Wissenschaftstag Geschlechterforschung am 18.12.2017

Angesichts aktueller Diskussionen um die Relevanz von Gender Studies an deutschen Hochschulen, beziehen wir, das Institut für Medienwissenschaft, hiermit Stellung:

Das Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen steht mit seinen Lehr- und Forschungstätigkeiten in der Tradition einer kultur- und gesellschaftstheoretisch fundierten Medien- und Kommunikationsforschung. Diese gründet auf dem Einbezug vielfältiger theoretischer Ansätze und Methoden. Geschlechtertheorien und die international etablierten Gender Media Studies betrachten wir als selbstverständlichen und wichtigen Bestandteil unserer wissenschaftlichen Arbeit und der akademischen Qualifizierung der Studierenden.

Denn wir leben in einer Mediengesellschaft, in der Facebook schon 2014 verkündete, dass allein die Geschlechterkategorien ‚Mann’ und ‚Frau’ nicht ausreichen, um es Nutzer*innen zu ermöglichen, ihre Identität auszudrücken. Das Bundesverfassungsgericht verfügte im November 2017 die Zulassung einer behördlichen Registrierung jenseits von Männlichkeit und Weiblichkeit. Serien des so genannten Quality-TV präsentieren über Streamingdienste mit „Transparent“, „How to get away with murder“ oder „Modern Family“ schon seit Jahren, dass Normalität und Familie auch lebbar ist jenseits traditioneller Vorstellungen.

Zugleich zeigt eine aktuelle Studie: Männer erklären uns im deutschen Fernsehen die Welt. Im Bereich der Information gibt es deutlich mehr männliche Journalisten und Moderatoren. Auch die Experten sind überwiegend männlich: 79 Prozent in der Information, 69 Prozent in Unterhaltungsprogrammen. typo3/#_ftn1Die journalistische Berichterstattung über Politikerinnen sieht deutlich anders aus als über Politiker: Das ‚Gendering’ von Führungspositionen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in der Medienkommunikation ist vielfach belegt. Aus guten Gründen also kämpft ‚ProQuote Medien’ als Vereinigung von Journalistinnen und Journalisten seit Jahren für eine paritätische Besetzung von Führungspositionen in Medienhäusern. Auch die Welt in Filmen hinkt der Realität hinterher: 40% aller Frauen sind berufstätig, in fiktionalen Rollen sind es nur 20%, davon nur 1% als Managerinnen, Politikerinnen oder Wissenschaftlerinnen. Und die Studie „Gender Bias Without Borders“, in der die zehn erfolgreichsten Filme unterschiedlicher Länder untersucht werden, ergab: Im Bereich der sexualisierten Darstellung von Frauen liegt Deutschland an der Spitze.

Im Institut für Medienwissenschaft beschäftigen wir uns mit solchen Phänomenen und greifen sie im Dialog mit den Studierenden auf – auch damit wir uns auf der Höhe des internationalen Forschungsstands bewegen und der Verantwortung in unserer Lehre als Beitrag für ein demokratisches Zusammenleben gerecht werden.


 

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