. Die Linguistik verfolgt dementsprechend das Ziel, die zentralen Komponenten und Eigenschaften der sprachlichen Kompetenz herauszuarbeiten. Ansatzpunkt dafür ist die Kreativität der Sprache, also die Tatsache, dass ein Sprecher jeden beliebigen Sachverhalt sprachlich erfassen kann. Dies bedeutet, dass die Vielfalt verschiedener Sätze ebenso unendlich ist wie die Vielfalt verschiedener Sachverhalte. Da die Speicherkapazität des Gehirns endlich ist, folgt daraus, dass die unendlich vielen verschiedenen Sätze aus einem endlichen Inventar von grammatischen Einheiten und Kombinationsprinzipien erzeugbar (generierbar) sind. Die Grammatikforschung ist in diesem Sinne notwendig 'generativ' orientiert.