Uni-Tübingen

Alternativen zu Tierversuchen

Tierversuche und 3R (Replace, Reduce, Refine)

Es werden große Anstrengungen unternommen, um neue Methoden zu entwickeln, die den Einsatz von Versuchstieren überflüssig machen („Replace“; z.B. Versuche an Zellkulturen, Computersimulationen, Tests im Reagenzglas usw.), die Zahl der Tierversuche auf ein Minimum zu reduzieren („Reduce“; durch bessere Versuchsplanung, bessere statistische Auswertung, bessere Techniken) oder die Belastung der Versuchstiere zu mindern („Refine“; z.B. durch MRI, telemetrische Verfahren, Schmerzausschaltung usw.). In jedem Antrag auf einen Tierversuch muss schlüssig dargelegt werden, dass dem 3R-Prinzip Rechnung getragen wird. Forschende wollen Erkenntnisse gewinnen – sie sagen sich, „wenn uns dies ohne Tierversuche gelingt, umso besser!“. Allerdings gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass es für einen Großteil der Tierversuche auch auf lange Sicht keine Alternativen geben wird ‒ die Komplexität des menschlichen Gesamtorganismus lässt sich nicht in einer Zellkultur oder am Computer nachvollziehen.

Auch an der Universität wie am Universitätsklinikum Tübingen werden Alternativen zu Tierversuchen entwickelt

Unter anderem wurde in Tübingen

  • für die Erforschung neuer Krebstherapien ein Testsystem für onkolytische Viren entwickelt, das sich an menschlichen Gewebeproben durchführen lässt und somit Tierversuche ersetzt. Onkolytische Viren sind eine neuartige Behandlungsform von Krebs (Virotherapie), sie können Tumorzellen identifizieren und gezielt zerstören.
  • ein „Realtime-Herzklappen-Bioreaktor“ entwickelt: Biologische Herzklappenprothesen (aus Herzklappen vom Schwein oder Herzbeuteln vom Rind hergestellt) haben eine begrenzte Lebensdauer, weil Kalkablagerungen im Laufe der Jahre zu Degenerationserscheinungen führen. Um diese Erscheinungen zu mindern, wurde unter anderem an Schafen geforscht. Das neue Testsystem ersetzt diese Versuche: Hier können Herzklappen eingesetzt und beobachtet werden, Blutfluss, Blutdruck, Herzfrequenz usw. werden durch eine Maschine simuliert.
  • “Nasentropfen“ zum Einsatz von Stammzellen bei neurodegenerativen Erkrankungen entwickelt: Mussten die Zellen früher in das Gehirn eines Versuchstieres implantiert werden, so genügt es nun, wenn die Tiere einen Tropfen einer Zellsuspension durch die Nase einatmen. Von dort wandern die Zellen über die Nasenschleimhaut in das Gehirn. Das neue Verfahren ist gut verträglich und bereitet keine Unannehmlichkeiten oder Schmerzen.
  • alternative Methoden etabliert, um an menschlichem Gewebe Netzhauterkrankungen zu untersuchen. Statt tierischer Netzhäute wird nun Gewebe von Hornhautspendern verwendet, um Behandlungsmethoden gegen Blindheit und andere Sehbehinderungen zu testen und weiterzuentwickeln. Dafür kooperieren Wissenschaftler der Universität eng mit der Universitäts-Augenklinik und der Hornhautbank Tübingen.
  • ein alternativer Ansatz gefunden, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Botulinum-Toxinen zu überprüfen. Bisher werden dafür jedes Jahr weltweit rund 600.000 Mäuse verwendet. Ziel der neuen Methode ist es, Botulinum Toxin B, dessen muskellähmende Wirkung für medizinische Zwecke eingesetzt wird, künftig an In-Vitro-Zellkulturen testen zu können. Dafür sind noch weitere Untersuchungen nötig.