Projekt Troia 
Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters, 
Universität Tübingen, DEU
Department of Classics, University of Cincinnati, USA
Der Hügel, wo sie wandeln, liegt im Schatten
Indes er drüben schon im Lichte webt? Zur Kontroverse um die Ausgrabungen in Troia.
 (German text only)
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Aufsatz in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2001, Nr. 212 / Seite 52
von Wolfgang Schuller

Der Stein des Anstoßes war ein Holzmodell. Dieses wird in der Troia-Ausstellung gezeigt, die nach Stuttgart zur Zeit in Braunschweig Station macht und danach in Bonn zu sehen sein wird. Das Modell zeigt den Burgberg von Troia VI, das allgemein mit Homers Troia gleichgesetzt wird, und die vor den Befestigungsmauern sich anschließende Unterstadt. Der Tübinger Althistoriker Frank Kolb warf im Sommer diesen Jahres seinem Kollegen Manfred Korfmann, der seit 1988 in Troia die Grabungen leitet, unter Berufung auf das Modell und seine Einschätzung der Grabungsergebnisse eine "Irreführung" der Öffentlichkeit vor, nannte ihn gar einen "Däniken" der Archäologie. Die von mehreren Seiten heftig kritisierte Art der wissenschaftlichen Auseinandersetzung dauert an. In der daraus entstandenen Kontroverse über die Bewertung archäologischer und anderer altertumswissenschaftlicher Disziplinen in Sachen "Troia", sowohl was die Befunde in der Unterstadt betrifft als auch die Bedeutung der hethitischen Schriftquellen für die Gleichsetzung von Wilusa mit dem homerischen Ilios - nimmt hier der Konstanzer Althistoriker Wolfgang Schuller für die Korfmann-Kritiker Stellung. Ihm wird der Gräzist Joachim Latacz antworten.                                            F.A.Z.

      Seit über zweieinhalb Jahrtausenden gehören Ilias und Odyssee zum geistigen Mindesthaushalt der europäischen literarisch gebildeten Öffentlichkeit - zwei in Hexametern abgefaßte Großepen, um die Mitte des achten vorchristlichen Jahrhunderts schriftlich niedergelegt, etwa fünfzig Jahre auseinanderliegend, deren jeweiliger Dichter beziehungsweise Redaktor mit dem auf beide Epen bezogenen Namen Homer bezeichnet wurde. Die Ilias schildert eine Episode von einundfünfzig Tagen aus dem zehn Jahre dauernden Krieg der Griechen um Troia, die Odyssee die ebenfalls zehn Jahre dauernden Abenteuer auf der Heimfahrt des Odysseus, eines der griechischen Helden vor Troia.

      Ihre selbst noch durch die Übersetzungen hindurchschimmernde Sprachkunst, ihre Fülle an Gestalten, Ereignissen, Abenteuern fasziniert bis heute Leser, Dichter und bildende Künstler. Wer vermutet hätte, diese Faszination habe im Zuge des quantitativen Niedergangs der klassischen Studien oder im Zuge der zunehmenden Verwissenschaftlichung des Gegenstandes selber nachgelassen, wird durch die Ausgiebigkeit der Kontroverse um die jüngsten Ausgrabungen in Troia und ihre Interpretation durch Manfred Korfmann und andere eines Besseren belehrt. Es ist hoffentlich nicht nur das Sommerloch und hoffentlich nicht nur das Schauspiel eines Professorenstreites mit kräftigen Worten, daß Homer, Troia und der Troianische Krieg plötzlich in Print- und elektronischen Medien so präsent sind, wie es nicht einmal die bisherige vorzügliche Medienpolitik des Ausgräbers selber vermocht hatte.

      Wer in dieser Auseinandersetzung von fachlicher Seite aus das Wort ergreift, macht am besten zuallererst klar, was er, selber bisher zum Problem beigetragen hat. Das läuft in meinem Fall auf ausgewählte Selbstzitate hinaus, was unfein ist; da es aber, um es milde auszudrücken noch stärkere Unfeinheiten gegeben hat ("Däniken der Archäologie", Kolb über Korfmann), allerdings auch Erheiterndes ("breitschultriger, blonder Sportsman-Typ mit strahlend blauen Augen", Latacz über Korfmann) sollte das der Sache und der Glaubwürdigkeit wegen erlaubt sein. Ich gebe also im folgenden gerafft wieder, was ich in den bisherigen drei Fassungen meiner Griechischen Geschichte (1980, 1991 und die jetzige, demnächst erscheinende 5. Auflage) geschrieben habe.

