Projekt Troia 
Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters, 
Universität Tübingen, DEU
Department of Classics, University of Cincinnati, USA
Der Mond auf seinen zarten grünen Matten
Nur erst als kleine weiße Wolke schwebt! – Zu der Gefahr, sich in der Troia-Frage selbst im Licht zu stehen.
 (German text only)
English
________________

Startseite
Projektdetails
Neues
Kontakt
Troia-Team
Sponsoren
   FREUNDE TROIAS
   TROIA-STIFTUNG
Publikationen
   STUDIA TROICA
   VIDEOS
   DISSERTATIONEN
Troia-Ausstellung
   KONTROVERSE 2001
   SYMPOSIUM 2002 
        (Tübingen)
Tutorial
_______________

Impressum
 

Aufsatz in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001, Nr. 234 / Seite 54
von Joachim Latacz

      Die Ausstellung "Troia - Traum und Wirklichkeit", die bis zum 14.Oktoberin Braunschweig zu sehen ist, erfreut sich eines ebenso großen Publikumszuspruchs wie schon zuvor in Stuttgart. Ein vergleichbarer Erfolg darf auch für die dritte und letzte Station der Schau prognostiziert werden, wenn die Bundeskunsthalle in Bonn im November der Ausstellung ihre Tore öffnet. Daran wird die seit Sommer von dem Tübinger Althistoriker Frank Kolb vom Zaun gebrochene und immer wieder neu angefachte Fehde gegen den Troia-Ausgräber Manfred Korfmann wohl kaum etwas ändern. Zuletzt hat Kolb ihm in einem Vortrag,den er vergangene Woche in Braunschweig gehalten hat, erneut "luftige pseudohistorische Behauptungen" vorgeworfen und ihn für eine "Geschichtsklitterung" verantwortlich gemacht, "die nicht ungestraft bleiben" dürfe, wie berichtet wurde. In Troia kann Kolb offensichtlich nur "eine drittklassige Ansiedlung, etwa eine Burg von regionaler Bedeutung" erkennen. Daß diese Sichtweise einer historischen Bewertung der Troia-VI / VIIa - Ansiedlung auf dem aktuellen Stand der Troia-Forschung nicht gerecht wird, zeigt der Basler Homer-Kenner Joachim Latacz in seiner Antwort auf den Beitrag von Wolfgang Schuller vom 12. September.                           F.A.Z.

      Mit Wolfgang Schuller hat ein Mann das Wort ergriffen, dem zu erwidern Freude macht. Er liebt Homer und steht der neuen Troia-Forschung nicht von vornherein ablehnend gegenüber. Zudem ist er bereit - das zeigen seine Selbstzitate -, wie Solon lebenslang hinzuzulernen. Er sorgt sich nur um die Gesichertheit bestimmter Interpretationen und hat Bedenken, ob das Tempo, das die Troia-Forschung vorlegt, nicht zu hoch sei. Das ist normale Wissenschaftler-Skepsis. Sie ermöglicht ein Niveau der Diskussion, das sich von Eigensinn und Besserwisserei klar unterscheidet. Nur eines paßt nicht recht ins Bild: die Verharmlosung persönlicher Attacken wie "Däniken der Archäologie" und "Irreführung der Öffentlichkeit" gegen einen weltweit hochgeschätzten und vielfach geehrten Schrittmacher der Altertumsforschung von der Dynamik Manfred Korfmanns als "Unfeinheiten". Schuller weiß als Jurist genau, was das Strafgesetzbuch für solche "Unfeinheiten" (die er am Schluß dann indirekt beim Namen nennt: "Verbalinjurien") als Ahndung vorsieht. Die förmliche Entschuldigung steht jedoch, soviel man weiß, bis heute aus. Beschönigungen ("um es milde auszudrücken") sind da keine gute Reaktion. Nachsicht hat ihre Grenzen.

