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| Aktuell | Artikel | Dr. Lorenz Korn: "Auf dem Wege Gottes" |
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Auf friedlichem Weg begann der Islam in dieser Zeit, Anhänger in Afrika südlich der Sahara und in Zentralasien zu gewinnen. Zwar ist über die Frühphase der Islamisierung Schwarzafrikas nur sehr wenig bekannt; mit Sicherheit kam aber dabei dem Fernhandel die entscheidende Rolle zu. Muslimische Kaufleute aus Nordafrika bereisten die Karawanenstraßen auf der Suche nach Gold, Sklaven und Elfenbein und fanden mit ihrer vergleichsweise esoterischen Religiosität Beachtung bei der Bevölkerung. Als Vertreter einer hochentwickelten Kultur wurden die Fernhändler zu gefragten Ratgebern bei den lokalen Herrschern der Sahelzone, die sich ab dem 10. Jahrhundert nach und nach zum Islam bekehrten. In den eurasiatischen Steppengebieten waren es wahrscheinlich ebenfalls Händler, die für die Verbreitung des Islam sorgten: So fand ein arabischer Reisender bei den halbnomadischen Bulgaren an der mittleren Wolga, die einen wichtigen Platz im Fernhandelssystem zwischen Bukhara und dem Ostseeraum einnahmen, zu Beginn des 10. Jahrhunderts bereits Moscheen vor. Neben den Kaufleuten spielten wandernde Derwische eine wichtige Rolle, die bei den zentralasiatischen Turkvölkern einen einfachen Islam predigten, der auch Elemente der bisherigen schamanistischen Religionen aufnehmen konnte. Mit den türkischen und berberischen Dynastien, die im 11. Jahrhundert
die Macht in weiten Teilen des Kalifats übernahmen, erhielt die
militärisch geführte Expansion wieder Priorität. Die
Ghaznaviden, die von einem türkischen General im Dienst einer ostiranischen
Dynastie abstammten, unternahmen Feldzüge aus dem Kerngebiet ihres
Reiches im heutigen Afghanistan nach Nordindien. Die Ebenen von Indus
und Ganges wurden in den folgenden Jahrhunderten dauerhaft zum Sitz
muslimischer Dynastien, die Persisch als Verwaltungs- und Kultursprache
pflegten. Die aus Zentralasien stammenden Seldschukensultane, die über
den Ostteil der islamischen Welt zwischen Jerusalem und Marv herrschten,
erkämpften bei Mantzikert 1071 einen entscheidenden Sieg über
die Byzantiner. Damit war das anatolische Hochland für die Eroberung
durch turkmenische Nomaden und für die Staatsgründung durch
die seldschukische Zweigdynastie von Konya gewonnen, der Grund für
die Entstehung der heutigen Türkei gelegt. Im Westen befanden sich
die Muslime zu dieser Zeit bereits in der Defensive: Die christlichen
Könige der iberischen Halbinsel hatten ihre "Reconquista"
begonnen und konnten 1085 in Toledo einziehen. Die andalusischen Fürsten
mussten die Almoraviden zu Hilfe rufen. Dieser Bund westsaharischer
Berber hatte mit der Eroberung des heutigen Marokko ein mächtiges
Reich gegründet, das mächtig genug war, um die christlichen
Eroberer noch einmal zurückzudrängen. Fast überall in
der islamischen Welt war die Trennung von politischer und religiöser
Autorität nun so weit fortgeschritten, dass die Machthaber sich
zwar durch die Erwähnung im Freitagsgebet als "islamisch"
legitimierten, ansonsten aber als rein "weltliche" Herrscher
agierten. Sie waren moralisch verpflichtet, dem islamischen Religionsgesetz
zur Anwendung zu verhelfen, hatten aber an der Fortentwicklung von Religion
und Recht kaum noch Teil - es sei denn, durch die Förderung bestimmter
Gruppen von Gelehrten.
