Hier finden Sie ein Interview,
das Prof. Dr. Richter-Bernburg am 14.11.2001 dem Schwäbischen Tagblatt
gab:
Quelle: Interview: Hans-Joachim Lang, Archivbild: Heinz
Heiss
tagblatt online, 14. November 2001, Redaktion: Martin Bernklau
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 15. November 2001
"Eine Verzerrung der Religion. Islam-Wissenschaftler
Lutz Richter-Bernburg: Was den Islamismus vom Islam unterscheidet"
TÜBINGEN. Islamistische Gewalttäter, die ihre Motivation
vom Islam herleiten, diskreditieren ihre Religion. Das TAGBLATT sprach
mit dem Tübinger Islam-Wissenschaftler Prof. Lutz Richter-Bernburg
über Probleme des Islam mit Globalisierung und Moderne, über
das Verhältnis zu Christentum und Judentum sowie über die Chancen
eines Dialogs.
Die Attentäter vom 11. September werden gemeinhin als Islamisten
bezeichnet. Halten Sie das für eine aussagekräftige Verallgemeinerung?
Dass man sie als Islamisten bezeichnet, ist durchaus richtig, zumal auch,
wenn man ihre Motivation hinzunimmt. Aber man muss festhalten, dass Islamismus
ein sehr breites Spektrum umfasst, das verschiedene Strömungen in
sich schließt, die sich zum Beispiel in der Frage der Gewaltbereitschaft
zur Durchsetzung politischer Ziele stark voneinander unterscheiden. Unter
denen, die gewaltbereit sind, stellen die Attentäter vom 11. September
ein Extrem dar. Andererseits gibt es islamistische Richtungen, die nicht
gewaltbereit sind.
Was genau verbindet Islamisten mit dem Islam?
Islamismus ist eindeutig eine gegenwärtige Ideologie. Er ist als
Ideologie ein Phänomen des späteren 20. Jahrhunderts. Das ist
nicht die traditionelle Praxis der Religion, sondern eine Verzerrung der
Religion zu ideologischen Zwecken. Es ist, wenn man so will, eine perverse
Fratze der Modernisierung.
Kürzlich behauptete der Tübinger evangelische Theologe Prof.
Peter Beyerhaus in einem TAGBLATT-Interview: Im Islam lägen Potenzen,
die zu brutalen Handlungen führen könnten; im Islam sei von
Anfang an der Zug der Gewaltsamkeit konstatierbar. Kann man dem Islam
ein immanentes Gewaltpotenzial unterstellen?
Man kann diese Frage nicht beantworten, ohne dass man auf konkrete Zeitumstände
eingeht. Dazu gehört eine Vielzahl von Dimensionen, wie allgemeine
gesellschaftliche Verfasstheit, patriarchalische Strukturen, ökonomische
Umstände, allgemeines Ausbildungsniveau. Im übrigen: Haben nicht
alle menschliche Gesellschaften ein gewisses Gewaltpotenzial? Wer verübt
in den USA Attentate auf Abtreibungskliniken? Das sind keine Muslime,
das sind fundamentalistische Christen.
Vom einen zum anderen Extrem: Vielfach wird auch behauptet, der Islam
sei von seinem Konzept her die Religion der Toleranz schlechthin.
Es geht nicht darum zu sagen, der Islam sei an sich schon die Religion
des Friedens und der Toleranz. Konkret zu den Attentätern: Das sind
Muslime. Sie definieren sich als Muslime. Aber sie haben eine pervertierte
Auffassung von Religion und ziehen daraus die Rechtfertigung, so zu handeln
wie sie gehandelt haben. Das sehe nicht nur ich als Außenstehender
so, das sieht auch die Mehrheit der Muslime so.
Das heißt: Es gibt einzelne Gewalttäter, die sich auf den
Islam berufen. Aber Behauptungen, im Islam wäre die Gewalt strukturell
angelegt, halten Sie für wissenschaftlich unhaltbar.
Ja. Solche Behauptungen sind reine Ideologie. Und zwar nicht deswegen,
weil Muslime in den vergangenen 1400 Jahren immer und überall friedfertig
gewesen wären, sondern weil Strukturen veränderlich sind und
sich tatsächlich verändert haben. Dschihad, also bewaffneteSelbstverteidigung
bis hin zum Angriffskrieg, wurde über Jahrhunderte von der Auffassung
gestützt, dass der Islam die ganze Welt erobern sollte, aber nie,
um jeden einzelnen Christen oder Juden zum Übertritt zum Islam zu
zwingen.
Hat denn das Christentum ein ungetrübtes Verhältnis zum
Islam?
Nein, hat es noch nie gehabt. Aber das gilt in beiden Richtungen. Dazu
sind die beiden Religionen zu sehr Cousinen ersten Grades, um nicht zu
sagen: Schwestern. Und wie Sie wissen, wird nichts so verbittert ausgefochten
wie Familienfehden. Hier ist die Nähe - geografisch wie kulturell
und von der Entstehung her - Auslöser für Reibung.
