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2001
SYMPOSIUM
2002
(Tübingen)
Tutorial
_______________
Impressum
|
Der
Archäologe Manfred Korfmann, Leiter der internationalen Ausgrabungen
in Troia, über Glaubenskämpfe, Steinräuber, Autobahnen für
Streitwagen und den Krieg zwischen Stubengelehrten und Feldforschern.
Autorisiertes Interview der
Zeitschrift "LITERATUREN" (Oktober 2001) mit MANFRED KORFMANN am Grabungsort
Troia.
M.Korfmann,
Jahrgang 1942, ist Professor für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie
an der Universität Tübingen und leitet seit 1988 das «Troia-Projekt»,
die internationalen und interdisziplinären Grabungen in Troia / Wilios
/ Wilusa. Korfmann ist Herausgeber der «Studia Troica» und
lieferte die Grundkonzeption als wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung
«Troia - Traum und Wirklichkeit».
LITERATUREN
Seit 1988 wird unter Ihrer Leitung in Hisarlik wieder gegraben. Doch erst
dieser vierzehnte Grabungssommer hat das «Projekt Troia» wirklich
ins öffentliche Gespräch gebracht - aber auch ins öffentliche
Gerede. Die Troia-Ausstellung, in der Sie Ihre neuen Funde und Befunde
präsentieren, ist ein großer Publikumserfolg. Aber gleichzeitig
formieren sich die wissenschaftlichen Kritiker des Unternehmens mit auffälliger
polemischer Schärfe. Hängt das zusammen - das Medien-Interesse
und die Attacken?
MANFRED
KORFMANN Ja, sehr wahrscheinlich. Aber Troia war immer schon
ein Reizthema - und wird es bleiben. Ein Hauptmann Bötticher machte
Schliemann und Dörpfeld vor 130 Jahren über die Zeitungen den
Vorwurf, sie verfälschten ihre Grabungsergebnisse. Troia sei gar kein
Siedlungsort, sondern eine große Feuer-Nekropole. Vor zehn Jahren
machte uns, wieder unter großer Medienbegleitung, der Geologe Eberhard
Zangger den Vorwurf, wir würden die Ausdehnung unseres Grabungsplatzes
bagatellisieren in Wirklichkeit arbeiteten wir in Atlantis. jetzt, über
die Medien lanciert, soll Troia viel kleiner und unbedeutender sein, als
wir Ausgräber meinen. Es geht immer um dieselbe Frage -das Troia des
angeblichen Troianischen Kriegs. Wir werden durch so etwas in unserer Arbeit
selbstverständlich beeinträchtigt.
LITERATUREN
Es wird gesagt, die Ausstellung täusche Befunde vor.
KORFMANN
In der Ausstellung haben wir den aktuellen Forschungsstand mehrerer Disziplinen
zusammengebracht, darunter auch der Naturwissenschaften. Wir haben die
Homer-Forschung, die Altanatolistik und natürlich die Troia-Archäologie
betont und unsere neuesten Ergebnisse vorgezeigt, die durchaus diskutiert
werden sollen. Die Kritik beißt sich jetzt an einem Holzmodell in
der Ausstellung fest, das die gesamte Stadtanlage mit befestigter Burg
und Unterstadt samt Streitwagen-Graben zeigt, mit der Aufschrift «Landschaftsrnodell
von Troia VI / VIla, 1700 -1200 v. Chr.» Einem Modell, das wir in
den Details ja gar nicht zu verantworten haben. Wenn wir zeigen wollen,
dass die Unterstadt dicht bebaut war, dann machen die Modellbauer halt
viele Bauklötzchen rein. Aber jedem nachdenklichen Betrachter wird
wohl klar gewesen sein, dass hier nicht genau dieselben Häuschen an
der selben Stelle 500 Jahre lang gestanden haben können.
LITERATUREN
Die Beschriftung in der Ausstellung ist inzwischen verbessert worden. Aber
mit der Änderung einer Aufschrift ist die Kontroverse wohl kaum beizulegen.