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Im Innern der islamischen Reiche sahen sich die Nichtmuslime unterschiedlich starkem Druck ausgesetzt. Diskriminierende Vorschriften schrieben Eigenheiten der Kleidung vor und beschränkten den Bau oder die Instandsetzung von Kirchen. Gewaltsame Ausschreitungen, in denen die religiösen Minderheiten Opfer aufgestachelter Volkswut wurden, kamen aber selten vor und wurden von den Regierenden nicht ermutigt. Nach den zu Lebzeiten des Propheten Muhammad etablierten Regeln genossen sie den Status der "Dhimmis" (Schutzbefohlenen), die durch Zahlung der Dschisya (Kopfsteuer) die islamische Obrigkeit anerkannten und die vor Repressalien zu schützen waren -gemäß dem Koranvers "kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und dem Jüngsten Tag glauben ( ), bis sie kleinlaut die Dschisya entrichten!". Insgesamt konnten Christen und Juden, Zoroastrier im Iran, Hindus und Buddhisten in Südasien ihre Religion ungehindert ausüben und ihre internen (auch juristischen) Angelegenheiten weitgehend autonom regeln. Die Konversion zum Islam setzte sich je nach den politischen Umständen langsam fort: War die ägyptische Finanzbehörde im 12. Jahrhundert noch fast gänzlich mit koptischen Christen besetzt, so gewannen in den folgenden Jahrhunderten die Muslime die Oberhand. Dies war möglich geworden, weil durch die Einführung einer neuen Art von Lehrinstituten (Madrasen), wie sie seit dem 11. Jahrhundert überall in der islamischen Welt enstanden waren, Muslime mit einer Ausbildung zur Verfügung standen, die für Verwaltungszwecke dienlich sein konnte. Die Beförderung von Muslimen auf die höheren Posten tat ein Übriges, um die Konversion attraktiv erscheinen zu lassen. Andererseits erschwerte der enge soziale Zusammenhalt der Gemeinden das Ausscheren durch den Religionswechsel. Nicht zuletzt besetzten Christen und Juden häufig berufliche und wirtschaftliche Nischen, die beispielsweise im Fernhandel durchaus privilegiert waren. An den Errungenschaften der geistigen und materiellen Kultur der islamischen Welt hatten die religiösen Minderheiten jedenfalls in vollem Umfang Teil.
Auch sprachlich wurde in den muslimisch eroberten Gebieten keine völlige Einheit hergestellt. Der Koran und die Reformen Abdalmaliks wirkten in der Verbreitung des Arabischen zusammen; doch im Alltagsgebrauch hielten sich die Lokal- und Regionalsprachen hartnäckig. In Nordafrika existierten noch im 10. Jahrhundert Reste einer Lateinisch sprechenden Bevölkerung. Erst die Einwanderung der Hilal-Beduinen setzte hier eine weitgehende sprachliche Arabisierung in Gang. Im Iran erlebte das Persische ab dem 10. Jahrhundert eine Renaissance, die gleich zu ihrem Beginn mit Firdausis "Shahname" (Königsbuch) von einer dichterischen Meisterleistung bezeichnet wird. Das Arabische wurde seitdem im östlichen Teil der islamischen Welt nur im religiösen und wissenschaftlichen Bereich gebraucht. Wie weit sich die kulturelle Identität der islamischen Welt im Verlauf von sechs Jahrhunderten gefestigt hatte, zeigte sich paradoxerweise in der der tiefsten politischen Erniedrigung: Die mongolische Eroberungswelle brach 1218-1260 über den östlichen Teil der islamischen Welt herein und fegte die bestehenden Dynastien bis zur Levanteküste hinweg. Es dauerte nur wenige Jahrzehnte, bis sich die mongolischen Il-Khane, die nun Iran beherrschten, als Förderer persisch-islamischer Kultur zeigten und selbst zur Religion der Unterworfenen bekehrten. Die islamische Kultur hatte sich in einem Moment militärischer Schwäche stark genug gezeigt, die neuen Eroberer zu assimilieren.
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