      Nun zur Sache. In den Fragen, wer Homer war, was er schuf, wodurch er fasziniert und welche Problematik er der Forschung aufgegeben hat, sind die Leser dieser Zeitung durch Schullers Einleitung bereits ausreichend unterrichtet. Die neue Troia-Grabung andererseits und "die jeweiligen Grabungsergebnisse" sind ihnen, wie Schuller leicht mokant bemerkt, "von dem F.A.Z.-Redakteur Michael Siebler in immer neuen Meldungen" schon "seit geraumer Zeit . . . vorgestellt" worden. So können wir uns sogleich in medias res begeben.

      Von Marginalien abgesehen, lautet Schullers Hauptkritikpunkt, dem sich alle seine Bedenken unterordnen lassen, Korfmann mit seiner Grabung und ich mit meinem Buch, wir wollten beide, obwohl wir "gelegentlich" ausdrücklich das Gegenteil betonten - und darin liege unser großer "innerer Widerspruch" -, "den Troianischen Krieg verifizieren", ja mehr noch, "den Eindruck erwecken, die Frage sei eigentlich schon geklärt". Das ist nicht richtig. Korfmann und ich hatten von vornherein ein anderes - und jeder von uns sein eigenes - Beweisziel. Bei der Verfolgung dieser Ziele hat es sich allerdings ergeben, daß jeder von uns durch seine Arbeit zur Verdichtung einer Indizienkette beitrug, die irgendwann einmal zu einer Verifikation eines wie auch immer gearteten "Troianischen Krieges" führen könnte, wie ihn Homer in der Ilias als Hintergrund seiner Achilleus-Geschichte voraussetzt. Von unserer primären Zielsetzung hergesehen, ist dieser Effekt unserer Arbeit ein Nebenprodukt. Allerdings kein schädliches. Daher sahen und sehen wir keinen Anlaß, unsere Arbeit aufzugeben. Wer sich im Bemühen um die Lösung eines kleinen Rätsels ungewollt der Lösung eines großen nähert, macht nicht auf dem Absatz kehrt. Das große Rätsel schon gelöst zu haben, wird er freilich nicht behaupten. Weder Korfmann noch ich haben dies denn auch getan.

      Zunächst zu Korfmann: In seinen Schriften der letzten dreizehn Jahre, seit Beginn der neuen Troia-Grabung im Jahre 1988, wird man nirgends eine andere Zielangabe finden als diejenige, die er im Begleitband zur Troia-Ausstellung 2001 so formuliert hat: "Wir . . . hatten nicht die Ilias vor Augen, als wir1988 nach einer Pause von 50 Jahren mit den Forschungen auf dem Hügel wiederanfingen. Unser Ziel war und ist die Rekonstruktion von Menschheitsgeschichte an einem hochinteressanten und bedeutenden Ort zwischen zwei Meeren und Kontinenten, wo die Entwicklungen über einen Zeitraum von etwa 4000 Jahren hinweg zu verfolgen sind. Gäbe es dabei neue Ergebnisse für die Homer- und Ilias-Forschung, wäre es gut, wenn nicht, ebenso" (S. 20). Schuller glaubt das Korfmann nicht. Er meint "zahlreiche Andeutungen" im Begleitband zu erkennen, "worauf das Ganze hinauslaufen könnte oder sollte oder sogar würde, so, wenn es undeutlich genug heißt, Homer habe ,zumindest in etwa recht' gehabt - was um Himmels willen soll das genau heißen, außer daß eben doch . . .?" Man braucht gar nicht den Himmel zu bemühen, um zu verstehen, was genau das heißen soll: Auf der gleichen Seite, kurz vor dem Zitat, steht die Erklärung: "Bei dieser nunmehr 13 Jahre währenden Arbeit in Troia . . . war für mich faszinierend, daß ich von Jahr zu Jahr immer mehr entdeckte, wie glaubwürdig Homer zumindest als Zeitzeuge ist." Und darauf folgen jene Worte, die Schuller für so unpräzise hält: "Gewiß hatte Homer in seinen Beschreibungen zumindest in etwa recht. Sein Publikum dürfte deshalb noch mehr, als es das ohnehin schon war, von der Realität der Geschichte an dem Ort überzeugt gewesen sein, in dessen Nachbarschaft es lebte .. ." Korfmann redet hier ersichtlich nicht über die Vorstellungen Homers vom "Troianischen Krieg", sondern über einen Homer, der möglicherweise im achten Jahrhundert auf die Ruinen Troias blickt und versucht, sich ein Gesamtbild vom Aussehen der bebauten Landschaft zu machen, bevor sie ruiniert war. Das "zumindest in etwa" Korfmanns in diesem Kontext heißt also: Die Ilias-Angaben zur Topographie Troias treffen aus heutiger archäologischer Sicht für das achte Jahrhundert vor Christus tatsächlich zu - zwar nicht "punktgenau", aber doch grosso modo. Es geht hier also überhaupt nicht um die "Verläßlichkeit Homers" im Hinblick auf den "Troianischen Krieg", sondern im Hinblick auf das Landschaftsbild Troias im achten Jahrhundert. Davon, daß Korfmann mit der inkriminierten Formulierung die Historizität des Troianischen Kriegs suggerieren wolle, kann also keine Rede sein. Von angeblichen "Andeutungen" in diese Richtung kann ich auch im übrigen Text der sechs Korfmann-Beiträge zum Begleitband nichts entdecken. Die "in etwa"-Fehldeutung hat nun aber Konsequenzen: Schuller macht sie zum methodischen Angelpunkt seiner Gesamtkritik, wenn er gegen Schluß die Forderung erhebt: "Zumindest müßte die Frage präzisiert werden. Es dürfte nicht davon gesprochen werden, daß irgend etwas ,zumindest in etwa' zutreffe." Ganz im Gegenteil: Wo etwas nur ,in etwa' zutrifft, besteht die Präzision genau darin, es mit ,in etwa' zu benennen. Statt mehr Präzision des Formulierens zu verlangen, wäre also mehr Präzision des Lesens angebracht.

