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    1. Das Fach Religionswissenschaft

    1.2 Bedeutung der Religionswissenschaft heute

1.1. Beschreibung des Faches:

    Gegenstand der Religionswissenschaft sind alle Ausdrucksformen religiöser Erfahrung und religiösen Handelns, die Bedingungen ihres Entstehens und ihrer Form, die sich aus ihnen ergebenden oder in ihrer Folge tradierten Verhaltensmuster.

    In religiösen Verhaltensweisen sind Individuelles und Isoliertes zu grenzüberschreitenden, sinngebenden Systemen verbunden, die ihrerseits für bestimmte Situationen relativ feste Handlungsmuster vorschreiben. Die Teilhabe oder Beziehung auf die sinngebenden Systeme kann sich stärker im persönlichen oder gemeinschaftlichen Leben auswirken, individuelle oder kollektive Verbindlichkeiten herstellen.

    Es ist nicht Aufgabe der Religionswissenschaft, über die „Wahrheit“ religiöser Glaubenssätze oder die „Realität“ der komplettierenden, transzendenten Bezugspunkte zu urteilen. Sie konzentriert sich einerseits auf eine wertfreie Darstellung religiöser Aussagen und Deutungsmodelle, andererseits auf eine funktionale Analyse der Organisationsformen und Handlungsschemata, die Individuum und Kollektiv im Blick auf das Transzendente wählen. Es gehört folglich zu den wichtigsten Aufgaben einer Religionswissenschaft, Intentionen und Funktionen jeder Systemreferenz darzustellen und zu beurteilen.

    Nichtreligiöse Organisationsformen menschlicher Umweltgestaltung stehen in Konkurrenz oder Konvergenz zu religiösen. Je nach den kulturellen Verhältnissen integriert die Religion die anderen Kulturbereiche oder sie bleibt ein Teilsystem einer weitergehenden Organisationsform. Entsprechend muß eine sowohl auf historische wie auf zeitgenössische Phänomene gerichtete Religionswissenschaft grundsätzlich die kulturelle Gesamtstruktur berücksichtigen.

    Den verschiedenen Objektgruppen entsprechend sind die theoretischen Kategorien der Religionswissenschaft mehr erkenntnistheoretisch, psychologisch oder soziologisch ausgerichtet. Je nachdem, wie weit die zu erfassende Religion historisch und kulturell vom Betrachter entfernt ist, differieren die Zugriffsweisen. Religiöse Tatbestände können mit archäologischen ‚philologischen‘, historischen, soziographischen, statistischen usw. Methoden erschlossen werden. Die Interpretation der Sachverhalte aber und ihrer Verbindungen von anderen Bereichen der jeweiligen Kultur hat dann mit spezifisch religionswissenschaftlichen Methoden und Zielsetzungen zu erfolgen.

    1.2 Die Bedeutung der Religionswissenschaft heute:

      Informationen über fremde Religionen, insbesondere Weltreligionen, werden in einer Zeit intensiver Versuche zu politischer Kooperation und bereits praktizierter individueller Mobilität zunehmend wichtiger. In dem Maße, in dem die Religionszugehörigkeit immer seltener allein auf politischer und geographischer Zuordnung basiert, Konkurrenzsituationen von Religionen der Normalfall sind, erhält die Analyse ihrer Intentionen und Leistungen zunehmende Bedeutung. Fremde Religionen nicht als Basis von Differenzierung und Ausgrenzung zu benutzen, sondern die in ihnen wirksamen menschlichen Grundbedürfnisse zu erkennen, ist ein wichtiges „Lernziel“ auf der Grundlage religionswissenschaftlicher Forschung. Die Religionswissenschaft ist in der Lage, solche Kenntnisse und Einstellungen mit den dazugehörigen historischen Perspektiven ohne weltanschauliches oder missionarisches Eigeninteresse zu vermitteln.

      Mit Beginn der Industrialisierung werden in immer schnellerer Folge Heil- und Symbolsysteme importiert oder reaktiviert, die sich auf Randphänomene stützen oder insgesamt die traditionellen Muster von Religionen sprengen. Parallel zur Intensivierung und Perfektionierung der kollektiven Daseinsvorsorge im ökonomischen Bereich laufen auffallend häufig Bestrebungen, emotionale Bindungen und Rückversicherungen in neuen Formen zu lösen. Auch diese Entwürfe kollektiver Sinngebung und Heilserwartung gehören zum Gegenstandsbereich einer Religionswissenschaft, die sie in Zusammenarbeit mit den anderen Human- und Gesellschaftswissenschaften zu interpretieren hat. Die spezifische Konkurrenzsituation solcher Organisationsformen zu anderen Symbolsystemen verlangt grundsätzlich gleichermaßen eine Analyse der gesamten sozialkulturellen Situation.

    2. Berufsmöglichkeiten und Fächerkombinationen

 

 

 

 

 
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© Religionswissenschaft Tübingen: last edited: 26.11.2001