Immerhin wirft Ihnen der Münchner Archäologe Dieter Hertel «Irreführung
der Öffentlichkeit» vor und der Tübinger Althistoriker
Frank Kolb, Ihr lautstärkster Kritiker, versucht, Sie als «Däniken
der Archäologie» zu diffamieren.
KORFMANN
Von der fachlichen Diffamierung als «Däniken der Archäologie»
scheint Herr Kolb inzwischen Abstand genommen zu haben. Eine eindeutige
Rücknahme und Entschuldigung ist jedoch Voraussetzung für ein
Gespräch unter Wissenschaftlern. Er hat damit alle Troia-Mitarbeiter
und alle Organisationen beleidigt, die hinter den Grabungen stehen.
LITERATUREN
Nehmen
Sie diese Kritik inhaltlich nicht ernst?
KORFMANN
Die bis jetzt aufgetretenen Kritiker sind keine speziellen Fachleute, weder
für die Archäologie der Bronzezeit, noch für die Altorientalistik,
noch für die Homer-Forschung. Herr Hertel hat sich vom Schreibtisch
aus auf das griechische und römische Ilion, also auf das 1. Jahrtausend
v. Chr., spezialisiert und will von den Erkenntnis-Fortschritten, die in
den letzten zehn Jahren in der Troia-Forschung erzielt wurden, so gut wie
nichts akzeptieren. Ich sehe seine Äußerungen als den Rückzugskampf
eines Mannes, dem wir mit den neuen Erkenntnissen der Troia-Grabungen Jahr
für Jahr bei den Grundannahmen seiner seit sieben Jahren immer noch
ungedruckten Habilitationsarbeit in die Quere kommen. Er muss erleben,
wie seine argumentativen Felle davonschwimmen. Auf Hertel vornehmlich stützt
sich jedoch Frank Kolb, wenn man von seinem verfestigten Stadtbegriff absieht.
LITERATUREN
Ihre Kritiker verstehen nichts von den neueren Forschungsansätzen?
KORFMANN
Es gibt jedenfalls keine ausgewiesenen Spezialisten unter ihnen. Man kann
das Troia-Problem heute nicht mehr nur aus der Sicht des Althistorikers
oder des Vorderasiatischen Archäologen betrachten, die Rom und Athen
oder die großen Städte Mesopotamiens und Inneranatoliens vor
Augen haben. Wir arbeiten hier an der Grenze Europas, wo andere Maßstäbe
mit ins Spiel kommen. Auch forschungsgeschichtlich sind wir somit in einem
Grenzgebiet, an dessen wissenschaftlichen Fragestellungen zur ausgehenden
Bronzezeit mindestens drei archäologische und zwei philologische Disziplinen
beteiligt sind.
LITERATUREN
In Ihren Augen hat also Troia eine Schlüsselposition inne?
KORFMANN
in der Ägäis, in Südosteuropa, im westlichen Anatolien,
im Schwarzmeerraum und im Kaukasus wird man kaum einen Ort finden mit der
Architekturqualität und mit den Dimensionen Troias. Als Prähistoriker
kann ich diesen vielschichtigen Platz nicht genug hervorheben. Die Kritiker
müssten die Forschungsergebnisse, die momentan Standard sind unter
den führenden Altanatolisten und den Homer-Forschern, überhaupt
erst einmal kennen und sich mit ihnen auseinandersetzen, ehe sie uns attackieren,
das sagen wir ganz selbstbewusst.
LITERATUREN
Vielleicht reizt Ihre Gegner gerade, dass Sie Ihre Diskurs-Hegemonie so
stark betonen? Kommt da der alte Konflikt zwischen Stubengelehrten und
Feldarchäologen zum Vorschein?
KORFMANN
Es würde die Kritiker wohl schmerzen, wenn ihre jahrelang verkündeten
Doktrinen zu relativieren oder gar zu widerrufen wären. Keiner sieht
sich gerne mit Erkenntnissen konfrontiert, die denen der eigenen Arbeiten
widersprechen. In dieser Situation ist es das Einfachste, die Interpretationen
aus den neuen Grabungen in Frage zu stellen. Wir sind vielleicht die am
leichtesten Greifbaren, weil jeder glaubt, beurteilen zu können, was
Feldarchäologen machen, und meint, sich ein Urteil über ihre
Interpretationen erlauben zu können.
