PD Dr. phil. habil. Thomas Grundmann

Stellen Sie sich einmal die folgende Situation vor: Ein Chemiker wird nach seinem persönlichen Verständnis der Chemie gefragt. Ich vermute, diese Frage kommt Ihnen irgendwie merkwürdig vor. Natürlich könnte uns der Chemiker sagen, womit sich die Chemie beschäftigt und welche Methoden für sie einschlägig sind. Aber seine Antwort hätte wenig mit seiner Person zu tun, und wir würden erwarten, daß verschiedene Chemiker in ihren Antworten weitgehend konvergieren. Mit der Philosophie verhält es sich völlig anders. Was Philosophie ist, darüber herrscht kein Einvernehmen unter den Philosophen. Ihre Antworten auf die Frage nach ihrem Philosophieverständnis verraten deshalb auch etwas über sie selbst. Diese Besonderheit der Philosophie hängt eng damit zusammen, daß das philosophische Denken sich nicht wie die Einzelwissenschaften im Rahmen einer normalerweise un-hinterfragten thematischen Ausrichtung und Methode bewegt, sondern stets auch ihre eigenen Methoden und Gegenstandsbereiche zum Thema hat. Die Philosophie geht nicht direkt auf die Sachprobleme zu, sondern sie ist selbstreflexiv. Das macht die Frage nach dem philosophischen Selbstverständnis interessant, sorgt aber auch dafür, daß ihre Beantwortung schwierig ist.

 

Meine folgenden Überlegungen zur Philosophie sollten als ein vorsichtiger Versuch verstanden werden, mein philosophisches Selbstverständnis darzulegen. Drei Leitfragen sind mir dabei besonders wichtig:
1. Was ist das Thema der Philosophie?
2. Gibt es eine philosophische Methode? Ist die Philosophie eine Wissenschaft?
3. Wenn die Philosophie eine Wissenschaft ist, ist sie nur das?

 

(ad 1) In der Philosophie geht es nicht in erster Linie um das Verstehen und Interpretieren klassischer Texte von Philosophen (also Philosophiegeschichte), sondern darum, Sachprobleme zu diskutieren. Unter der leitenden Perspektive dieser Sachprobleme ist es allerdings nützlich, Antworten und Argumente früherer Philosophen zu berücksichtigen und zu diskutieren. Genau so sind auch alle großen Philosophen mit der philosophischen Tradition umgegangen. Allerdings ist es heute schwieriger geworden, den Gegenstandsbereich der Philosophie von den Einzelwissenschaften abzugrenzen. Man kann zum Beispiel nicht mehr einfach sagen, daß die Philosophie für die geistigen Phänomene zuständig ist, nachdem sich die Psychologie im 19. Jahrhundert von der Philosophie abgespalten hat. Ich glaube aber, daß für die Philosophie mehr übrigbleibt als die Beschäftigung mit rein formalen Fragen (Logik, formale Wissenschaftstheorie). Es gibt eine Vielzahl von allgemeinen inhaltlichen Fragen, die in den Einzelwissenschaften keinen Platz haben. Um nur ein Beispiel aus der theoretischen Philosophie zu nennen: Die Physik sagt uns, welches die kleinsten mikrophysikalischen Teilchen sind (Strings, Quarks), aber sie stellt sich nicht die Frage, was ein Teilchen ist, was eine Eigenschaft ist, wie Teilchen Eigenschaften haben können oder was Existenz ist. Für diese Fragen ist nicht die Physik, sondern die philosophische Ontologie zuständig. Ähnliche Beispiele lassen sich auch für die Erkenntnistheorie, die Philosophie des Geistes, die praktische Philosophie usw. geben.

 

(ad 2) Philosophen haben lange geglaubt (und halten auch heute noch oftdaran fest), daß es gegenüber der empirischen Methode der Einzelwis-sen-schaften eine eigenständige philosophische Methode gibt, nämlich die apriorische Erkenntnis aus reiner Vernunft. Diesbezüglich bin ich eher skeptisch. Ich glaube, daß philosophische Theorien aufgrund des allgemeineren Charakters ihrer Aussagen zwar nicht so direkt wie einzelwissenschaftliche Theorien durch die Erfahrung bestätigt oder widerlegt werden, daß ihre Rechtfertigung aber auch (wenn auch indirekter) von der Erfahrung abhängt. Hinzu kommen konzeptuelle, explanatorische und systematische Überlegungen. Der methodische Unterschied zu den empirischen Wissenschaften ist also kein prinzipieller, sondern eher gradueller Natur. Solange die Philosophie streng argumentativ verfährt, klar und verständlich formuliert ist und kritisierbar bleibt, sollte man ihr deshalb die Wissenschaftlichkeit nicht absprechen. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang, daß das Methodenideal der Philosophie nicht vorschnell verengt wird, sondern ein gewisser Pluralismus toleriert wird. Außerdem ergibt sich, daß die Philosophie die Ergebnisse der Einzelwissenschaften nicht ignorieren darf, sondern bei ihren Überlegungen berücksichtigen muß. Übrigens gilt das auch in umgekehrter Richtung.

 

(ad 3) Beschränkt sich die Philosophie also darauf, Wissenschaft allgemeiner, struktureller und formaler Phänomene zu sein? Ich glaube, daß die Philosophie mehr als nur Wissenschaft ist. Sie impliziert auch eine bestimmte allgemeine Einstellung der Philosophen zur Welt. Sie ist, wenn man es so nennen will, eine Lebensform. In der Philosophie üben wir uns darin, Vormeinungen, auf die wir uns alltäglich unhinterfragt verlassen, reflektierend zu problematisieren, ohne daß dieser Reflexion Grenzen gesetzt sind. Wir üben uns darin, selbstbestimmt, aufgeklärt und kritisch zu leben.