      Nun zu mir selbst. Auch ich soll "den Troianischen Krieg verifizieren" wollen. Eigentlich genügt bereits der Hinweis auf den Untertitel meines Buches. Er lautet "Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels". Wie vielen Homer-Forschern in aller Welt früher und heute geht es mir in der Frage der Vergangenheitsbewahrung innerhalb der Ilias nicht um die Historizität des "Troianischen Krieges" (die mir als Literaturwissenschaftler für die Homer-Würdigung ohnehin nur wenig relevant scheint), sondern um die Frage: Wann ist die bei Homer in der Ilias überlieferte Troia-Geschichte in ihren Rahmendaten entstanden? Ich trage Argumente zusammen für die Antwort: ,Noch in mykenischer Zeit'. Was an harten historischen Fakten hinter der Homerischen Troia-Geschichte stehen mag, lasse ich dabei beiseite. - Nun ist die Wahrscheinlichkeit der Historizität einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Achaiern und Troianern in letzter Zeit gewachsen. Sie ergibt sich aber nicht aus der Ilias Homers, sondern aus zeitgenössischen (hethitischen, ägyptischen, griechischen) Dokumenten der ausgehenden Bronzezeit. Diese Dokumente stelle ich zusammen. Sie bilden die eine Seite - einen Komplex, der für sich dasteht. Mir aber geht es um die andere, die Homerische Seite: Wenn die Troia-Geschichte, die den Hintergrund der Ilias bildet, in der mykenischen Epoche entstanden ist, dann kann das Wissen darum, wie neue Erkenntnisse der Homer-Forschung nahelegen, bis zu Homer weitergelebt haben. Die Dokumente und die griechische Dichtung "Ilias" könnten dann also im Kernpunkt ,militärische Auseinandersetzung' aufeinandertreffen - wodurch die "Ilias" in der Tat zu einer Nebenquelle würde (dazu später). Die Botschaft lautet demgemäß vom Untertitel bis zum Ende nicht ,Das Rätsel ist gelöst', sondern ,Die Forschung ist auf gutem Wege'. Daß "die Frage eigentlich schon geklärt" sei, sage ich also ebensowenig wie Korfmann. Ein solcher Eindruck wäre das Resultat der Ungeduld des Lesers. - Von einem "inneren Widerspruch" kann ich danach weder "auf seiten Korfmanns" noch "(auf seiten) Latacz'" etwas sehen.