LITERATUREN
Sind Ihre Interpretationen zu phantasievoll?
KORFMANN
Wir haben in der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie einen
professionellen Rahmen, wie wir Funde und Befunde interpretieren. Wir können
nie hundertprozentig genau sagen, wie es gewesen ist. Dieses natürliche
Manko teilen wir mit der Alten Geschichte. Aber ich sehe als Archäologe
kein Problem, mir den legitimen Spielraum für Interpretationen zu
nehmen. Übrigens: ohne Hypothesen kein wissenschaftlicher Fortschritt.
Dass wir technisch und grabungsmethodisch
sauber arbeiten, wird ja nicht bestritten. Das wagt man wohl auch nicht,
weil man in der Fachwelt weiß, dass wir sehr genau arbeiten und darüber
hinaus alljährlich in den «Studia Troica» Rechenschaft
ablegen.
LITERATUREN
Kolb behauptet, das Modell in der Ausstellung täusche Grabungsbefunde
vor. Er leugnet die Existenz einer befestigten Unterstadt in Troia.
KORFMANN
Herr Kolb hat sich 1984, also lange vor Beginn unserer Grabungen, in seinem
Buch «Die Stadt im Altertum» festgelegt, dass Troia keine Stadt
ist. Er hat dort, dem damals gängigen Bild und Forschungsstand entsprechend,
also forschungsgeschichtlich korrekt, Troia als kleine Ortschaft eingestuft.
Über den Stadtbegriff kann man sich bekanntlich streiten. Heute, siebzehn
Jahre später, ist klar: Das Troia des 2. Jahrtausends war eine Stadt.
LITERATUREN
Kolb sagt, in der Phase zwischen 1700 und 1200 v. Chr. sei Troia bloß
ein Herrensitz mit Burganlage gewesen, ohne jegliche überregionale
Bedeutung.
KORFMANN
Aus der Sicht eines Prähistorikers, der andere Vergleichsorte vor
Augen hat, ist das falsch. Dieser Ort weist am Schnittpunkt zwischen Europa
und Anatolien und an der Meerenge zwischen Ägäis und Schwarzem
Meer eine in vielen Details auffällige, ja aufwändig erbaute
Anlage auf Warum gerade hier an dieser geografisch und wohl auch geopolitisch
so wichtigen Stelle? Nehmen wir unsere guten Kenntnisse des assyrischen
Fernhandelssystems zum Maßstab, das im 19. und 18. Jahrhundert zwischen
Assur und der anatolischen Schwarzmeerküste bestens dokumentiert ist,
dann fällt es gar nicht schwer, Troia in dieser Zeit eine Zentralort-
Funktion an den Dardanellen zuzuschreiben. Die Dimensionen dieses großartigen
Platzes sind aus meiner Sicht kaum anders zu erklären.
LITERATUREN
Laut Kolb gibt es im Troia der späten Bronzezeit keine Hinweise auf
eine großflächige geschlossene Bebauung außerhalb der
Burg. Die Unterstadt habe allenfalls aus verstreuten Holz-Lehmbauten und
vielen Freiflächen zur Gartennutzung bestanden. Er sagt, Sie könnten
in der Unterstadt keinen einzigen Haus-Grundriss vorweisen.
KORFMANN
Er stützt sich da wohl auf sein und Hertels Wunschdenken. Das Gegenteil
ist der Fall: Wo immer wir in der Unterstadt gegraben haben, sind wir auf
klare Hinweise intensiver Bebauung gestoßen.
LITERATUREN
Und wo haben Sie Unterstadt Reste gefunden?
KORFMANN
Wie erwartet, sowohl 200 Meter südlich der Burg, aber auch innerhalb
des Bezirks des Athena-Tempels, unterhalb des Odeion und des Rathauses
sowie im Bereich des westlichen Heiligtums. Ich habe die Kritiker eingeladen,
sich diese «Phantasiegebilde» anzusehen - keiner von ihnen
kam.
