Projekt Troia 
Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters, 
Universität Tübingen,DEU
Department of Classics, University of Cincinnati, USA
Überinterpretationen um Troia
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Der Bronzezeit-Spezialist Gustav Adolf Lehmann schlägt einen Kompromiss vor

Interview in "DIE WELT" vom 27.10.2001:

Bislang haben fast 600.000 Menschen die Ausstellung "Troia - Traum und Wirklichkeit" in Stuttgart und Braunschweig besucht. Auch vor der Eröffnung ihrer dritten Station in der Bundeskunsthalle Bonn am 16. November geht der Forscherstreit darüber weiter, ob das in der Schau vermittelte Bild von Troia-Ausgräber Manfred Korfmann stimmt, auf dem Hügel Hisarlik an den Dardanellen habe sich eine große anatolische Handelsmetropole befunden. Ein Streit der Dogmen, sagt der Göttinger Althistoriker Gustav Adolf Lehmann. Er gilt weltweit als einer der besten Kenner der ägäischen Bronzezeit.
Mit ihm sprach Berthold Seewald.

DIE WELT: Handelsmetropole des 13. oder Piratennest des 8. Jahrhunderts v. Chr. - welches Bild von Troia haben Sie?

Gustav Adolf Lehmann: Kein dogmatisches. Dieses unbedingte Streben, Troia entweder im 13. oder im 8. Jahrhundert zu verorten, führt doch dazu, dass Befunde überinterpretiert werden.

DIE WELT: Welche?

Lehmann: Zum Beispiel ist die Frage, ob auf dem Hügel Hisarlik nun ein Fernhandelszentrum lag, mit dem vorhandenen Material gar nicht zu klären. Wenn wir in der Bronzezeit von Fernhandel sprechen, reden wir nicht von einer breiten Unternehmerschicht. Vielmehr ist Handel in der Regel eng an die zentralen Residenzen gebunden, wird von ihnen angeleitet und organisiert. Deswegen ist es falsch, auf der Grabung von Korfmann einen dichten Fundniederschlag mit zahlreichen Handelsgütern aus allen Regionen zu erwarten. Vielmehr müssen wir solche Lagerstätten im Bereich der Residenz, auf der Burg, annehmen, und die wurde in späteren Zeiten gründlich überbaut. Andererseits können wir nicht schon von einem Straußenei auf großen Afrikahandel schließen. In der assyrischen Handelskolonie Kültepe-Kanes im Halysbogen haben wir zum Beispiel fast nur Anatolisches gefunden. Nur aus den überlieferten Texten wissen wir um die zentrale Rolle des Ortes in der Handelsorganisation Assurs. 

DIE WELT: Gerade am Fehlen schriftlicher Zeugnisse entzündet sich ja die Kritik an Korfmanns Deutung. Bislang konnte er nur ein einziges Siegel mit luwischer Inschrift präsentieren.

Lehmann: Das Siegel ist als Streufund, der zudem jünger als Troia VII ist, nur ein ganz schwaches Indiz. Doch was heißt das? Tontafelarchive haben wir aus der anatolischen Bronzezeit nur im Halysbogen, also in der Gegend von Ankara, wo das Zentrum des Hethiterreichs lag. Andernorts wurden bislang keine gefunden, was bestimmt nicht heißt, dass es keine Schriftkultur gegeben hat. Denn in der späten Hethiterzeit wurden Texte verstärkt in luwischen Hieroglyphen auf Holztafeln geschrieben. Sie können sich also gar nicht erhalten haben. 

DIE WELT: Auch Korfmanns Bild von einer großen Unterstadt, die Troia erst zu einer Metropole machen würde, provoziert Widerspruch.

Lehmann: Was für den Fernhandel gilt, gilt auch hier. Wenn man gerade einmal ein Prozent der Fläche ergraben hat, lässt sich der städtische Charakter der Siedlung nur schwerlich nachweisen. Für bemerkenswert halte ich allerdings den so genannten Streitwagengraben, der durch Kalksteinfelsen gehauen wurde. Der lässt sich kaum als Abwasserkanal interpretieren. Denn mit dem Graben als Schutzanlage ist räumlich eine Toranlage verbunden, die mehrere hundert Meter vor der Burgmauer liegt und die kaum ein isoliertes Vorwerk gewesen sein kann. 

DIE WELT: Korfmanns Gleichsetzung Troias mit dem Wilusa der hethitischen Staatsarchive halten manche Kollegen für Unsinn.

