Prof. Dr. phil. habil. Cornelia Klinger

Ihrem in der abendländischen Tradition überlieferten Begriff nach stellt Philosophie eine Erkenntnis- und Wissensform dar, die seit dem Niedergang der Metaphysik und dem Beginn des modernen Zeitalters mit der Möglichkeit ihres Endes ebensowohl ringt als auch rechnet.

 

Von dem, was an der Denkform Philosophie in der Moderne grundsätzlich und in der Gegenwart noch zunehmend und wohl endgültig fragwürdig geworden ist, steht an erster Stelle ihr Anspruch auf einen universalen, d.h. von historischen, kulturellen, gesellschaftlichen und sonstigen spezifischen Gegebenheiten (einem "Zeitkern" Horkheimer/Adorno) nicht konditionierten und relativierten, sondern allseitig und vollständig unbedingten, absoluten Erkenntnisstandort und damit einhergehend auf das Erkennen des Ganzen, der Totalität, des "Seins", der "Welt", des "Menschen". In der Folge des Siegeszuges des modernen (natur–)wissenschaftlichen Erkenntnisparadigmas hat Philosophie als auf systematische Einheit und universale Vollständigkeit angelegte Wissensform ihre Plausibilität verloren. Zugleich hat sie ihre Stellung und Funktion als gesellschaftsleitender und -legitimierender Diskurs eingebüsst.

 

In diesem Sinne muss die philosophische Tradition des Abendlandes als abgeschlossen und als nicht länger anschlussfähig gelten: "si [la philosophie] existe encore, ce n'est plus désormais que comme tradition; et une tradition désormais close" (Philippe Lacoue-Labarthe, La fiction du politque. Heidegger, l'art et la politique. (Christian Bourgeois) 1987. S. 14.) .

 

Vielfach wird daher die Beschäftigung mit Philosophie von denen, die diese Disziplin im akademischen Unterricht vertreten, in einer Weise begründet und legitimiert, die den geläufigen Begründungen, warum eine "tote" Sprache - wie zum Beispiel Altgriechisch oder Latein - erlernenswert ist, nicht unähnlich ist. Zum einen wird die Bedeutung der Kenntnis der philosophischen Tradition für das Verstehen der kulturellen Tradition, des "abendländischen Erbes", von dem sich auch unsere Gegenwart noch herleitet, hervorgehoben. Daneben wird zweitens der Nutzen herausgestellt, den das Erlernen der Regeln und Gesetze, der Strukturen und Mechanismen des Denkens als solchem erbringt ("wer Philosophie studiert, lernt - abgesehen von allen Inhalten - in erster Linie 'richtig' denken").

 

Die erste Argumentationslinie verläuft historisch und betont das Eigene, das "Unsere", mithin etwas eingestandenermaßen Partikulares; die andere kann demgegenüber einen gewissen Universalitätsanspruch wahren (oder meint es zu können), allerdings um den Preis, sich auf das Formale zu beschränken. Beide Argumentationen sind gleichermaßen vernünftig und berechtigt; allerdings sind sie auch beide gleichermaßen defensiv.

 

Wenn Philosophie trotzdem auch heute noch mehr anzubieten hat als den gewaltigen Fundus, welchen das Korpus einer "toten Sprache" bereitstellt, dann eröffnet sich der Zugang dazu über einen jener Aspekte, die zunächst als Symptom der Schwäche und des Niedergangs in Erscheinung treten mögen. Indem Philosophie ihre Rolle und Bedeutung als gesellschaftsleitendes und -legitimierendes Erkenntnisparadigma an die (Natur)wissenschaften verloren hat, eröffnet sich die Chance von Opposition und Kritik, Reflexivität und Zweifel. Von der Aufgabe entlastet, zu verstehen und zu erklären was ist und in der Folge davon befreit von der Verpflichtung, das Bestehende zu affirmieren, das (Vor–)Herrschende zu rechtfertigen, ist Philosophie in der Moderne in der Lage gewesen kritische Perspektiven zu entwickeln.

 

Die grossen Philosophen der Moderne waren keine Philosophen-Könige, sondern allesamt "masters of suspicion". Der Verdacht bezieht sich nicht allein auf gesellschaftliche und politische Verhältnisse im engeren Sinne, er erstreckt sich auch und vor allem auf die in Geltung stehenden Prinzipien des Denkens und Erkennens, des Wollens und Handelns.

 

Während in der unmittelbaren Gegenwart das spezifisch moderne Pathos der Kritik seine Strahlkraft verloren zu haben scheint, ist ein Einspruch gegen die Systemabschließung eines Systems, das auf den Verzicht auf Einheit und Ganzheit zum Dogma erhoben hat, nur um so wichtiger.