LITERATUREN
Die meisten Gebäude der Unterstadt sind aber verschwunden durch Steinraub
in griechisch-römischer Zeit. Da wurde das alte Troia als Steinbruch
benützt.
KORFMANN
Ja, diesen Prozess können wir für die 800 Jahre griechisch-römischer
Bebauung der Unterstadt immer wieder nachweisen. Brian Rose, unser Troia-Kollege
von der Klassischen Archäologie, musste sogar feststellen, dass selbst
die den Altertumswissenschaften so ungewöhnlich gut vertraute große
Stadt Ilium des Kaisers Augustus archäologisch nur schwer zu belegen
ist, wenn man komplette Hausgrundrisse zum alleinigen Maßstab erheben
will.
LITERATUREN
Von einer Unterstadt wurde ja seit hundert Jahren geredet.
KORFMANN
Dass es eine Unterstadt geben muss, war schon meinen archäologischen
Vorgängern Dörpfeld und Blegen klar - sie haben nur an den falschen
Stellen gesucht. Es wäre ja auch gar nicht einleuchtend, dass diese
mächtige Burganlage nur mit Herrschaften besetzt gewesen sein soll,
dass es kein Volk dazu gegeben hätte, das sie gebaut und die Oberschicht
versorgt hat.
LITERATUREN
Die Fläche, die Sie in der Unterstadt ausgegraben haben, ist klein.
Ihr Grabungskollege Brian Rose aus Cincinnati beziffert sie auf gerade
mal ein Prozent der griechisch-römischen Unterstadt.
KORFMANN
Das stimmt. Aber wie sollen wir Archäologen argumentieren, wenn nicht
mit den ausgegrabenen Flächen? Aus ihnen müssen wir die Schlüsse
ziehen. Aber dass wir die bronzezeitliche Unterstadt würden fassen
können und dass wir im Schatten der Burgmauer solide Siedlungsreste
finden würden, konnte man voraussagen, denn da
waren sie zugedeckt unter den Großbauten
aus hellenistisch-römischer Zeit.
LITERATUREN
Was Sie nicht direkt nachweisen können, ist, ob und wie diese Unterstadt
befestigt war. Sie postulieren für Troia VI und Troia VIIa eine Stadtmauer
aus Stein und Lehmziegeln. Aber keine Spur einer solchen Stadtbefestigung
ist mehr auffindbar - mit Ausnahme des östlichen Zwickels der Burgmauer,
wo es Ihnen gelungen ist, den Ansatz der einstigen Festungsmauer und ein
Tor samt Aufweg nachzuweisen.
KORFMANN
Die Unterstadtmauer muss gänzlich innerhalb des späteren griechisch-römischen
Stadtgebiets verlaufen sein. So systematisch, wie dessen Anlage war, wird
also kein Stein auf dem anderen geblieben sein. Genau dort aber, wo die
bautechnisch begründete Hoffnung bestand, dass die Mauer erhalten
geblieben sein könnte, haben wir sie gefunden. Das war ein großer
Erfolg!
LITERATUREN
Statt der Mauer haben Sie an mehreren Stellen einen Graben entdeckt, der
vier Meter breit und etwa zwei Meter tief in den Kalkfelsen geschlagen
ist und von dem Sie annehmen, dass er vor der in Pfeilschussweite gedachten
Mauer rund um die Unterstadt verlief Sie interpretieren diesen Graben als
ein Hindernis gegen Streitwagen, allerdings unterbrochen an einer Stelle
durch einen zehn Meter breiten Damm. Ihr Gegner Kolb nennt diesen Damm
eine «Autobahn für Streitwagen» und höhnt, ein solches
Verteidigungswerk hätten höchstens Schildbürger gebaut.
KORFMANN
Das ist in der Tat eine «Autobahn für Streitwagen». Troia
brauchte diese Ausfallmöglichkeit für eventuelle Gegenangriffe.