      In der ersten Fassung erklärte ich den Troianischen Krieg für eine Sage, die allerdings "vermöge der Festigkeit der Überlieferungstradition einige Erinnerungen an die mykenische Zeit" bewahrt habe. Es gebe "zwar ein anscheinend durch Krieg zerstörtes Troia (Vlla), aber das Epos will, daß Troia durch eine griechische Koalition unter Führung des Königs von Mykene zerstört worden sei, und die Frage ist, ob das historische Realität darstellt". Vielleicht könne das in den hethitischen Quellen erscheinende Land Ahhijawa einen Hinweis auf ein einigermaßen einheitliches mykenisches Griechenland darstellen, vielleicht reflektiere der sogenannte Schiffskatalog des zweiten Gesangs der Ilias etwas ähnliches, aber alles in allem laufe es doch darauf hinaus, daß Homer darüber so faszinierend berichtet, und das ist, auch wenn man sich bewußt ist, daß absolute Beweise nicht zu erwarten sind, doch wohl zu wenig".

      Elf Jahre später stellte ich die Frage etwas präziser und äußerte "starke Zweifel daran..., daß es einen Troianischen Krieg im prägnanten Sinne gegeben hat, nämlich als Zug eines unter dem mykenischen König in einer Koalition vereinten Griechenland, das Troia nach langer Belagerung erobert und vollständig zerstört hat - mykenische Kriegszüge gegen Troia, die nicht diese Spezifika aufweisen, sind dagegen durchaus anzunehmen" Daß unter den Ahhijawa die mykenischen Griechen und unter dem in hethitischen Texten erscheinenden Wilusa Ilios, also Troia, zu verstehen sei, hielt ich für wahrscheinlich, war aber vorsichtig hinsichtlich der Folgerung, nun sei der Troianische Krieg bewiesen; zwar trete "Traumas Bedeutung durch die Ausgrabungen M. Korfmann immer mehr in den Vordergrund", es "dürfte viele `Troianische Kriege' (Latacz) gegeben" haben, aber nicht den spezifischen Troianischen Krieg.

      Und heute: "Die jetzige Situation ist charakterisiert durch eine seltsame Spannung zwischen vollständiger Leugnung jeglicher Erinnerung an die mykenische Zeit (Patzek, Ulf, Kullmann) - und damit auch der Historizität des Troianischen Krieges - und einer suggestiv und mit erheblicher Medienunterstützung vorgetragenen Fast-Identifizierung (Korfmann, Latacz) insbesondere der Ilias mit wirklichem historischen Geschehen. In der Tat konnte vor allem Latacz frühere Hypothesen - Ahhijawa, Wilusa - zum Teil auf Grund allerneuester Funde erhärten, jedoch ist nach wie vor nicht hinreichend erklärt, warum sich bei angeblicher kontinuierlicher Erinnerung und der Festigkeit gerade der hexametrischen Form des Epos außer allenfalls allergröbster äußerer Sachverhalte sonst keinerlei Spuren der mykenischen Zeit im Epos erhalten haben sollen. Es wird jetzt wohl mehr denn je auf eine präzise Fragestellung ankommen." Natürlich kann man Ilias und Odyssee nicht mehr so lesen, wie sie zur Zeit ihrer Verschriftlichung im achten Jahrhundert vor Christus gelesen wurden oder in der klassischen Zeit Griechenlands oder zur Zeit Ciceros. Sie sind so ungeheuer voraussetzungsreich, man muß einfach so viel wissen, daß man, vom Sprachlichen ganz abgesehen, immer nur einen Zipfel dessen aufnehmen kann, was sie in ihrer Gesamtheit ausmachen. Vieles aber wirkt doch immer noch - oder wieder - unmittelbar auf die Leser, mißverstanden oder nicht, und die Darstellungskunst Homers ist so groß, daß seine Gestalten lebendige, scharf umrissene Charaktere sind, Odysseus und Achill und Agamemnon und Hektor, Andromache und Penelope und Nausikaa. Im Altertum hat man seinen Figuren und den Geschehnissen selbstverständliche Realität zugemessen, man hielt, mit Franz Hampl zu sprechen, die Ilias eben für ein Geschichtsbuch. Endgültig hat erst die Aufklärung diesen Zauber zerstört, und zwar dadurch, daß sie, mit Friedrich August Wolf 1795 in Halle beginnend, den Text historisierte, also auf seine Entstehung hin analysierte. Die Vorstellung, daß hinter den von Homer geschilderten Ereignissen historisches Geschehen zu entdecken sei, verschwand dabei immer mehr.

