Projekt Troia
Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters
der Universität Tübingen, BRD

Department of Classics, University of Cincinnati, USA

Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Troia.
(FAQ)
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Impressum

 

Fragen und Antworten
Diese kurzen Antworten auf häufig gestellte Fragen nach dem möglicherweise realen Hintergrund des "Troianischen Kriegs" sollen der schnellen Information dienen. Wer es genauer wissen will, sollte es sich gemütlich machen mit den Artikeln, die anlässlich des Hollywoodfilms "Troy/Troja/Truva" im Jahr 2004 erschienen, oder mit den interessanten Büchern:

 - J.Latacz: "Troia und Homer, Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels", 4.Auflage 2003, ( Piper Taschenbuch.) und 5. erweiterte und aktualisierte Ausgabe 2005.
 - B.Brandau, H.Schickert, P.Jablonka : " Troia - wie es wirklich aussah", 2004, Piper.


1. Frage :  Wo liegt Troia ?
Antwort :  Troia liegt  im Nordwesten der kleinasiatischen Türkei beim Dorf Tevfikiye in der Provinz Çanakkale in der Nähe der Dardanellen. Die Ausgrabungsstätte liegt am Rand eines 35 m hohen Plateaus, das steil zu den Schwemmlandebenen des Karamenderes (Skamander) und Dümrek Çayi (Simoeis) abfällt. Die Küste an der Mündung der Dardanellen ist heute ca. 6 km von Troia entfernt. Während der Bronzezeit reichte eine Meeresbucht aber bis nahe an den Fuß des Hügels. Troia liegt 5 km westlich der Hauptstraße von Istanbul nach Izmir, etwa in der Mitte zwischen diesen beiden Städten und ihren Flughäfen. 

2.Frage :  Gab es den Troianischen Krieg? Mythos oder historische Wirklichkeit ?
Antwort :  Diese Streitfrage beschäftigt die Altertumswissenschaft seit mehr als zweihundert Jahren. Die moderne Forschung ist mehrheitlich der Meinung, dass es einen gewissen historischen Kern im Hintergrund der Geschichte gibt, wie verschwommen er auch immer sein mag. Die Ilias, die um 700 v.Chr. in ihrem heutigen, uns überlieferten Zustand verfasst wurde, nimmt offenbar ab und an auf spätbronzezeitliche Verhältnisse Bezug. Was den Ort betrifft, gibt es genug Anlass, die Bedeutung des Platzes herauszustellen. Allein, dass er dort archäologisch zu finden ist, wo ihn dann auch später die griechische und römische Tradition festmacht, ist ein nicht zu unterschätzendes Argument, und dass die Archäologie in der Tat entsprechende Bauten gerade aus dem 13. Jahrhundert v.Chr. findet, die zu den Ereignissen passen könnten, die der Hintergrund der Troia-Erzählung sind. Dazu kommt die Größe des Ortes, die sich erheblich von anderen Orten in der weiten Umgebung unterscheidet und seine topografisch extrem günstige Position.

Hier soll auch Prof.J.Latacz, ein führender Homerforscher aus Basel, zu Wort kommen, der in seinem Buch: "Homer. Der erste Dichter des Abendlands" zu dieser Frage bemerkt: "Für die Würdigung der Ilias als Kunstwerk ist die Historizität bzw. Fiktivität ihres vorgeblichen Ausgangsereignisses ohne Bedeutung. Die Ilias bliebe ein literarisches Meisterwerk, auch wenn der Troianische Krieg nie stattgefunden hätte."

3.Frage :  Könnte man diesen Krieg archäologisch  nachweisen, wenn es ihn gegeben hätte ?
Antwort :  Als Archäologen suchen wir nicht den Troianischen Krieg, auch wenn dieses angebliche Ziel dem seit 16 Jahren aktiven Grabungsprojekt in Troia von Außenstehenden immer wieder unterstellt wird. Wir können nur sagen, es gab viele Kriege in und um diese Stadt. Sie hat sich nicht umsonst immer wieder durch Festungsmauern schützen müssen im Verlauf der Jahrhunderte und Jahrtausende  und es war offensichtlich auch ein Platz, wo der Wille und auch die Mittel zur Verfügung standen, die Festungsanlagen immer wieder zu erneuern und zu erweitern. Wenn wir im Zusammanhang mit einer ausgedehnten Brandschicht aus der Zeit nach 1200 v.Chr. Spuren eines gewaltsamen Konflikts feststellen, so besagt das nichts über die Heftigkeit, die Dauer oder die Kontrahenten eines möglichen Krieges.