Hinter diesem Damm aber konnte der Feind durch eine mindestens 30 Meter
lange Palisadenlinie und ein 5 Meter breites, verschließbares Doppeltor
aufgehalten werden. Die dazugehörigen Holzpfosten können wir
durch Eintiefungen im Felsen eindeutig rekonstruieren.
LITERATUREN
Ihre Kritiker interpretieren diesen Graben aber als Begrenzung von Ackerland.
KORFMANN
Es ist schon merkwürdig, dass Argumente wie die Verteilung der Oberflächenfunde
aus dem 2. Jahrtausend, die Geländeform, das Auf und Ab der Grabenführung
oder die Unterbrechung des Grabens durch den stehen gelassenen Fels bei
den Kritikern keine Rolle spielen. Nur deshalb, weil sie nicht mit der
nahe liegenden Interpretation konfrontiert werden wollen: Das ist die Grenze
der Unterstadt. Übrigens wurden außerhalb des Grabens die Reste
eines Friedhofs der ausgehenden Bronzezeit gefunden - was auch ein Beleg
dafür ist, dass hier die Stadt geendet haben muss.
LITERATUREN
In der Ilias kommt ein Streitwagengraben vor. Homer erwähnt einen
solchen Graben vor dem Schiffslager der Griechen, aber nicht vor Troia.
KORFMANN
Der Basler Homer-Forscher Joachim Latacz würde vielleicht sagen, dass
die kriegstechnischen Rahmenbedingungen der Ilias über Jahrhunderte
hinweg von den Sängern tradiert wurden, sogar bis in die Homerische
Zeit hinein, in der in Griechenland der Streitwagen als Waffe keine Rolle
mehr gespielt hat. Ich verstehe Homer als literarische Quelle aus dem ausgehenden
8. Jahrhundert v. Chr. Und mit Homer ist für mich der meines Wissens
zeitlich und räumlich nächstliegende schriftliche Beleg dafür
gegeben, wie man sich die Funktion eines solchen Grabens vorstellen könnte.
LITERATUREN
Durch
Ihre Entdeckung der Unterstadt hat sich die Fläche Troias mindestens
verzehnfacht. Aus der kleinen Zitadelle, dem früher belächelten
«Piratennest am Hellespont», ist jetzt eine prosperierende
bronzezeitliche Stadt von geschätzten 7000 bis 10.000 Einwohnern geworden.
Worin bestand deren Existenzgrundlage?
KORFMANN
Weit über hundert Jahre lang haben unzählige Troia-Besucher den
Ort keineswegs belächelt. Die Burg allein ist ungemein eindrucksvoll.
Ihre Existenzgrundlage bestand sicher nicht nur in ein paar Kornfeldern
und im Fischfang.
LITERATUREN
Worin dann?
KORFMANN
Im 2. Jahrtausend war Troia nach meinem Dafürhalten eine beachtliche
Residenz- und Handelsstadt, die von ihrer Lage an den Dardanellen profitierte,
begünstigt durch eine ungewöhnliche Kombination von starken Winden
und Strömungen, die die Einfahrt aus der Ägäis behinderten.
Solange die Takelage der Schiffe nicht so angelegt war, dass sie gegen
den Wind segeln konnten und somit kein Kiel notwendig war, lagen sie oft
lange Zeit in der Bucht von Troia, der heutigen Besik-Bucht, fest. Entscheidend
ist hier der flache Sandstrand und die von Paläogeografen festgestellte
ehemalige Lagune. Es war eine ideale Situation, um Schiffe auf den Strand
ziehen zu können. Die Troianer konnten an den Lebensmittel-Lieferungen
verdienen, Treideldienste anbieten, Zölle und Lotsengebühren
erheben.
LITERATUREN
Das wäre Wegezoll. Das macht Troia noch nicht zur Handelsstadt.
KORFMANN
Das ist richtig.
