Älteste der »Sechs Reichsgeschichten« (vgl. Rikkokushi) , als Werk der offiziellen Historiographie (vgl. Ô-kagami) in kaiserlichem Auftrag unter Leitung des Prinzen TONERI (676-735) von dem auch an der Abfassung des Kojiki maßgeblich beteiligten Ô NO YASUMARO (gest. 723) u. a. nach siebenjähriger Arbeit im Jahre 720 vollendet.
Die dreißig Bücher wurden ursprünglich durch einen abschließenden, heute verlorenen, genealogischen Teil ergänzt. Zwei Jahre nach der Fertigstellung des Kojiki begann man die Kompilation des Nihongi wohl deswegen, weil die ältere Chronik ihrer ganzen Anlage nach nicht den Ansprüchen genügte, die der an chinesischen Vorbildern geschulte Geist der japanischen Oberschicht in literarischer und historiographischer Hinsicht an ein offizielles Geschichtswerk stellte. Zwar enthält auch das Nihongi eine Reihe von Liedern in archaischem Japanisch (zusammen mit entsprechenden Texten des Kojiki ergeben sie ein Korpus von 190 Gedichten), aber die historischen Berichte sind chinesisch aufgezeichnet. Beginnend mit der Trennung von Himmel und Erde und der Erschaffung der Götter, haben die ersten beiden Bücher unter dem Titel 'Das Zeitalter der Götter Mythen zum Gegenstand; mit dem dritten Buch beginnt die irdische, japanische »Geschichte«: Der Nachkomme der Sonnengöttin erobert und eint das Reich und besteigt im Jahre 660 v. Chr. als erster Kaiser (postumer Name: Jinmu) den Thron. Im dreißigsten Buch ist die Regierungszeit der Kaiserin Jitô (645-703; 41. Tenno, reg. 686 und 690-697) behandelt.
Während für die mehr als ein Jahrtausend umfassende frühe Periode neben genealogischen Hinweisen kaum mehr als mythische oder sagenhafte Nachrichten geboten werden, werden die Berichte vom späten 6. Jh. an zuverlässiger und erreichen gegen Ende des Werks Art und Form der späteren Annalen. Die erwähnten archaischen Gedichte finden sich jeweils in dem Abschnitt über das Ereignis, dem sie zugeordnet wurden, oder über den Autor, dem man sie zuschrieb. Die genauen Datenangaben schon für das 7. Jh. v. Chr. müssen rückschauend konstruiert sein, da die japanische Kultur noch rund tausend Jahre danach schriftlos war und der Kalender (nach einer Mitteilung im Nihongi selbst) erst im frühen 7. Jh. n. Chr. eingeführt wurde. Warum man die Zeit der Reichsgründung in das Jahr 660 v. Chr. verlegt hat, ist noch nicht hinreichend geklärt, doch mußten deswegen die Regierungsund Lebenszeiten der Herrscher (wenn man die Genealogie in der überlieferten Form beibehielt) gedehnt werden: Das Ergebnis ist die heute noch (wenigstens als Richtschnur) geltende offizielle Chronologie.
An Quellen standen den Kompilatoren das Kojiki, die Genealogien oder Chroniken einzelner Adelsfamilien (vom Typ des Kogo-shûi), ältere offizielle Aufzeichnungen (vielleicht Teile der historiographischen Arbeiten des Kronprinzen SHOTOKU, frühes 7. Jh.), die 713 in Auftrag gegebenen Fudoki (Topographien) und, für die nähere Vergangenheit, auch staatliche Archive zur Verfügung. Außer diesem japanischen Material, das mit sechs Werktiteln angeführt ist, werteten die Autoren auch chinesische und koreanische Werke aus und zitierten sie mitunter ungekennzeichnet, manchmal aber mit Quellenangaben (drei koreanische Titel sind genannt); oft geben sie divergierende Darstellungen einzelner Ereignisse nach verschiedenen Unterlagen, schöpfen aber dennoch die ihnen vorliegenden Quellen nicht ganz aus; manche abweichende Version dürfte auch aus politischen Gründen unterdrückt worden sein. Die Häufung des Stoffs und die Menge der mitgeteilten Varianten haben die sehr unsichere Hypothese vom Nihongi als einem Entwurf für ein nie ausgeführtes Werk entstehen lassen; andererseits sieht man in Stücken des Kujiki (Kuji-hongi) einen Teilentwurf für das Nihongi. Als Muster für die Anlage haben des japanischen Historikern wahrscheinlich chinesische Werke wie das Han-chi von HSÜN YÜEH (148-209) und das Hou Han-chi von YÜN A HUNG (328-376) gedient; neben dem Anlagemodus sprechen Titelübereinstimmungen (chin.: -chi; jap.: -ki bzw. -gi) sowie der gleiche Umfang von 30 Büchern dafür.
Die Nihongi-Philologie begann unmittelbar nach der Fertigstellung des Werks mit bei Hofe veranstalteten Vorlesungen. Diese Arbeiten fanden ihren Niederschlag in Scholien und privaten Kommentarwerken, von denen das älteste erhaltene das Shaku-Nihongi des URABE NO KANEKATA aus der ausgehenden Kamakura-Zeit ist; darin werden überdies viele verlorene Bücher zitiert. Entsprechend der Beachtung, die das Nihongi von jeher fand, ist es in vielen Handschriften überliefert, deren älteste allerdings unvollständige aus der Zeit vor 860 stammen.
H. A. D in: Kindlers Literatur Lexikon, Bd. V; Werke, Kindler Verlag: Zürich, 1965: S. 511-513.