      Zu Schullers Klage, es gebe zur Troia-Ausstellung neben dem wissenschaftlichen Begleitband keinen traditionellen Katalog, nur der Hinweis, daß dieser Katalog zur Eröffnung der Ausstellung in Braunschweig am 14. Juli 2001 vorlag und inzwischen bereits in zweiter Auflage erschienen ist. Daß er nicht schon zur Eröffnung in Stuttgart zur Verfügung stand, hat auch uns geschmerzt, die Schuld lag aber nicht bei uns.

      Das Thema ,Ausstellung' führt uns zur Unterstadt. Mit dem "Stein des Anstoßes, der die ganze Affäre ausgelöst hat", dem hölzernen Rekonstruktionsmodell, sollten wir uns nicht mehr aufhalten. Dieses Modell kann ja nur als ,Aufhänger' für die Zweiflergruppe gedient haben. Oder man müßte annehmen, ausgerechnet Wissenschaftler - anders als etwa Schulklassen - seien der Meinung, jedes in einem Rekonstruktionsmodell stehende Hausklötzchen oder grasende Holzpferdchen vertrete ein genau so und nicht anders einstmals real gewesenes Objekt. Anschaulichkeit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. In der Archäologie kann sie grundsätzlich nur durch Rekonstruktion erreicht werden. Die Frage kann demnach nur sein: Wieviel real vorhandenes Material ist nötig oder ausreichend, um eine Rekonstruktion zu rechtfertigen? Um eine Unter-Stadt (also nicht ein Unter-Dorf) zu einer Burg zu rekonstruieren, braucht man für die späte Bronzezeit sicherlich(auch) "steinerne Grundrisse" von Unterstadt-Häusern. Nach Schullers Darstellung muß der Leser dieser Zeitung jedoch den Eindruck gewinnen, solche seien erst "auf der diesjährigen (!) Kampagne" gefunden worden. Dies trifft nicht zu.

      Korfmann hat bereits 1992 in einer Darstellung der Geschichte der Unterstadt-Forschung in Troia auf die einschlägigen Funde der Vorgängergrabungen hingewiesen: Schon seit 1894 hatten Prähistoriker aus Sondagen geschlossen, daß in der Unterstadt solide (scil. Troia VI- und VII-) Steinhäuser gestanden hatten. Blegen, der dritte Ausgräber nach Schliemann und Dörpfeld, hatte bereits genügend Steinfundamente, um 1953 das Fazit ziehen zu können, " . . . daß sich das Gebiet, das von den Einwohnern des Platzes gegen Ende von Troia VI besiedelt wurde, über die Grenzen der Festung hinaus erstreckte und . . . daß wenig Zweifel daran bestehen, daß eine extramurale Unterstadt unbekannter Größe wirklich existierte". Die Korfmann-Grabung hat hier angeknüpft. Schon 1991 konnte sie diese früheren Befunde durch die Freilegung von Überresten von Troia-VII-Häusern außerhalb der Troia-VI-Burgmauer und direkt in ihrem Schatten ergänzen und seit 1993 von Jahr zu Jahr durch Neufunde weiter absichern, zum Beispiel durch den Fund der Steinfundamente zweier Troia-VI-Spät- beziehungsweise Troia-VIIa-Häuser etwa 200 Meter südöstlich von derTroia-VI/VIIa-Burgmauer entfernt. Diese Konzentration auf die Unterstadt wurde gefördert durch die Einrichtung eines Teilprojekts "Die prähistorische Besiedlung südlich der Burg Troia VI / VII (= Troia-Unterstadt)" durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Sommer 1993.