LITERATUREN
Sie postulieren aber Troia als Fernhandelsplatz und operieren mit hier
gefundenen oder wahrscheinlichen Gütern Kupfer aus Zypern oder Zentralasien,
Eisen vorn Schwarzen Meer, Zinn aus Böhmen oder Innerasien, Gold und
Karneol aus dem Kaukasus, Bernstein aus dem Baltikum, später auch
Pferde aus dem anatolischen Hochland oder dem Schwarzmeerraum. Hertel und
Kolb werfen Ihnen vor, dass Sie die Irnportfunde aus allen bronzezeitlichen
Schichten Troias und aus zwei Jahrtausenden addieren, um daraus eine handelspolitische
Schlüsselstellung der Stadt zu ihrer Blütezeit, Troia VI, abzuleiten.
Auf diese Weise Troia zu einem Zentrum des spätbronzezeitlichen Welthandels
machen zu wollen, sei ahistorisch.
KORFMANN
Dieser Eindruck mag in der Ausstellung dadurch entstehen, dass sie im archäologischen
Teil als ein «Rundgang durch den Grabungsort Troia» konzipiert
wurde. Der Besucher wird vom 2. ins 3. Jahrtausend und wieder zurück
geführt. Dazu passend werden die zugehörigen Funde ausgestellt.
Wenn der eilige Besucher nicht versteht, dass hier ein Gang durch die Ruine
simuliert wird, mag ihm diese verdichtete Präsentation unzulässig
erscheinen.
LITERATUREN
Und Sie selbst, argumentieren Sie ahistorisch?
KORFMANN
Ich argumentiere hauptsächlich mit der Kontinuität der Architektur
in Troia über zwei Jahrtausende hinweg und auch mit den Erkenntnissen
aus der so genannten Historischen Geografie. Nehmen Sie den Konkurrenzort
Mykene: Wenn wir dort nicht die Herrschergräber und ein paar Schriftquellen
hätten, dann käme mit gleicher Argumentation kein Mensch auf
die Idee, in Mykene den Handelsplatz zu sehen, der es war. Man beachte
doch die Größe und Stärke der Mauern in Troia! Es gibt
nördlich von Mykene und Tiryns nichts Vergleichbares.
LITERATUREN
Soll das beweisen, dass hier eine reiche Stadt ihre Schätze gegen
Angriffe sichern wollte?
KORFMANN
Es
deutet darauf hin, dass es in Troia Waren-Überschüsse gab, die
zu schützen waren, dass man die Kraft hatte, sie zu schützen,
dass es lohnte, die Stadt anzugreifen, denn sonst hätte sie nicht
zur Verteidigung gerüstet sein müssen - und dies kontinuierlich
von etwa 3000 bis zirka 1000 v. Chr. Das heißt: in Troia wurden Dinge
gehortet, schon seit dem 3. Jahrtausend, der Schliemann'schen Schatzfundzeit,
um die zu streiten sich lohnte. Woher sollte ohne Handel die Substanz kommen,
um solche Festungsbauwerke in Troia zu errichten? Wir befinden uns in einer
Zeit, in der Eisen noch nicht gängig war, als diese mächtige
Anlage, Stein für Stein, präzise und mit erstaunlicher Fachkenntnis
und offenbar nach Plänen erbaut wurde.
LITERATUREN
Das sind indirekte Belege. Stimmt der Eindruck, dass die Beweislage hier
ein bisschen dünn ist?
KORFMANN
Das ist völlig richtig. Wir argumentieren hier aus der Substanz des
Ortes selbst, dies aber logisch und nach den methodischen Grundsätzen
von Rekonstruktion generell. Wir haben in Troia bisher leider keine Herrschergräber
wie in Mykene, die uns konkret weiterhelfen würden.
LITERATUREN
Da
die Hügelkuppe Troias schon in hellenistischer Zeit vollständig
abgetragen wurde, sind die Tempel und die Herrschersitze verschwunden.
KORFMANN
Wir haben keine zentralen Paläste, wir haben daher auch keine Archive,
denn die befanden sich logischerweise dort. Wenn in dieser Zeit sogar auf
Schiffen geschrieben wurde, wie wir durch die beiden Schreibtafeln im Wrack
des Schiffes von Ulu Burun wissen, dann doch wohl auch in Hafenorten von
der Bedeutung Troias. Natürlich bewegen wir uns als Prähistoriker
im Bereich von Hypothesen, natürlich arbeiten wir mit Analogieschlüssen.