4.Frage : Welches Ziel haben denn die gegenwärtigen Grabungen in Troia ?
Antwort : Speziell zur Siedlungsgeschichte Anatoliens und des Balkanraums hat Troia eine wichtige Rolle als Bindeglied (siehe Fragen 7 und 8). Für eine möglichst genaue Chronologie ist die moderne Methode der Radiokarbondatierung unverzichtbar. Diese Methode stand den früheren Forschern Schliemann, Dörpfeld und Blegen noch nicht zur Verfügung. Diese wichtige Modernisierung der Erkenntnisse haben wir erfolgreich und umfassend nachgeholt. Ein weitgestecktes Ziel ist über die unmittelbare Ortsentwicklung hinaus ein Verständnis der ökologischen und klimatischen Entwicklung des Küstengebiets und des Unterlaufs des Skamanders, des Gebiets, das wir als die Troas bezeichnen. Dazu ist die Einbeziehung vieler Wissenschaftsdisziplinen erfolgreich praktiziert worden. Das Projekt ist damit ein wichtiger Teil eines Wissenschaftsverbundes mit dem Ziel der Annäherung an eine Rekonstruktion der ägäisch-anatolischen Bronzezeitgeschichte.

5.Frage : Wie groß war Troia ?
Antwort : Seit Beginn der Grabungen vor über 130 Jahren war postuiert worden, dass schon die bronzezeitliche Besiedlung des Ortes in ihren wichtigen Phasen weit über die zunächst aufgefundenen Befestigungsmauern des Ortskerns hinaus reichte. Die systematische Erforschung dieser so genannten Untersiedlung oder -stadt war ein wichtiges weiteres Ziel der neuen Grabungsserie ab 1988, das seit Jahren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und bewertet wird. Aus einer Kombination von topographischen Überlegungen, genauer Analyse der Verteilung von Oberflächenfunden, geophysikalischen Prospektionsmethoden und gezielten Sondagen ergab sich ein recht klares Bild, das gegenwärtig in etliche wissenschaftliche Publikationen umgesetzt wird. Speziell für die wichtige Unterstadt der Spätbronzezeit (Troia VI / VII) hat man so eine Gesamtgröße zwischen 250 000 und 300 000 qm ermittelt (verglichen mit einer Größe von etwas mehr als 20 000 qm für den Innenbereich, die so genannte Burg). Das ergibt zusammen mit der Nahrungsmittelbasis der Troas ein mögliche Bevölkerungszahl von mehr als 5 000. 

6.Frage :  Man hat bei den Ausgrabungen kein Ortsschild mit dem Namen Troia gefunden. Woher weiß man um den Namen des Ortes ?
Antwort :  Für die hellenistischen Griechen und die Römer gab es keinen Zweifel, dass an dieser Stelle die heilige Ilios Homers gestanden hatte, deren zweiter Name bei Homer auch Troia war. Die bronzezeitliche Namengebung ist mit recht großer Übereinstimmung vieler Gräzisten und Hethitologen durch die Lokalisierung des hethitischen Wilusa an der gleichen Stelle im Nordwesten der Türkei festzumachen. Wilusa war ein Fürstentum, das im 14. u.13. Jh. v.Chr. durch einen Staatsvertrag als Vasall des hethitischen Großkönigs existierte. Der Vertrag ist durch eine Tontafel aus dem hethitischen Königsarchiv in der Hauptstadt Hattusa belegt (Alaksandu-Vertrag). Dem hethitischen Wilusa entspricht durch Lautverschiebung das griechische (W)Ilios. Für den griechischen Namen Troia gibt es eine sehr wahrscheinliche Entsprechung im Hethitischen, eine Landschaftsbezeichnung Taru(w)isa, die der gleichen Gegend wie Wilusa zugewiesen wird. 

7.Frage :  Welche Bedeutung hatte Troia in der Vergangenheit ?
Antwort : Troia lag in der Welt der Hochkulturen des 3. und 2. Jahrtausends v.Chr. sozusagen an der Peripherie. Städte und Orte an der Peripherie können sehr bedeutsam sein, denn nur mit der Peripherie und mit den Produkten jenseits der Peripherie sind die Zentren, die Hochkulturen, in ihrer Entwicklung denkbar. Troia war gewiss nicht der Nabel der Welt, aber hatte eine wichtige Funktion im Peripheriebereich. Wir denken beispielsweise an die wichtige Metallversorgung (Kupfer, Zinn), aber auch an andere Produkte wie Bernstein oder Karneol, die von außen in den Ostmittelmeerraum kamen. Man kann Troia vielleicht in der Funktion mit Städten wie Gibraltar oder mit Kolonien des 19. Jahrhunderts vergleichen, die Märkte und Tore in andere Welten öffneten. Für Troia, an der Meerenge gelegen, wäre das der Balkanraum und der Schwarzmeerraum.

8.Frage :  Welche Bedeutung hat Troia für die heutige Archäologie ?
Antwort :  Für prähistorische Archäologen ist der Platz wichtig, weil man hier die Zeitabläufe wie bei einem geschichteten Kuchen dadurch aufblättern kann, dass man im wahrsten Sinne des Wortes Einschnitte vornimmt. Siedlungs-Schicht für Siedlungs-Schicht liegt hier an einer wichtigen Stelle zwischen Asien und Europa und zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer übereinander. Die geschichtliche Entwicklung an einem geografisch exponiert gelegenen Platz über einen Zeitraum von 3500 Jahren verfolgen zu können, das macht die Bedeutung Troia aus.