Und diese Reibung geht schon auf die Zeit vor dem Islam zurück.
Schon vor dem Islam galten die an das Gebiet des Römischen Reiches
Richtung Arabische Halbinsel angrenzenden Gebiete als Mutterboden für
Häresien. Und der Islam galt zunächst nur als eine weitere christliche
Häresie. Es hat sehr lange gedauert, bis man den Islam von der christlichen
Seite her als eine eigenständige Religion wahrgenommen hat.
Hinzu kam ein Weltherrschaftsanspruch, den der klassische Islam in den
ersten drei, vier Jahrhunderten seiner Existenz formulierte. Dies hatte
auch militärische Auseinandersetzungen zur Folge, wenn damit auch
nicht die Bekehrung mit Feuer und Schwert im Sinne der Sachsenkriege Karls
des Großen verbunden war. Doch hat das zur Perpetuierung der Feindbilder
beigetragen. Wobei die wechselseitig vorhanden sind.
Nach dem gängigen Praxis zählen die Islam-Wissenschaftler
nicht unbedingt zu den gesuchten Politikberatern. Worauf sollte die aktuelle
Politik Ihrer Ansicht nach besonders achten?
Ich glaube, dass die Reform der Misstände, die viele Länder
mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit erleiden, zunächst Aufgabe
der jeweiligen Völker selbst ist. Nun leben wir aber in einem Zeitalter
der internationalen Verflechtungen, insbesondere im wirtschaftlichen Bereich.
Hier verfügt der reiche Norden über großen Einfluss. Und
er hat es in der Hand, seine wirtschaftlichen und politischen Einflussmöglichkeiten
nicht gerade zu ungunsten von reformerischen Tendenzen einzusetzen.
Dass in Anbetracht von weit verbreiteten Missständen, zu denen auch
mangelnde Informationsfreiheit gehört, bestimmte Konflikte wie der
zwischen den Israeli und den Palästinensern demagogisch instrumentalisiert
werden können, das liegt auf der Hand. Abgesehen davon, dass sie
auch nach unseren eigenen Normen Unrecht bedeuten. Wir tun uns doch damit
selber keinen Gefallen, wenn wir bei solchen Konflikten permanent auf
einem Auge blind sind.
Was halten Sie davon, dass im Augenblick vorwiegend mit Bomben argumentiert
wird?
Die Bomben auf Afghanistan?
Ja.
Meine schweren Zweifel sind durch die neuesten Ereignisse überholt.
Dennoch gilt weiter: Man muss auch das Umfeld austrocknen. Zum Beispiel
ist die Rolle des pakistanischen Geheimdienstes eine höchst dubiose.
Überhaupt sind die Verbündeten, die man dort in der Region gewonnen
hat, nicht unbedingt vertrauenswürdig.
Und wie steht es um die Dialogfähigkeit in den Ländern,
die vom Islam dominiert sind?
Eigentlich blickt heutzutage ein Muslim kaum noch ungebrochen auf die
Tradition. Der Anprall des Westens hat die Mentalitäten verändert
- sei es auch noch so pervers, wie wir es bei den Attentätern vom
11. September finden. Die geistige Auseinandersetzung mit der Moderne
ist aber, von wenigen Intellektuellen abgesehen, noch weitestgehend geprägt
von einem Unwillen, die eigene Tradition kritisch und historisierend,
sprich: in ihrer Veränderlichkeit, auch ihrer Verflechtung mit der
Realität, zu analysieren.
Dies vorausgesetzt: Können sich denn jene Länder in einer
globalisierten Welt konform auch zur islamischen Tradition behaupten?
Auch Europa hat sich grundlegend ändern müssen. Man muss an
die Wurzel gehend befragen, was die überzeitlichen Werte sind und
was der jeweiligen sozialen Realität geschuldet ist. Kein Fundamentalist
möchte mehr die Sklaverei. Die steht auch im Koran und die wird im
Koran auch nicht abgeschafft. Darum muss man sich vom reinen Buchstabenverständnis
des Textes lösen - genau wie das bei den Christen und den Juden bei
ihren kanonischen Texten der Fall sein sollte.
Solche Forderungen dürfen jedoch nicht von außen kommen, da
sie sonst zu aggressiven Defensivreaktionen führen. Das muss darum
aus der Gesellschaft selbst kommen, und darin liegt bisher die Schwäche.
Modernisierung war bisher fast immer eine Bewegung von oben nach unten,
und zwar nicht um den Fortschritt zu fördern, sondern es ging - jedenfalls
im 19. Jahrhundert - um einen stärkeren Machtgewinn für die
zentralen Regierungen, um besseren Ressourcenzugriff, um bessere militärische
Kapazitäten im Kampf gegen auswärtige Gegenspieler. Es ging
primär nicht darum, die Lage der Untertanen zu heben.
Verhängnisvoll ist, dass in den letzten dreißig Jahren die
Unterprivilegierten stark ideologisiert worden sind von solchen Rattenfängern
wie denen des 11. September.
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