Wir wissen zum Beispiel, was das Schiffswrack von Ulu Burun, 1303 vor der
Küste Lykiens gesunken, alles an Bord hatte - Waren aus Afrika, Zypern,
der Levante, sogar ein Zepter aus dem Karpatengebiet. Innerhalb solcher
Handels -und Kommunikationssysteme und angesichts solcher Fernbeziehungen
kann ein Hafenplatz Troia, der die Dardanellen zu kontrollieren vermag,
nicht gänzlich unbekannt gewesen sein. Ein Althistoriker möge
mich nicht belehren, wie Handel läuft.
Ich sage: Irgendwie sind diese Waren nach
Troia gekommen, auf welchem Wege, kann ich nicht nachweisen. Meine Vermutung
ist, dass Troia der Macht- und Handelsrivalität zwischen Hethitern
und Assyrern ein Gutteil seiner Prosperität verdankt. Und zwar deshalb,
weil der Schwarzmeerraum für die Assyrer nicht mehr auf dem altvertrauten
Weg quer durch Anatolien erreichbar war. Aber das ist nur eine Vermutung,
um zu erklären, warum gerade um 1700 v. Chr. - mit der Erbauung von
Troia VI - die Stadt so auffällig aufzublühen scheint.
LITERATUREN
Sie
argumentieren die ganze Zeit so, als wäre Troia ein normaler altanatolischer
Ausgrabungsort, wie Bogazköy oder Beycesultan.
KORFMANN
Ja natürlich, ich sehe in Troia einen ganz normalen Ausgrabungsort,
der nicht nur für die Zeit um 1200 interessant sein sollte.
LITERATUREN
Dank dem Troianischen Krieg und dank Homer ist aber Troia auch ein Ort
von mythischer und literarischer Bedeutung. Und der Mythos spukt noch heute
in den Köpfen, wie alljährlich hunderttausende Troia-Besucher
zeigen. Wenn dieser Ort nicht zufällig als Schauplatz der Ilias weltberühmt
wäre, hätte es überhaupt jemanden interessiert, diesen kleinen
Geländebuckel auszugraben?
KORFMANN
Mich als Prähistoriker auf jeden Fall.
LITERATUREN
Als der vierte Ausgräber vor Ort finden Sie aber ein gründlich
durchsiebtes Gelände vor, in dem Ihre Vorgänger vor allem nach
Beweisen für den Troianischen Krieg suchten.
KORFMANN
Die Historizität des Troianischen Krieges war eine Glaubensfrage -
und die brachte natürlich Ungläubige hervor, die prinzipiell
jeden historischen Kern des Epos leugneten. Die Gegner unserer Arbeit hängen
dieser inzwischen veralteten Lehrmeinung immer noch an. Natürlich
gehört auch Kolb dazu.
LITERATUREN
Und wie halten Sie selbst es mit dieser Glaubensfrage?
KORFMANN
Ich bin in Troia/Hisarlik nicht angetreten, um den Troianischen Krieg auszugraben.
Es gab immer Kriege um Troia. Wozu hätte man sonst fünfzehn Burgmauern
im Verlauf der Zeit gebraucht? Ich persönlich würde nie den Troianischen
Krieg suchen. Es sei denn, dass Quellen auftauchen, die ihn direkt bestätigen.
LITERATUREN
Es
heißt, dass es eine solche Quelle gibt.
KORFMANN
Es wird eine Quelle diskutiert - eine Silberschale, die in der Ausstellung
in Braunschweig zu sehen ist. Da wird in einer Inschrift von einer Schlacht
gesprochen, in der «Tarwiza» geschlagen wurde. In diesem Jahr
sei die Schale gemacht worden. Nur müssten sich die Altanatolisten
erst einmal einigen, ob die Lesung dieses Textes durch den Hethitologen
David Hawkins akzeptiert wird. Es wäre zu klären, wie die Schale
genau zu datieren ist, weiterhin, ob hier wirklich unser Ort Taruisa (=
Troia) gemeint ist, der in hethitischen Quellen zusammen mit Wilusa vorkommt.