      Selbstverständlich kann nun aber dieses Projekt nicht die Freilegung der gesamten Unterstadt von Troia VI / VIIa zum Ziele haben; entsprechend haben die drei an der Grabung teilnehmenden Professoren Hans-Peter Uerpmann, G. Wagner und Ernst Pernicka Anfang August in einer Presseerklärung formuliert: "Eine vollständige Freilegung der spätbronzezeitlichen Unterstadt würde die Abtragung und damit Zerstörung großer Teile der hellenistischen und römischen Stadt Ilion voraussetzen - ein barbarisches Unterfangen, das nicht durch den Wunsch gerechtfertigt werden könnte, in einem Gelehrtenstreit recht zu behalten; zumal dann, wenn durch magnetometrische Untersuchungen und begrenzte Grabungen die großflächige Existenz dieser Unterstadt bereits ausreichend wahrscheinlich gemacht worden ist." Die Korfmann-Grabung geht systematisch vor: Sie hat die Suche dort fortgesetzt, wo sie Blegen begonnen hatte, nämlich im Schatten derTroia-VI/VIIa-Burgmauer, um sich von dort aus - nach Aufdeckung von steingepflasterten Troia-VI / VIIa-Straßenteilen und Rekonstruktion ihrer empirisch berechenbaren Verlaufsrichtung - ins Innere der Unterstadt voranzutasten. Dabei wurde sinnvollerweise von Bezirken unterhalb der Burgmauer ausgegangen, die durch die spätere hellenistische Überbauung mit Großbauten besonders gut ,konserviert' wurden. In den Grabungskampagnen 2000 und 2001 hat diese Strategie gute Resultate gezeitigt: Es konnten die Steinfundamente mehrerer Troia-VI/VIIa-Häuser freigelegt werden, darunter ein großes, zum Teil zweistöckiges VIIa-Hofhaus mit repräsentativem Treppenzugang, gepflastertem Vorplatz und eigenem großen Vorratstrakt, in dem noch mehrere Vorratsgefäße (Pithoi) in den Fußboden eingetieft aufgefunden wurden.

      Es ist also nicht so, wie es angesichts von Schullers Ausrufungszeichen den Anschein haben könnte, daß etwa erst die Zweiflergruppe die Korfmann-Grabung dazu gezwungen hätte, Steinfundamente zu suchen, die man dann im Sommer 2001eiligst vorgezeigt hätte, sondern vielmehr so, daß die Zweiflergruppe weder die über hundertjährige Geschichte der Unterstadt-Erforschung insgesamt noch die Systematik der Unterstadt-Forschung seit 1993 fundiert zu kennen scheint. Gestützt wird diese Vermutung dadurch, daß Schuller weder auf das 1993 entdeckte und seitdem kontinuierlich weiter erforschte TroiaVI / VIIa-Verteidigungssystem der Unterstadt in Form von Graben und Mauer eingeht, das sich um die ganze Besiedlungsfläche zog (Peter Jablonka hat dieses System in den "Studia Troica" von 1994, 1995 und 1996 aufs penibelste dokumentiert), noch auf den etwa 1280 vor Christus zwischen dem Großkönig der Hethiter Muwattalli II. mit einem Alaksandu von Wilusa abgeschlossenen umfangreichen Staatsvertrag, in dem einer der offensichtlich wesentlichsten Punkte die wiederholte nachdrückliche Forderung des Großkönigs an Alaksandu ist, ihm im Kriegsfall "Truppen und Streitwagengespanne" zu stellen, und zwar nicht etwa nur in Regionalgefechten, sondern auch, wie es ausdrücklich in Paragraph 14 heißt, bei Kriegen gegen die Könige von Babylonien, Assyrien und Ägypten. Eine derartige Vertragspflicht wäre sinnlos, wenn der verpflichtete Vertragspartner nicht in der Lage wäre, sie zu erfüllen, und der verpflichtende Vertragspartner nicht ein beachtliches Interesse an der Einlösung dieser militärischen Bündnisleistung hätte. Der verpflichtete Vertragspartner kann demnach kein kleiner Fürstensitz gewesen sein. Er muß vielmehr Anfang des dreizehnten Jahrhunderts vor Christus einen Bekanntheitsgrad, eine Wirtschaftskraft und eine militärische Leistungsstärke besessen haben, die über die entsprechenden Fähigkeiten wenig beachtenswerter Kleinfürstentürmer weit hinausging.

