Stellungnahme der Universität Tübingen und des Universitätsklinikums Tübingen zur biomedizinischen Forschung

Die biomedizinische Forschung am Standort Tübingen und weit darüber hinaus ist in Gefahr!

 

Seit Wochen sehen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit Tieren forschen, massiven Angriffen ausgesetzt. Radikale Tierversuchsgegner versuchen ein Klima der Angst zu erzeugen und schüchtern Forscherinnen und Forscher ebenso wie ihre Familien massiv ein. Die biomedizinische Grundlagenforschung an Tieren wird als absurd oder sinnlos diffamiert.

 

Die Universität Tübingen, die Medizinische Fakultät und das Universitätsklinikum Tübingen treten diesen Angriffen entschieden entgegen. Unsere Forscherinnen und Forscher arbeiten auf der Basis geltender Gesetze und klarer und geprüfter ethischer Prinzipien. Alle Tierversuche unterliegen einer strengen Genehmigungspraxis und einer unabhängigen behördlichen Kontrolle. Die Tierhaltungsbedingungen wurden und werden kontinuierlich verbessert.

 

Ziel sowohl der Grundlagenforschung als auch der klinischen Forschung am Standort Tübingen ist es, dem Wohle der Menschen zu dienen. Die großen Fortschritte, die die Medizin in den vergangenen 150 Jahren erlebt hat, waren nur durch den ständigen Austausch von biomedizinischer Grundlagenforschung und anwendungsorientierter klinischer Forschung möglich.

 

Tierversuche haben bis heute immer wieder eine Schlüsselrolle gespielt. Ohne sie gäbe es eine Vielzahl wirksamer Medikamente, zuverlässiger Impfungen, sicherer Bluttransfusionen und operativer Verfahren wie Organtransplantationen nicht. Die enormen Erfolge, die die Medizin in den vergangenen Jahrzehnten etwa bei der Bekämpfung von Herzkreislauferkrankungen oder Krebs, in der Erwachsenen- und Kinder- und Jugendmedizin erzielen konnte, wurden ebenfalls erst durch Tierversuche möglich. Die Universität Tübingen, die Medizinische Fakultät und das Universitätsklinikum Tübingen waren und sind an diesen Forschungen maßgeblich beteiligt. Vieles wurde bereits erreicht. Viele medizinische Herausforderungen sind aber noch zu bewältigen.

 

In nahezu allen Industrieländern altert die Gesellschaft teils rasant. Damit einher geht ein deutlicher Anstieg der Zahl neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson. Viele dieser Krankheiten verstehen wir erst in Ansätzen. Nur eine systematische Erforschung des Gehirns – von den kleinsten Bausteinen angefangen – kann uns jene Antworten geben, die den Weg zu erfolgversprechenden Therapien aufzeigen. Einen Gegensatz zwischen Grundlagenforschung und klinischer Forschung gibt es daher nicht. Ohne eine Erforschung der biomedizinischen Grundlagen kann die klinische Forschung nicht erfolgreich sein. Deswegen sind Tierversuche auch in der Grundlagenforschung unerlässlich. Die aktuell mit dem Nobelpreis für Medizin erfolgte Auszeichnung von wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Feld der neurowissenschaftlichen Grundlagenforschung unterstreicht einmal mehr die große Bedeutung der tierexperimentellen Forschung in der Biomedizin und der damit verbundenen Chancen für künftige Entwicklungen in der klinischen Medizin.

 

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Universität Tübingen, an der Medizinischen Fakultät und am Universitätsklinikum Tübingen sind sich ihrer Verantwortung gegenüber Mensch und Tier bewusst. Jeder Tierversuch setzt ein Lebewesen einer Belastung aus. Deswegen werden Tierversuche nur dann eingesetzt, wenn alternative Methoden nicht zur Verfügung stehen. Auch an diesen alternativen Methoden forschen Tübinger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler intensiv. Ihre Arbeit wurde in den vergangenen Jahren mehrfach ausgezeichnet. Dem Einsatz von Zellkulturen, Gewebeproben oder Computersimulationen bleiben allerdings Grenzen gesetzt. Ein vollständiger Verzicht auf Tierversuche ist daher derzeit nicht möglich. Er wäre gleichbedeutend mit einem Verzicht auf neue Medikamente und neue Therapien für bislang nicht behandelbare Erkrankungen. Dies halten wir für ethisch nicht verantwortbar.

 

Universität und Universitätsklinikum nehmen die Sorgen und Fragen der Öffentlichkeit zu Tierversuchen sehr ernst und werden einen breiten multidisziplinären und transparenten Diskurs mit Einbeziehung der Öffentlichkeit zu Fragen der Grundlagen- und klinischen Forschung führen.


Eberhard Karls Universität Tübingen
für das Rektorat

Professor Dr. Bernd Engler

 

Medizinische Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen
für den Fakultätsvorstand

Professor Dr. Ingo Autenrieth

 

Universitätsklinikum Tübingen
für den Klinikumsvorstand

Professor Dr. Michael Bamberg

 

Stellungnahme der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zu Tierversuchen in der Forschung

 

Gemeinsames Statement der Federation of European Neuroscience Societies (FENS) und der Society for Neuroscience (SfN)