Lehmann: Soweit kann man nicht gehen, werden doch wichtige Neufunde zur Geografie des hethitischen Imperiums dabei übersehen. Die Ende der 1980er Jahre entdeckte Bronzetafel mit einem Vertrag des Hethiterkönigs mit dem Unterkönig von Tarhuntassa im Südosten Anatoliens hat uns eine Reihe fester geografischer Anhaltspunkte gegeben. Danach können wir Milawanda mit großer Wahrscheinlichkeit mit Milet, das Land Ahhijawa als frühgriechisch-ägäische Macht identifizieren. Und das Land Wilusa jedenfalls mit dem Raum um den Hügel Hisarlik, wo Korfmann gräbt.

DIE WELT: Doch der letzte Beweis fehlt.

Lehmann: Solange wir keine Texte haben, bleibt alles letztendlich Hypothese. Deswegen ist es auch sinnvoller, Details zu diskutieren, statt sich grobschlächtige Theorien um die Ohren zu hauen, ob denn Troia nun eine Handelsmetropole oder ein Räubernest gewesen sei.

DIE WELT: Wie erklären Sie sich die für Altertumswissenschaftler doch recht ungewöhnliche Heftigkeit des Streits?

Lehmann: Das liegt am Troianischen Krieg. Troia ist ein mythischer Ort. Da schlägt der Puls höher. Dennoch möchte ich Ton und Härte der Debatte beklagen. Für die Öffentlichkeit muss doch der Eindruck entstehen, Geisteswissenschaftler gingen generell so miteinander um. Das Gegenteil ist der Fall. Mancher interessante Streitfall wird im allgemeinen Streben nach Konsens doch oft eher überdeckt.

DIE WELT: Lassen sich die Emotionen nicht auch mit der Hoffnung erklären, Homers "Ilias" könne sich doch noch als authentisch erweisen?

Lehmann: Unstrittig ist, dass knapp ein Dutzend fossiler Elemente aus mykenischer Zeit ins Epos Eingang gefunden haben. Und manches, wie etwa die Beschreibung von Troias Topografie, passt ja auch gut. 

DIE WELT: Die kann aber auch einen Dichter des 8. Jahrhunderts erst zum Epos inspiriert haben.

Lehmann: Richtig. Und das macht den Streit so schwierig. Die einen wollen alle Befunde ausschließlich auf das 8. Jahrhundert gewendet wissen, die anderen möchten mit ihnen ins 13. Jahrhundert hinauf. Den einen muss man entgegenhalten, dass zentrale Mächtenamen wie Achaier oder Danaer nicht mehr ins 8. Jahrhundert passen. Den anderen, dass die Linear B-Archive ein deutlich anderes Bild von der mykenischen Welt zeichnen. Von ihrer Bürokratie, ihrer Verwaltung und sozialen Gliederung weiß Homer nichts.

DIE WELT: Wie passt beides zusammen?

Lehmann: Ich möchte einmal einen Kompromissvorschlag machen. Um 1200 herum werden die mykenischen Paläste - möglicherweise von den so genannten Seevölkern - erobert und regelrecht ausgemordet. Die Schriftkultur in Griechenland und auch Zentralanatolien erlischt. Doch damit stirbt nicht die Zivilisation. Gerade in Hellas beobachten wir im 12. Jahrhundert die Blüte von lokalen Residenzen, die beachtliche Ausmaße annehmen, ohne allerdings die alten Verwaltungsstrukturen wiederbeleben zu können. Diese Nachfolgemächte, wer auch immer sie beherrschte, hatten noch großen Anteil an der Kultur und materiellen Welt der Mykener. In dieser sehr bewegten, kriegerischen Zeit kann sich viel von dem Erzählstoff der "Ilias" gebildet haben.

DIE WELT: Sie erwähnen zahlreiche Neufunde, die unser Wissen über die ägäische Bronzezeit in den vergangenen Jahren revolutioniert haben. Erklären sich die Emotionen um Troia nicht auch damit, dass viele neuen Bilder nicht einmal von der Forschung, geschweige denn von der Öffentlichkeit rezipiert wurden?

Lehmann: Zweifellos. Die mykenische Welt ist mit tausend Fäden mit der des klassischen Griechentums verbunden. Dennoch tun immer noch viele Althistoriker so, als habe es vor der Polis eigentlich nur Adam und Eva oder den Urkommunismus gegeben. Hier sind die Altertumswissenschaften wirklich gefordert, Vermittlungsarbeit zu leisten.

Der Abdruck dieses Interviews erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages von DIE WELT.

Prof. Dr. Gustav Adolf Lehmann ist Professor am Althistorischen Seminar der Universität Göttingen und ist 2. Vorsitzender der Mommsen-Gesellschaft

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Tübingen editor: Hans G. Jansen (email: hans.jansen@uni-tuebingen.de)
Cincinnati editor: John Wallrodt (email: john.wallrodt@classics.uc.edu)

Date Last Modified: 1/Nov/01
By: HGJ