      Hierher gehört auch das luwischsprachige Siegel, das 1995 in Troia gefunden wurde und dem Schuller immerhin zugesteht, daß es ein Hinweis auf eine "große altorientalische Residenz" sein könnte: Vor dem Hintergrund des soeben besprochenen hethitischen Vertragsdokuments erscheint dieser Fund nur als Konsequenz einer politischen Bindung zwischen den beiden vertragschließenden Parteien, die laut Präambel des Vertrages zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses bereits seit mindestens 320 Jahren bestand und durch ständige Korrespondenz - natürlich in der Staatssprache Hethitisch - sorgsam gepflegt worden war.

      Auf den hier zu erwartenden Einwand, wir wüßten ja nun aber gar nicht, ob Wilusa überhaupt mit Ilios (das im 13. Jahrhundert auf griechisch nur Wilios geheißen haben kann) identisch war, muß ich hier zum Glück nicht eingehen, da Schuller gleich zu Beginn betont, daß er schon 1991 in seiner "Griechischen Geschichte" diese Gleichung "für wahrscheinlich (hielt)", und diese Zustimmung im Verlaufes eines Textes auch nicht mehr widerruft. Dieser Fortschritt gegenüber anderen Zweiflern sei ausdrücklich hervorgehoben.

      Als nächster Kritikpunkt kommt dann dafür alles, was mit dem Stichwort ,Handel' zusammenhängt. "Korfmannianer und Korfmann-Gegner", wird geklagt, brauchten offenbar gleichermaßen eine "große Handelsstadt" - daher die Kontroverse um die Größe -, um die Historizität des "Troianischen Krieges" behaupten oder bestreiten zu können. Das sei "ziemlich erschütternd", weil "anachronistisch"; denn die Vorstellung, große Kriege seien im europäischen Altertum "um Märkte und Absatzchancen geführt worden", sei passé. Dies ist nicht mein Gebiet. Aber: Korfmann hat im Begleitband einen materialreichen Aufsatz zum Handelssystem der Bronzezeit und zu den einschlägigen Troia-Funden geschrieben, der zunächst einmal in seinen Einzelpunkten zu widerlegen wäre, bevor die Akte ,Handel' geschlossen werden könnte. Wir haben schließlich aus dem ausgehenden dreizehnten Jahrhundert hethitische Verfügungen, die regelrechte Handelsblockaden anordnen -übrigens auch gerade gegen Achijawa (also die Achaoi). Sie wären zu studieren.

      Kurz zu Schullers Einwänden gegen die Rückführung der griechischen Hexameter-Dichtung in die mykenische Epoche. Seine Frage, "ob wir wirklich schon in mykenischer Zeit mit hexametrischer Dichtung rechnen können", ist berechtigt. Sie ist aber, wie man einfach zur Kenntnis nehmen muß, von einem bestimmten Forschungsstrang der gräzistischen Sprachwissenschaft seit 1980 positiv beantwortet worden. Den Forschungsverlauf an dieser Stelle nachzuzeichnen ist unmöglich: Der Beweisgang beruht auf mikroskopisch genauen sprachwissenschaftlichen Einzel-Analysen zahlreicher Spezialisten. 1997 war die Argumentation jedenfalls bereits so stark gefestigt, daß sie im "New Companion to Homer" von mehreren prominenten Beitragverfassern als gesicherte Erkenntnis vorausgesetzt wurde. Für die deutschsprachige Gräzistik habe ich selbst im vierten Band des "Neuen Pauly" von 1998 den Forschungsstand innerhalb des Artikels "Epos II. Klassische Antike" aufzubereiten versucht. Hier ist an einen Grundsatz zu erinnern: Der bloße Zweifel an einem Forschungsergebnis macht dieses Ergebnis nicht falsch. Vielmehr muß die Argumentation, die dazu geführt hat, Punkt für Punkt widerlegt werden.

