serielle Quellen in
südwestdeutschen Archiven

Die vorliegende Internet-Publikation ist nun auch im Druck erhältlich: serielle Quellen in südwestdeutschen Archiven (Publikationen des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins), Stuttgart 2005, 15 Euro, ISBN 3-17-018758-9. Zusätzlich wird jede Quellengattung durch zwei farbige Abbildungen vorgestellt.

Einleitung


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Zur Interpretation serieller Quellen

Im 16. Jahrhundert hatte jeder in Pfauhausen wohnende Leibeigene jährlich eine nichtjährliche Leibsteuer von 2 Schilling Heller zu entrichten – so notiert es das 1560 angelegte württembergische Lagerbuch1.
Jährliche Entrichtung einer nichtjährlichen Abgabe? Die Interpretation dieser und vergleichbarer Textstellen bereitet wohl den meisten Archivbenutzern einige Schwierigkeiten.
In den Archiven steht der Benutzer Quellen gegenüber, die – im Gegensatz zu Büchern und Aufsätzen, die dem Interessierten einen unmittelbaren Zugang zu einem historischen Thema eröffnen – nicht im Hinblick auf seine Fragestellung, sondern aus völlig anderen Gründen entstanden und daher zunächst schwer verständlich sind. Aus diesem Grund bleibt es jedem Archivbenutzer, trotz der vielen Publikationen zu einzelnen Sachfragen der Geschichte, immer wieder von neuem überlassen, die Quellenauswertung auf eine methodisch sichere Grundlage zu stellen – ein Schritt, ohne den keine inhaltliche Auswertung erfolgen kann. Besondere Probleme ergeben sich dabei bei seriellen Quellen und deren standardisierter und komprimierter Form der Informationsaufzeichnung.
serielle Quellen zeichnen sich zum einen durch eine sich wiederholende Struktur der Einträge innerhalb einer Quelle aus, zum anderen wurden sie immer wieder nach dem selben Muster angelegt, weshalb wir heute z.B. ganze Serien von Amtsbüchern auswerten können. Inhaltlich bilden sie eher dauerhafte Strukturen als einzelne Ereignisse ab und beschreiben oft einen längeren, wenngleich nicht unbedingt ununterbrochenen Zeitraum. Damit eignen sie sich besonders zur Erforschung der grundlegenden sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, stehen aber auch anderen Fragestellungen offen.
Die Verkürzungen, welche diese Quellen erst zu brauchbaren Hilfsmitteln der damaligen Verwaltung machten, erklären sich in vielen Fällen nicht mehr von selbst. Es bedarf daher einer methodischen Handreichung, um die Voraussetzung für eine angemessene Quelleninterpretation zu schaffen.

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Zum Projekt

Überregionale quellenkundliche Untersuchungen sind bereits zu einzelnen Überlieferungsformen erschienen. Da sie sich aber überwiegend mit theoretischen Fragestellungen auseinandersetzen, sind Anleitungen zum praktischen Arbeiten dennoch rar gesät. Vergleichbare Erfahrungen haben auch die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Buchs gemacht. Sie arbeiten seit längerem mit den in den Archiven verwahrten seriellen Quellen und mussten dabei in ihrem jeweiligen Themenbereich eine Methodik für deren Interpretation entwickeln. Diese Erfahrungen wurden zunächst in einem Oberseminar des traditionell interdisziplinär arbeitendenden Instituts für geschichtliche Landeskunde und historische Hilfswissenschaften an der Universität Tübingen zusammengeführt. Die Ergebnisse wurden unter Hinzuziehung weiterer Autoren zunächst im Internet und sind nun auch in gedruckter Form erhältlich: serielle Quellen in südwestdeutschen Archiven (Publikationen des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins), Stuttgart 2005, 15 Euro, ISBN 3-17-018758-9. Zusätzlich wird jede Quellengattung durch zwei farbige Abbildungen vorgestellt.