9.Frage :  Gab es das Troianische Pferd ?
Antwort :  Nein, in keinem Falle so, wie Homer es in der ansprechenden und zugleich eindringlich schönen Überlieferung schildert. Aber das hat man auch in der Antike schon als Mär aus fernen Zeiten verstanden, wenngleich immer wieder gerne als List des Odysseus gehört. 

10.Frage : Hätten die Griechen mehr als 1000 Schiffe aufbringen können, um einen Eroberungskrieg gegen Troia führen zu können ?
Antwort : Nein. Die verstreuten Fürstensitze der mykenischen Griechen hätten in der Spätbronzezeit eine solche Seestreitmacht mit großer Wahrscheinlichkeit nicht aufbringen können. Ein möglicher bewaffneter Konflikt fällt zudem in die Zeit, als sich die Palastzentren nicht mehr auf dem Höhepunkt ihrer Macht befanden.

11.Frage : Hätte eine Belagerung Troias wirklich zehn Jahre andauern können ?
Antwort : Während der Bronzezeit (etwa 3000 bis 1000 v.Chr.) waren die verschiedenen aufeinander folgenden Siedlungen der Troianer immer gut befestigt mit großen Türmen, starken Toren und Mauern aus Kalkstein. Der Platz muss schwierig zu erobern gewesen sein. Eine vorgeschichtliche Belagerung hätte wahrscheinlich lange dauern können. Man sollte im übrigen die Zahl zehn eher als eine dichterische Überhöhung, als runde Zahl im Sinne eines sehr langen Zeitraums betrachten. 

12.Frage : Hat Homer wirklich gelebt ?
Antwort : Das ist eine umstrittene Frage. Homer soll ein blinder  Dichter aus Ionien gewesen sein, vielleicht aus Smyrna (Izmir) oder der Insel Chios, der die Geschichte der Ilias etwa um 700 v.Chr. aus den Gesängen von reisenden Rezitatoren zusammengetragen hat. Daraus ist das griechische Nationalepos des Altertums entstanden, das seine Bedeutung nicht in den alten Geschichten sondern in den zeitgenössischen Bezügen hatte.

13.Frage : Waren die Troianer ein griechischer Stamm ?
Antwort : Ohne schriftliche Überlieferungen ist die Zuordnung zu ethnischen Gruppierungen sehr schwierig. Für eine statistisch aussagekräftige anthropologische Analyse ist die Anzahl von Skelettfunden viel zu gering. Räumliche Vergleiche der zivilisatorischen Hinterlassenschaften (Architektur, Keramik) sind nur begrenzt für ethnische Zuweisungen heranzuziehen, da sie stark durch Modetrends einer beweglichen Oberschicht bestimmt sein können. (Nicht alle "Völkerwanderungen" sind Ortsveränderungen von ganzen Völkerschaften). Bleiben die Ergebnisse der vergleichenden Sprachforschung. Diese ordnen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Bewohner der Troas der luwischen Sprachgemeinschaft zu, die den Westen Kleinasiens als indoeuropäische Verwandte der Hethiter bewohnte. Die mykenischen Griechen gehörten natürlich auch zu einem Zweig dieser "Sprachfamilie".

14.Frage :  Wie ist die richtige Schreibweise von Troia ?
Antwort :  Die Schreibweise Troia ist die aus dem Altgriechischen stammende und in den Altertumswissenschaften übliche (z.B. in "Der Neue Pauly", dem Standardreferenzwerk), davon abgeleitet: Troianer und troianisch. Die deutschen Rechtschreibbücher verwenden die seit dem 19.Jh. übliche Schreibweise Troja, Trojaner und trojanisch. Im Englischen wird fast ausschließlich Troy und Trojan verwendet. ( Eine Erläuterung befindet sich auch in dem oben zitierten Buch von J.Latacz: "Troia und Homer" (4.Auflage, Piper 2003, S. 343  Anmerkung 2)

15.Frage : Gehen die Grabungen in Troia weiter ?
Antwort : Wie schon lange geplant, ist es nach beinahe zwanzig Grabungsjahren an der Zeit, die erreichten Erkenntnisse wissenschaftlich möglichst geschlossen zu publizieren. Diesem vordringlichen Ziel dienen die knapper gewordenen Mittel in erster Linie. Außerdem erfordert die sachgerechte Pflege des Weltkulturerbes Mittel und Expertenwissen. Troia stellt aber auch archäologisch noch viele Fragen, wie etwa die nach der Lage der bronzezeitlichen Friedhöfe, oder die detaillierte Siedlungsstruktur der bronzezeitlichen Untersiedlung. Es wird angestrebt, diesen Fragen weiter nachzugehen, wenn die Mittel dafür verfügbar gemacht werden können. 

Diese Liste wird nach Bedarf erweitert.



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Tübingen editor: Hans G. Jansen (email: hans.jansen@uni-tuebingen.de) Date Last Modified: 27/April/2007 by: HGJ