Deutsch-französisches Doktorandenkolleg Tübingen - Aix "Konfliktkulturen / Kulturkonflikte"

Kultur und Konflikt miteinander in Verbindung zu bringen, ist keine Selbstverständlichkeit. Seit der Aufklärung sind die Konzepte von Kultur und Zivilisation mit einer zivilisatorischen Mission betraut worden, die den Krieg aller gegen alle beenden und das Zeitalter barbarischer Gewalt überwinden sollte. In dem Maß, in dem Kultur und Zivilisation Synonyme für Kommunikation werden, für Austausch, Toleranz, Vermittlung und Handel, in dem Maß werden sie Antonyme für „Konflikt“. Auch, wenn es vereinfachend wäre, Kultur und Konflikt systematisch zu amalgamieren, erscheint es uns doch gerechtfertigt, die Hypothese eines grundlegenden Chiasmus zu erkunden: der Konflikt zwischen Kulturen wäre das Spiegelbild einer Kultur des Konflikts und vice versa. Die Theoriemodelle, die die agonistische Dimension von Kultur anführen, finden sich aus dieser Perspektive bestätigt und bestärkt.

 

In historischer Perspektive wird die europäische Kultur durch konfliktuelle “Identitäten” und deren Interaktion beherrscht. Die Atomisierung und Heterogenität moderner Gesellschaften resultieren aus einem gänzlich neuen System von Interaktionen, Verschiebungen, Migrationen und Mobilisierungen, das die vernetzte Moderne und die Globalisierung prägt. Dieser Prozess der Verstreuung wirkt sich auf die Sprache aus, auf Religion und Lebensweisen – und er schlägt sich in der literarischen und künstlerischen Produktion nieder, wo man das Echo der gesteigerten sozialen und kulturellen Spannungen findet. Im selben Zug stellt das kulturelle Feld jene Mittel zur Verfügung, mit denen sich Konflikte in Sprache, Symbole und Praktiken übersetzen lassen und mit denen sie zum Gegenstand der Reflexion gemacht werden können. Wir wollen Kunstwerke und Kulturtheorien neu lesen – mit dem Maßstab dieser agonistischen Dimension und der Einordnung in die Diversität längerer Zeiträume.

 

Die verschiedenen Verbindungen zwischen Konflikt und Kultur bilden sich in gegebenen historischen und geographischen Kontexten. Derjenige der deutsch-französischen Kontexte ist besonders bedeutsam. Sie bilden über einen langen Zeitraum Rivalitäten und Konstruktionen entgegengesetzter Identitäten ab und thematisieren gleichzeitig allgemeinere Antagonismen wie Demokratie vs autoritäres System, Aufklärung vs romantischer Dämonismus. Unser deutsch-französisches Kolleg bietet somit die Aussicht, die Betonung deutsch-französischer Polarität und die totalisierende Konzeption von Kultur in Frage zu stellen. Die transkulturelle Perspektive erlaubt uns dabei Folgendes zu analysieren:

 

  • die historiographischen und geographischen Apriori, die deutsche und französische Historiker, Philosophen dazu veranlassen, den Konflikt und seine Regulierung auf jeweilige Weise zu fassen
  • den Konflikt in verschiedenen Kulturtheorien
  • die „realen“ dt.-frz. Konflikte (ereignisgeschichtlich in moderner und Zeitgeschichte)
  • die Konflikte, die die dt.-frz. Vermittlungsarbeit bestimmen
  • die Darstellung von Konflikten in französisch- und deutschsprachigen Texten und in der Bildkultur (Photo, Kino…) oder für ältere Epochen in lateinischer Produktion
  • die Interferenzen der deutsch-französischen Konflikte in Denkformen und in der Kultur

 

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