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Konzeption und Perspektiven

Die vorliegende Veröffentlichung enthält zunächst Artikel zu den einzelnen Quellengattungen. In ihnen wird die Gattung definiert, von verwandten Formen abgegrenzt und in ihrer historischen Entwicklung beschrieben. Die Forschungslage, der formale Aufbau, die Inhalte und die daraus resultierenden Auswertungsmöglichkeiten sind weitere Aspekte, die durch Hinweise auf einschlägige Literatur ergänzt werden. Daneben steht ein alphabetisches Glossar, das häufig verwendete Quellenbegriffe erläutert. Angestrebt ist keine Kompilation von Forschungsliteratur; vielmehr sollen die von den Verfasserinnen und Verfassern in den Archiven gemachten Erfahrungen anderen geschichtsinteressierten Archivbesucherinnen und –besuchern zur Verfügung gestellt werden.
Im Mittelpunkt stehen Quellen aus der altwürttembergischen Verwaltungstradition; daneben fanden auch die seriellen Quellen benachbarter Territorien – entsprechend der Untersuchungsgebiete der Autorinnen und Autoren – Berücksichtigung. Der zeitliche Rahmen reicht vom 9. bis in das 19. Jahrhundert, der Schwerpunkt liegt auf dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit.


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Quellenkunde aus archivischer Sicht: Ein althergebrachter und neuartiger Zugang auf Archivgut

Mit dem Provenienzprinzip haben die Archive vor über 100 Jahren einen Weg gefunden, Archivalien mit gemeinsamer Herkunft in diesem Zusammenhang zu belassen und zu verzeichnen. In einem unter Provenienzgesichtspunkten zusammengestellten Bestand stehen daher die unterschiedlichsten Quellengattungen unverbunden nebeneinander. Die Einleitungen zu diesen Findbüchern beschäftigen sich naturgemäß mit der Behörden- und Überlieferungsgeschichte und der inneren, d.h. sachlichen Gliederung des Bestandes. In einem unter konsequenter Anwendung des Provenienzprinzips geordneten Archiv können sich so z.B. in allen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Beständen Lagerbücher, Urkunden und Akten finden. Archivare früherer Generationen hatten versucht, durch das Herausziehen einzelner Quellengattungen in besondere Sammelbestände, so genannte Selekte, eine neue Übersichtlichkeit zu erlangen. Aber auch die Findbucheinleitungen zu diesen Beständen bieten in aller Regel keine Hinweise darauf, wie die einzelnen Archivalien zu interpretieren seien und unter welchen Bedingungen überhaupt Aussagen gemacht werden können.
Andere Kollegen vertraten das Pertinenzprinzip und versuchten, ihre Archivbestände nach inhaltlichen Gesichtspunkten (z.B. ein Bestand zum Thema Bauernkrieg) neu zu ordnen. Erst allmählich wurde deutlich, dass bei diesem Vorgehen sämtliche nicht vorgesehenen Zugänge und Fragestellungen an das Archivgut a priori verhindert wurden. Die durch Selektbildung und Pertinenzprinzip erzielte Unübersichtlichkeit und die prinzipielle Unmöglichkeit, dieses Unternehmen konsequent für ein ganzes Archiv durchzuführen, führten zum bereits erwähnten Siegeszug des Provenienzprinzips, das allerdings die Zerstreuung der einzelnen Quellentypen zur Folge hatte.
Als Ergebnisse zweier Jahrhunderte archivarischer Ordnungsversuche lässt sich daher feststellen, dass zwar das Problem der Ordnung der Archivalien befriedigend gelöst werden konnte. Zugleich wird den Benutzerinnen und Benutzern aber kein systematischer Zugang zu den einzelnen Quellengattungen eröffnet.
Dabei ist es nicht damit getan, ihnen einen Zugang bis zu den Quellen zu ermöglichen, sie dann aber mit den bekannten methodischen Problemen alleine zu lassen. Ebenso wie die Findbucheinleitungen die sachliche Einheit eines Bestandes näher beschreiben, sollten die über alle Bestände verstreuten unterschiedlichen Quellengattungen eine eigenständige Würdigung erfahren. Aus unserer Sicht ist es daher notwendig, die Beschreibungsmittel „Titelaufnahmen“ und „Findbucheinleitungen“ durch einen dritten Typ zu erweitern.
Hier bieten sich Quellenbeschreibungen an, die quer zu allen Beständeübersichten und Findbuchklassifikationen liegen und einen eigenständigen Zugang zum Archivgut ermöglichen. Sie sind aus der Praxis erwachsen, beziehen lokale Traditionen der Schriftgutverwaltung mit ein und geben so auch die notwendigen Hinweise zur Methodik der Quelleninterpretation.

