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Kurzgefaßt läßt sich formulieren: Im Islam hat es immer wieder Aufklärer gegeben, doch keine sozusagen gesamtgesellschaftliche Bewegung von Aufklärung. Aufklärerisches Denken im Sinne der Suche nach rational erfaßbaren, innerweltlichen Gesetzmäßigkeiten (vergleichbar dem "etsi deus non daretur", "auch wenn es Gott nicht gäbe", des holländischen Rechtsgelehrten Hugo Grotius) lassen sich übrigens viel eher in Kalifenzeit und Mittelalter finden denn später.
Es kann hier nicht darum gehen, Absolutheiten festzustellen bzw. in Schwarzweißkontrasten - hie "der Westen" dort "der Islam" - zu denken, aber relative Unterschiede dürfen nicht nur, sondern müssen benannt werden. Vielleicht liegt eine Wurzel gegenwärtiger Probleme darin, daß seit etwa 200 Jahren (oder weniger, je nach Region) Aufklärung bzw. säkulare Wissenschaft westlicher Herkunft von den jeweiligen Obrigkeiten selektiv und instrumentell zum Zwecke des Machterhalts eingeführt, doch nie als Bildungsziel akzeptiert und entsprechend im Erziehungswesen verankert wurde.
Selbst wenn der Mufti von Timbuktu, den Herr Schulze erwähnt, im 18. Jahrhundert keine Einwände gegen ein heliozentrisches Weltbild gehabt haben sollte, so besagt das wenig bis nichts, wenn noch gegen 1826 ernsthaft darüber disputiert werden konnte, ob die Erde eine Scheibe oder eine Kugel sei. Vielmehr geht daraus hervor, daß die damals etwa eintausendjährige, lange Zeit brillante Geschichte der mathematischen Astronomie im Islam an den Religionsgelehrten spurlos vorbeigehen konnte.

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Relative Geringschätzung des Weltwissens gegenüber religiöser Schriftgelehrsamkeit ist kein westliches Konstrukt, sondern ein vor allem in den drei Jahrhunderten seit etwa 1500 nachweisbares Phänomen: Im 19. Jahrhundert gab es, noch bevor der europäische Imperialismus das Klima vergiftete, muslimische Denker, die, verkürzt gesagt, im Dienste des Fortschritts das Beste beider, der "eigenen" wie der europäischen, Traditionen vereinigen wollten. Appelle an die einheimischen Gelehrten, sich weltlicher Wissenschaft zu widmen, wären aber nicht nötig gewesen, hätte es eine lebendige Tradition gegeben, ebensowenig der Rückbezug auf Autoritäten aus der Kalifenzeit und dem Mittelalter statt auf Lehrer unmittelbar vorausgehender Generationen.
Ketzerprozesse, ganz zu schweigen von Hexenverfolgungen, waren eine ungute christliche Tradition in Mittelalter und früher Neuzeit. Im Islam mag sie nicht derartig massive Ausmaße gehabt haben, doch hat es konfessionell-politische Verfolgung seit dem 8. Jahrhundert immer wieder gegeben, und die Zahl sowohl prominenter als auch namenloser Opfer ist nicht gering (Intellektuelle im Umkreis des Hofes, Mystiker, Gelehrte oder einfache Anhänger irgendwelcher "Häresien"). Notfalls konnte man jeden Mißliebigen der Unruhestiftung bezichtigen und seine Beseitigung damit religiös rechtfertigen - nicht nur im 12. und 17. Jahrhundert, sondern auch davor und dazwischen.

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