      Ähnliches gilt für Schullers Einwand, es gebe in der Ilias keine "internen mykenischen Sachverhalte", und daher sei die Existenz einer Hexameter-Dichtung schon in der mykenischen Epoche unwahrscheinlich. G. S. Kirk hat in einer Grundsatzstudie von 1960 immerhin bereits elf "spezifisch mykenische Objekte oder Praktiken" aufgezählt: Als elftes Phänomen nannte er damals ausdrücklich "den ganzen Hintergrund des Trojanischen Krieges". Die Entwicklung ist dann über Schadewaldt, Lesky und viele andere weitergegangen. Im bereits erwähnten "New Companion to Homer" von 1997 lesen wir als aktuelles Gesamtergebnis bei John Bennet: "Es scheint daher, daß wir die Dichtung Homers (und vermutlich anderer seiner Profession) mit einer Tradition dichterischen Vortrags verbinden können, die ihre Ursprünge in der mykenischen Bronzezeit hatte." Und in einem Leserbrief an die "Times" vom 23. August 2001 anläßlich der auch ins Ausland übergeschwappten Troia-Debatte erklärt der weltweit führende Gräzist und Homer-Spezialist Martin L. West lapidar: "Nahezu sämtliche Gelehrten gehen davon aus, daß die griechische Überlieferung über den Troianischen Krieg auf einer Erinnerung daran basiert." Was West hier mit "Erinnerung" meint, versuche ich mit einem Bild zu fassen: Die griechische hexametrische Sängerdichtung gleicht einem Gletscher, der beim jahrhundertelangen Abwärtsdriften reichlich Material aus seinen Zwischenstationen in sich aufgenommen hat, dessen Ursprung aber ganz oben in der Gipfelgegend, der mykenischen Epoche, lag. Als in Griechenland um 800 vor Christus die Alphabetschrift ihren Siegeszug antrat, kam der alte Gletscher zum Stillstand, und die Ilias wurde zur ,Endmoräne' dieser Sängerdichtung.

      In ihr sind Ortsnamen wie ,Ilios' und Völkernamen wie ,Achaioi' und ,Danaoi' uralte Felsblöcke; das zeigen die bronzezeitlichen Staatsdokumente der Hethiter und Ägypter, die diese Namen in einer ihrer Sprache angepaßten Form mit Selbstverständlichkeit benutzen. Den Kern der Ilias bilden natürlich nicht diese alten Blöcke. Sie bilden nur den Handlungshintergrund für eine ganz andere, eine ,moderne' Geschichte. In ihr geht es um Werte und um Ideale. Da bin ich mir mit Schuller völlig einig. Sehr viel mehr Mykenisches, als uns die Ilias bietet, können wir aber gerade darum kaum erwarten. Es widerspräche dem Gesetz mündlichen improvisierten Versemachens. Was wir erwarten können, ist der große Rahmen: Eine Schiffsexpedition, bestehend aus Achaioi oder Danaoi oder Argeioi, bricht gegen eine reiche Stadt am Hellespont mit Namen Wilios auf. Insofern hat die Ilias "Quellenstatus", allerdings als "Nebenquelle" (Hauptquelle könnten nur hethitische, wilusische oder allenfalls Linear-B - Dokumente sein). Was uns die Ilias über die mykenische Epoche sonst noch verraten könnte, dies herauszufinden wäre eine neue Aufgabe. Deren Lösungsansatz, wie Schuller ihn vermißt, habe ich in meinem Buch bereits skizziert (S. 208f.).

