Teilprojekt E02
Ressource Mensch: Sicherung agrarischer Arbeitskraft und bedrohte Herrschaftsordnungen zwischen 300 und 900 n. Chr.

 

 

Abstract

Teilprojekt E02 untersucht, wie die spätantik-frühmittelalterlichen Eliten die in jener Epoche latent stets vorhandene Bedrohung ihrer sozioökonomischen Machtgrundlagen durch Mangel an agrarischer Arbeitskraft bewältigten. Im Mittelpunkt steht dabei ein zentrales Instrument dieses re-ordering, nämlich rechtliche Regularien zur Unterbindung der sozialen und räumlichen Mobilität agrarischer Arbeitskräfte. Im Projekt sollen vergleichend drei Phasen untersucht werden, die eine entsprechende Bedrohungskommunikation und zugehörige Praktiken des re-ordering in signifikanter Verdichtung aufweisen: die Jahre um 375, um 530 und um 830.

 

 

Projektteam

Projektleitung:

Prof. Dr. Steffen Patzold

Prof. Dr. Mischa Meier

Prof. Dr. Sebastian Schmidt-Hofner

 

Mitarbeiter/innen:

Florian Battistella

David Pitz

Elena Ziegler

 

Hilfskräfte

N.N.

 

Fachgebiete und Arbeitsrichtung

 Alte Geschichte - Mittelalterliche Geschichte

 

 

Projektbeschreibung

 

In der Übergangsphase zwischen Antike und Mittelalter war die aus Landbesitz zu generierende Überschussproduktion die wesentliche ökonomische Ressource für Staat und Eliten im europäisch-mediterranen Raum. Die Verfügbarkeit agrarischer Arbeitskraft war daher von grundlegender Bedeutung; ihr Mangel bedrohte die Stellung und Handlungshorizonte der Eliten, ja der gesamten sozialen Ordnung und erzeugte dementsprechend Bedrohungskommunikation. Solche Überlegungen werden in Elitendiskursen widergespiegelt, vor allem aber durch eine in bestimmten Momenten besonders hohe Produktion von Rechtstexten und Verwaltungsschrifttum belegt, die den bedrohlichen Mangel agrarischer Arbeitskräfte etwa durch Regularien zur Unterbindung ihrer sozialen und räumlichen Mobilität bewältigen sollten und so dem re-ordering der bedrohten Ordnung auf praktischer und kommunikativer Ebene dienten. Solche Regularien konnten sowohl Einzelne (vom Sklaven bis zum persönlich Freien) als auch größere Personengruppen, beispielsweise die ins Römische Reich aufgenommenen ‚Barbaren‘-Gruppen, betreffen. Ein markantes Beispiel hierfür stellt die sog. Schollenbindung dar, eine Erscheinung, für die von der Spätantike bis zum 9. Jahrhundert der Sammelbegriff des Kolonats (colonatus) verwendet wurde; faktisch verbergen sich hinter diesem Begriff diverse, in rechtlicher Form und praktischer Bedeutung sehr unterschiedliche Ausprägungen der Bindung.

 

Bislang sind diese Phänomene in der Regel für sich und unter einem systematisierenden Erkenntnisinteresse untersucht worden, das einzelne Befunde und Termini ohne nähere historische Kontextualisierung zueinander in Beziehung gesetzt und häufig in ein diachrones Entwicklungsschema gepresst hat. Anstelle diachron systematisierender Untersuchungen zu einzelnen Bindungsphänomenen soll in diesem Teilprojekt für signifikante Phasen bedrohter Ordnung in drei Gesellschaften ein umfassendes Bild aller einschlägigen Aspekte gewonnen werden, um die dabei sichtbar werdenden Phänomene und Kommunikationsakte aus ihrem jeweiligen historischen Kontext heraus zu verstehen. Hierfür analysiert das Teilprojekt drei Zeitschnitte, in denen sich eine signifikante Verdichtung einschlägiger Bedrohungskommunikation sowie intensivierte Praktiken des re-ordering durch neue Rechtsinstitute bzw. Verwaltungsmaßnahmen aus dem Kontext dieser Bindungsphänomene beobachten lassen: die Jahre um 375 im gesamtrömischen, um 530 im oströmischen und um 830 im fränkischen Reich.

 

In allen drei Zeitschnitten werden die strukturellen Rahmenbedingungen agrarischer Produktion (Verfügbarkeit von Arbeitskraft in allen freien oder unfreien Formen, landholding patterns, Steuer- und Abgabendruck) ebenso wie kontingente Faktoren (politische Instabilität, Kriege, Naturkatastrophen bzw. Veränderungen der natürlichen Voraussetzungen) in ihrer Breite erfasst, um auf dieser Grundlage ein klareres Bild der jeweiligen Bedrohungslage, ihrer Diagnose durch die Eliten und ihrer daraus resultierenden Bewältigung zu gewinnen. Gerade Rechtstexte sind dabei geeignete Quellen, um die Dynamik zwischen Bedrohungsdiagnose und Bewältigungspraxis im Prozess des re-ordering zu untersuchen, denn sie reflektieren immer schon eine spezifische Diagnose durch die Herrscher und die Eliten – und sind zugleich Instrumente der Bewältigungspraxis.

 

Projektbezogene Vorträge und Publikationen

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Tagungen, Workshops, Konferenzen

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