      Trotzdem hörten die Versuche nicht auf, in den homerischen Epen sozusagen eins zu eins historische Realitäten zu entdecken. Regelmäßig erscheinen Bücher, die die Irrfahrten des Odysseus nachzeichnen und lokalisieren wollen, im englischen Sprachraum ist das ein beliebter Sport. Ernster zu nehmen sind die Bemühungen, den Troianischen Krieg zu verifizieren. Schliemanns Grabungen in Troia, Mykene und anderswo, die tatsächlich umstürzende Erkenntnisse erbrachten, schienen Homer zu bestätigen - in Fontanes "Frau Jenny Treibel" erhält man einen Eindruck von der zeitgenössischen Diskussion -, jedoch stellte sich bald heraus, daß er nicht etwa die Historizität von Homers Dichtungen nachgewiesen, sondern, was eigentlich viel wesentlicher ist, in Mykene eine neue Zivilisation entdeckt hatte. Er konnte einem also so vorkommen, um mit Goethe in Bezug auf seinen Wilhelm Meister zu sprechen, "wie Saul, der Sohn Kis, der ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Königreich fand". Und abermals: Kaum jemand, der sich in Homer vertieft, entgeht dem Drang, sich zu fragen, wieviel von dem, was dort geschildert ist, in der historischen Wirklichkeit wiederzufinden sei, und es wäre seltsam um die Menschen und insbesondere um die Liebhaber des Altertums bestellt, wenn nicht der Wunsch bestände, möglichst viel von diesen herrlich geschilderten, oftmals allerdings furchtbaren Dingen in der Realität nachweisen zu können.

      Nüchterner gesagt, wird seit vielen Jahrzehnten von Philologen, Archäologen und Historikern darüber nachgedacht, ob in Ilias und Odyssee eine bestimmte politisch-gesellschaftliche Situation widergespiegelt ist und wenn ja, welche. Von der reinen poetischen Imagination abgesehen, die für diese Frage zunächst ausscheiden soll, wurden alle Möglichkeiten durchprobiert: Sammelsurium von teils untrennbar miteinander Verquicktem, teils voneinander Abzuhebendem; die mykenische Zeit vor 1200 vor Christus; die archaische Zeit um 750, in der die Epen aufgezeichnet wurden; oder die Zeit dazwischen, die sogenannten dunklen Jahrhunderte.

      Die mykenische Zeit schied vor allem deshalb aus, weil wir sie seit der Entzifferung ihrer Schrift, des Linear B, als eine hochkompliziert strukturierte Gesellschaft kennen, wovon sich bei Homer nichts wiederfindet. Hatte ich selber demgemäß früher noch am ehesten die dunklen Jahrhunderte bevorzugt, so bin ich zuletzt doch zu der Ansicht gelangt, daß, von einigen romantischen Überhöhungen und Uneinheitlichkeiten abgesehen, die homerische Welt die der früharchaischen Zeit ist. Bei diesem Ergebnis hat man sich freilich vor Zirkelschlüssen in acht zu nehmen, Wenn man die homerischen Epen in der Früharchaik verortet, soll man sie jetzt nicht umgekehrt als Beleg für das heranziehen, was eben noch als Indiz für diese Erkenntnis gedient hatte.

      Die Grabungen des Archäologen Manfred Korfmann in Troia haben die Frage nach der Historizität des Troianischen Krieges und der homerischen Welt überhaupt neu aufflammen lassen; das auch deshalb, weil Korfmann in dem Gräzisten Joachim Latacz einen hingerissenen und hinreißend formulierenden Interpreten seiner Grabungen gefunden hatte. Seit geraumer Zeit werden von Korfmann, Latacz und auch von dem F.A.Z. Redakteur Michael Siebler in immer neuen Meldungen, Vorträgen und Publikationen die jeweiligen Grabungsergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt, immer in bezug auf Homer und immer entschiedener im Hinblick darauf, daß man dem Nachweis von dessen Historizität einen wichtigen Schritt nähergekommen sei. Nach einem von Latacz selbst als epochemachend bezeichneten Artikel in der "Bild"-Zeitung - "Am 17. Februar 2000 vollends erlebte Deutschland den (vorläufigen) Höhepunkt des Troia-Fiebers: an diesem Tage ließ sich eine große Rekonstruktionsabbildung von Troia samt zugehörigem Bericht über die neueren Ausgrabungsbefunde sogar in der Bild'-Zeitung bewundern" - kulminiert die Popularisierung der Ausgrabungen in der großen Troia-Ausstellung, über die in dieser Zeitung zweimal berichtet wurde (28. März und 22. August 2001), nebst dem Begleitbuch, einer CD-Rom sowie einem großangelegten, für eine breitere Öffentlichkeit bestimmten, gleichwohl wissenschaftlich argumentierenden Buch von Joachim Latacz.