Ganz herzlich bedanken möchten wir uns bei den zwei Männern, die am Anfang und am Ende dieses Projekts stehen: Professor Dr. Sönke Lorenz hat dem Projekt mit einem Oberseminar den Weg geebnet. Herr Dr. Kretzschmar bot uns die Möglichkeit, die Ergebnisse jenseits der flüchtigen Weiten des Internets zu materialisieren.

Was wäre ein Kompendium wie das vorliegende ohne die oft mühevoll zu recherchierenden Artikel seiner Autoren? Unser herzlicher Dank gilt daher auch den Autorinnen und Autoren: Kerstin Arnold (Ammerbuch), Rolf Bidlingmaier (Metzingen), Andreas Butz (Stuttgart), Roland Deigendesch (Münsingen), Miriam Eberlein (Marburg), Bertram Fink (Stuttgart), Jörg Heinrich (Karlsruhe), Peter Thaddäus Lang (Albstadt), Matthias Miller (Jöhlingen), Stephan Molitor (Ludwigsburg), R. Johanna Regnath (Tübingen), Wolfgang Runschke (Karlsruhe), Marianne Sauter (Tübingen), Wilfried Schöntag (Stuttgart) und Paul Warde (Cambridge).

Christian Keitel   Regina Keyler

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Fußnoten

1 Hauptstaatsarchiv Stuttgart (HStAS) H 101 Bd. 798 Bl. 469v


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Kontakt

serielle.quellen@web.de
Dr. Regina Keyler
Hauptstaatsarchiv Stuttgart
Konrad-Adenauer- Str. 4
70173 Stuttgart
0711/212-4327

Dr. Christian Keitel
Staatsarchiv Ludwigsburg
Arsenalplatz 3
71638 Ludwigsburg
07141/18-6333

Mitarbeiter

Dr. Kerstin Arnold, Ammerbuch
Rolf Bidlingmaier, Metzingen
Andreas Butz, Stuttgart
Dr. Roland Deigendesch, Münsingen
Miriam Eberlein, Tübingen
Jörg Heinrich, Karlsruhe
Dr. Bertram Fink, Stuttgart
Dr. Christian Keitel, Besigheim
Dr. Regina Keyler, Stuttgart
Dr. Peter Thaddäus Lang, Albstadt
Prof. Dr. Sönke Lorenz, Tübingen
Dr. Matthias Miller, Jöhlingen
Dr. Stephan Molitor, Ludwigsburg
Johanna Regnath, Tübingen
Wolfgang Runschke, Karlsruhe
Marianne Sauter, Tübingen
Prof. Dr. Wilfried Schöntag
Dr. Paul Warde, Cambridge


Zitierhinweis

Einleitung, in: serielle Quellen in
südwestdeutschen Archiven. Eine Handreichung für die Benutzerinnen und Benutzer südwestdeutscher Archive , hrsg. von Christian Keitel und Regina Keyler, http://www.uni-tuebingen.de/IfGL/veroeff/digital/serquell/seriellequellen.htm, Stand: März 2005


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