      Nach alledem scheint mir von Schullers Einwänden keiner wirklich begründet. Sie beruhen teils auf zu rascher Lektüre (die "in etwa"-Deutung, der angebliche "innere Widerspruch"), teils auf nicht ausreichender Information (Unterstadt, Lebensdauer der griechischen Hexameter-Dichtung, aktueller Stand der Homer-Mykene-Forschung). Daraus kann nur der Schluß gezogen werden, daß die Aufarbeitung der neuen Troia-Homer-Forschung Nachholbedarf hat. Einem speziellen Forschungszweig Unglaubwürdigkeit vorzuwerfen, ohne auf dem gleichen Wissensstand zu sein wie die, die ihn repräsentieren, bringt keinen Forschungsnutzen. Das ist nicht vom hohen Roß herab gesagt (wir glauben ja durchaus nicht, schon im Sonnenlicht zu stehen, sondern allenfalls im Mondenschein), sondern schlicht als Erinnerung an eine Grundregel wissenschaftlichen Arbeitens. Wolfgang Schuller würde von den Troia-Forschern gleiches fordern, wenn sie beginnen sollten, die Seriosität seiner "Griechischen Geschichte" zu bezweifeln. Die neue Troia-Forschung hat sich in den letzten etwa fünfzehn Jahren so enorm spezialisiert und interdisziplinär verästelt, daß es sogar für die, die in ihr stehen, nicht leicht ist, die einschlägige Literatur zu überblicken. Der Vertrautheitsvorsprung der Troia-Ausgräber aufgrund von Autopsie und jahrelanger Empirie ist für Außenstehende ohnehin nicht aufholbar. Durch Lektüre kann er wenigstens verringert werden.

      Vielleicht noch eine allgemeine Überlegung: Die deutsche Altertumswissenschaft hat eine Tradition in überzogenem Skeptizismus. Sie hat sich dadurch international einen gewissen Ruf in der hohen Kunst des Nachhinkens erworben. Beispiele sind die um Jahrzehnte verspätete Anerkennung der Oral-poetry-Theorie oder der Linear-B-Entschlüsselung. Wir sollten aufpassen, in der Troia-Forschung nicht in den gleichen Fehler zu verfallen. Kritik muß sein, und Kritik der nachdenklichen Art, wie Wolfgang Schuller sie bevorzugt, ganz besonders. Es sollte aber auch Vertrauen geben. Vertrauen in die Seriosität der Kollegen in den Spezialbereichen, Vertrauen auch in die Selbstreinigungskraft der Nachbardisziplinen. Auf dieser Basis sollte es dann möglich sein, an die Stelle von allzu rascher Opposition den Willen zum Dialog zu setzen.

      Schließlich zu den politischen Aspekten. Daß die Türkei sich im Zusammenhang mit der Troia-Ausstellung "zu unserer westlichen Welt bekennt", findet Wolfgang Schuller "gut". Dann aber stellt er Dinge in Frage, die man besser gar nicht erst erwähnen sollte. Gerade wir Altertumswissenschaftler, die wir wissen, was die Griechen mit "anatol" bezeichneten (nämlich den "Aufgang der Sonne", also den Osten), können uns durchaus mit dem Satz befreunden, daß die europäische Kultur ihre stärksten Wurzeln in Anatolien hat; denn in der Tat war ja die Mutterstadt Europas nicht Athen, sondern Milet. Schon gar nicht sollten wir uns darüber mokieren, daß sich "der heutige türkische Staat gerne als Erbe der hethischen Vergangenheit sieht". Es ist ein Glück für die Weltkultur, daß er das tut. Und daß der Hügel Hisarlik in der heutigen Türkei liegt, ist jedenfalls nicht zu bestreiten. Wenn wir uns auch auf sonst nichts einigen könnten – darauf sicher!

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2001

Der Abdruck dieses Aufsatzes erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Prof. Dr. Joachim Latacz ist prominenter Homerforscher und Autor des vielbeachteten Buches: "Troia und Homer - Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels." (2001) (*)
Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Griechische Philologie der Universität Basel

(*) RedaktionelleAnmerkung: Siehe hierzu auch unsere Seite: Publikationen und Medien

  Zurück zum Seitenanfang

  Zurück zum Einleitungstext.
 

Tübingen editor: Hans G. Jansen (email: hans.jansen@uni-tuebingen.de)
Cincinnati editor: John Wallrodt (email: john.wallrodt@classics.uc.edu)

Date Last Modified: 3/May/08
By: HGJ