(jap.; Berichte über Begebenheiten im Altertum). Chronik des japanischen
Reiches aus dem 7./8. Jh. Die Niederschrift dieses ältesten Denkmals der
japanischen Literatur, das eine Reihe der frühesten Sprachproben aus dem
Altjapanischen enthält, geht dem im Stil der Liu-ch'ao-Zeit gehaltenen
chinesischen Vorwort zufolge auf einen Befehl des Tenmu-tennô (40. Kaiser;
reg. 673-686) zurück. Dieser wollte zur Vermeidung unrichtiger oder abweichender
Überlieferungen das vorhandene Material an Mythen, Genealogien, Sagen und
historischen Berichten sammeln, sichten und aufzeichnen lassen, um so eine »wahre«
und verbindliche Geschichte des Altertums zu erhalten (682).
Er beauftragte HIEDA NO ARE - nach HIRATA ATSUTANE (1776-1843) und anderen angeblich eine Frau - mit dem Auswendiglernen der verschiedenen Oberlieferungen. Diese Aufgabe stellt Are in die Nähe der Berufserzähler (katari-be). Aber erst Kaiserin Genmei (661-721; 43. Tenno, reg. 707-715) ordnete die Aufzeichnung der von diesem Mann memorierten Texte an: Am 3. 11. 711 nahm Ô NO YASUMARO (gest. 723) einen entsprechenden Befehl entgegen, und bereits am 9. 3. 712 legte er der Kaiserin das fertige Werk vor. Wenngleich Yasumaro das Kojiki wohl nicht ausschließlich nach dem Diktat des Are schrieb, hat er sich vermutlich doch sehr stark darauf oder auf ähnliche Quellen gestützt; anders hätte er die Arbeit nicht in vier Monaten beenden können. Neben Berichten und Liedern aus eindeutig weiter zurückliegenden Perioden finden, sich jedoch auch Passagen, die nach Diktion und Stil ausschließlich dem ausgehenden 7. Jh. angehören. Die Verdienste Yasumaros, der auch an der Kompilation des Nihon-shoki beteiligt war, wurden noch im Jahre 1911 unter anderem durch seine Erhebung in den Dritten Hofrang gewürdigt.
Die in drei Bücher gegliederte Chronik, die zugleich den Charakter einer heiligen Schrift des Shinto trägt, beginnt mit der Schöpfung (Teilung von Himmel und Erde) und führt zunächst über Berichte zur Theogonie und über Schilderungen aus dem Leben der Himmlischen zur Erdenfahrt des Enkels der Sonnengöttin und zur Geburt des späteren ersten Kaisers Jinmu. Das zweite Buch wird eingeleitet mit einer Beschreibung des Eroberungszuges und der Reichsgründung dieses Nachkommens der Göttin und führt bis zum Tod des 15. Kaisers Ôjin (reg. nach offizieller Chronologie 270-310). Das Werk schließt mit knappen Nachrichten über die Regierungszeit der Kaiserin Suiko (33. Tenno, reg. 592-628). Während der erste Teil ganz den Mythen gewidmet ist (dabei aber bereits die Herrschaft des Kaiserhauses, die untergeordnete Stellung der anderen Familien sowie deren Verhältnis zueinander als in den himmlischen Zuständen unabänderlich vorgezeichnet darstellt), leitet der zweite Teil mit seinen anfangs noch ausgeprägt sagenhaften Zügen zur geschichtlichen Zeit über. In diesem historischen Teil verzichtet der Autor auf die Einflechtung erzählender Berichte und beschränkt sich weithin auf eine Reihung ausführlicher Genealogien. Eine absolute Chronologie im Sinne der späteren Annalen gibt das Kojiki nicht. Seiner Anlage nach ist es unkritischer als das Nihon-shoki: So führt es zum Beispiel jeweils nur eine Version der Mythen an, während das Nihongi mehrere bringt. Im Gegensatz zu diesem Werk hat das Kojiki auch einen ganz »privat« anmutenden Zuschnitt, ähnlich den Familienchroniken (vgl. Kogo-shûi). Die Sprache ist nicht das reine Chinesisch der offiziellen Schriften (kanbun), sondern das Ergebnis einer eigenartigen Mischung des Chinesischen mit dem Japanischen (jun-kanbun).
Es finden sich unter anderem 111 Gedichte sowie eine Reihe von Eigennamen, die in japanischer Sprache unter Benutzung des phonetischen Wertes der chinesischen Schriftcharaktere aufgezeichnet sind.
Ungeachtet seiner großen Bedeutung besonders für die Mythologie und trotz der Tatsache, daß sein Bericht vielfach das Nihon-shoki ergänzt, geriet das Kojiki für Jahrhunderte weitgehend in Vergessenheit und erlangte nicht die Beachtung des offiziellen Annalenwerks. Erst MOTOORI NORINAGA (1730-1801), der 35 Jahre seines Lebens der Untersuchung und Interpretation der Berichte über Begebenheiten im Altertum widmete, machte mit der Publikation seiner Ergebnisse im Kojikiden (Erklärungen zum Kojiki) wieder erste größeren Personenkreis auf das Werk aufmerksam. Die 44 Bücher des auch für die moderne Forschujng sehr wichtigen Werks wurden durch Nachträge um weitere vier Bücher vermehrt: Eines schrieb Norinaga selbst, die anderen drei fügte 1806 sein Sohn HARUNIWA (1763-1828) hinzu. Der nach längeren Vorbereitungen 1790 begonnene Druck konnte erst im Jahre 1822 beendet werden.
H. A. D. in: Kindlers Literatur Lexikon, Bd. IV; Werke, Kindler Verlag: Zürich, 1965: S. 619-621.