LITERATUREN
Sie hatten in Troia nicht das Ziel, Homer zu verifizieren oder zu falsifizieren.
Trotzdem hat Homer Sie ab einem gewissen Punkt eingeholt.
KORFMANN
Bei der 4000-jährigenTroia-Geschichte kommt man an Homer nicht vorbei.
Wir reagieren auf neueste Parallel-Entwicklungen der Homer-Forschung und
der Altanatolistik. In beiden Disziplinen hat sich seit den neunziger Jahren
das Troia-Bild ganz und gar geändert. Und beide bringen seit etwa
1995 neue Argumente, die für einen historischen Kern der Homerischen
Dichtung sprechen.
LITERATUREN
Was für welche?
KORFMANN
Da kamen zwei Entwicklungen zusammen. Mit spracharchäologischen Methoden
und auf anderen Wegen können die Homer-Forscher inzwischen nachweisen,
dass die Ilias, die etwa um 720 in der uns überlieferten Form im Prinzip
festgehalten wurde, uraltes Sprach- und Namensmaterial mit sich führt
und Erinnerungen aus dem 13. Jahrhundert bewahrt. Die Ilias ist diesen
Forschungen nach nicht nur aus dem 8. Jahrhundert heraus zu verstehen,
in ihr steckt somit eine tiefe Vergangenheit.
Und 1996/97 gelangten die Hethitologen
Frank Starke und David Hawkins unabhängig voneinander zu dem Ergebnis,
dass das den Hethitern gut bekannte Wilusa mit dem Homerischen Ilios/Wilios
gleichzusetzen ist, dass zumindest die Landschaft um Troia Wilusa hieß.
Auch dies spricht für einen historischen Kern der Ilias, für
eine relativ bedeutende Stadt, um die über längere Zeiten hinweg
zu kämpfen sich lohnte.
LITERATUREN
Wie reagieren Sie, wenn Ihr Kollege von der Altanatolistik Ihnen mitteilt,
dass Sie eigentlich in Wilusa graben?
KORFMANN
Als Archäologe widerspreche ich dem nicht. Das Fundmaterial passt,
die Bestattungssitte der Kremation passt, ebenso Besonderheiten der Architektur
sowie die Größe der Unterstadt. Die Hethiter hätten außerdem
kaum mit einem fernen Dorf einen Vasallenvertrag abgeschlossen - und ein
Siegelfund mit luwischen Hieroglyphen widerspricht dem auch nicht. Da die
Gräzistik und die Hethitologie sich gegenseitig zu bestätigen
scheinen, respektieren wir deren Ergebnisse und konstatieren einfach, dass
unsere eigenen Grabungsbefunde dem nicht entgegenstehen. Aber aus unserer
Arbeit heraus können wir selbst weder etwas zum Kern der Ilias noch
zu Wilusa sagen. Solche Zusammenarbeit, hier bei den Problemen des 13.
und 12. Jahrhunderts, nenne ich Forschung, die berechtigterweise die Bezeichnung
interdisziplinär verdient.
LITERATUREN
Seit fünf Jahren behaupten Sie, dass die Standard-Argumente, die gegen
einen historischen Kern der Ilias vorgebracht werden, heute alle nicht
mehr stimmen...
KORFMANN
... sofern sie sich auf die angeblichen archäologischen Fakten berufen.
LITERATUREN
Die neuen Erkenntnisse über Troia hingegen decken sich erstaunlich
genau mit Homers topografischen Angaben.
KORFMANN
Ich habe Homer vorsichtshalber immer als historische Quelle der Zeit um
720 genommen. Das ist für meine Disziplin eine angemessene Minimalposition.
Mit Homer halte ich es wie mit Edgar Wallace: Die Kulisse, die beide jeweils
beschreiben, ob Troia oder London, ist topografisch akzeptabel, aber die
Geschichten, die sie erzählen, könnten, müssen aber nicht
gänzlich Fiktion sein.
Das Gespräch führte
Sigrid Löffler.
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