      Im folgenden sollen auf der Basis des bisher Ausgeführten einige Bemerkungen zum Gesamtproblem gemacht werden. Als erstes muß auf einen inneren Widerspruch auf seiten Korfmanns und Lataczs aufmerksam gemacht werden. Auf der einen Seite wird gelegentlich ausdrücklich betont, daß auch jetzt die Frage nach der Historizität des Troianischen Krieges und der Verläßlichkeit Homers immer noch nicht endgültig entschieden sei. Auf der anderen Seite aber wird doch der Eindruck erweckt, die Frage sei eigentlich schon geklärt. Das Begleitbuch zur Troia-Ausstellung ist, anders als sonst bei solchen Großausstellungen üblich und auch erforderlich, kein Katalog, in dem die Ausstellungsstücke wissenschaftlich abgebildet und beschrieben werden; präzise Detailinformationen an Hand der Ausstellungsstücke, auf Grund derer man diskutieren könnte, fehlen. Stättdessen gibt es zahlreiche Andeutungen, worauf das Ganze hinauslaufen könnte oder sollte oder sogar würde, so, wenn es, undeutlich genug, heißt, Homer habe "zumindest in etwa Recht gehabt - was um Himmels willen soll das genau heißen, außer daß eben doch ... ?

      Und dann der Stein des Anstoßes, der die ganze Affäre ausgelöst hat, das Modell der sogenannten Rekonstruktion der Unterstadt. Aus ihr sollte sich eine große Fläche Troias ergeben, die wiederum ein Indiz dafür darstellen sollte, daß Troia eine mächtige Handelsstadt gewesen sei, die einen Angriff der vereinigten Griechen durchaus gelohnt habe; dieses Modell prangte bereits auf einer populären Korfmann-Publikation des Jahres 2000 und findet zusammen mit anderen Modellen und Animationen ausgiebig auf der CD-Rom Verwendung, also als bereits jetzt feststehende Tatsache. Wenn die Kritik daran behauptet, die archäologischen Grundlagen für eine solche weitreichende Extrapolation seien im empirischen Befund nicht festzustellen, dann scheint die Beteuerung, auf der diesjährigen (!) Kampagne habe man steinerne Grundrisse gefunden, eine glatte Bestätigung der Kritik an dem bisherigen methodischen Vorgehen zu sein. Aber hier muß man abwarten; irgendwelche Steingrundrisse genügen nicht, es käme auf deren zeitliche Stellung und Funktion an.

      Das führt zu einer Zwischenbemerkung, die Korfmannianer und Korfmanngegner gleichermaßen betrifft. Wenn behauptet oder bestritten wird, Troia sei eine große Handelsstadt gewesen, so scheint dem die Auffassung zugrunde zu liegen, der Charakter als Handelsstadt mache es wahrscheinlich, daß die vereinigten Griechen einen großangelegten Krieg gegen Troia geführt hätten. Es ist ziemlich erschütternd, eine solche Auffassung vermuten zu müssen. Ich hatte geglaubt, die anachronistische, aus dem neunzehnten Jahrhundert stammende Vorstellung, daß die großen Kriege um Märkte und Absatzchancen geführt worden seien, sei jedenfalls für das europäische Altertum passé; hier aber ist sie anscheinend noch quicklebendig. Es war bereits eher rührend, bei dem Ägyptologen Wolfgang Helck seinerzeit lesen zu müssen, der Troianische Krieg sei möglicherweise deshalb ausgebrochen, weil "mykenische Handelsherren" Seeräuber hätten bekämpfen wollen; jetzt kommt sogar der nur noch zum Kopfschütteln Anlaß gebende Vergleich mit der Hanse. So wichtig es ist, empirisch festzustellen, ob Troia ein Handelszentrum war oder nicht - eher nicht -, für die Frage eines Troianischen Krieges bedeutet das allenfalls, ein Indiz für etwaige Beutezüge darzustellen.

      Vieles, insbesondere hinsichtlich der Relevanz hethitischer und neugefundener Linear-B-Texte ist inzwischen vor allem von Latacz weiter aufgeklärt, zusätzlich beigebracht oder jedenfalls in ein schärferes Licht gerückt worden; obwohl, siehe meine Selbstzitate oben, manches so unbekannt und unverwertet nicht war, wie es gelegentlich heißt. Aber Entscheidendes bleibt weiter offen. Ist es methodisch richtig, zu meinen, die Zusammenschau von nicht ganz Gesichertem könne ein richtiges Gesamtbild liefern - sollte es nicht auch umgekehrt sein, daß das Addieren von Teilrichtigkeiten eine ganze Unrichtigkeit hervorrufen kann? Vor allem aber bereitet die Frage besonders große Schwierigkeiten, ob es denn möglich ist, daß die ziemlich präzise Erinnerung an einen Troianischen Krieg 450 - in Worten: vierhundertfünfzig - Jahre überdauert haben könne, in denen es einen völligen Zusammenbruch, ja Abbruch der gesamten politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse gegeben hatte, durch den auch der Schriftbesitz verloren ging.

     Die auf Grund ethnologischer Forschung aufgestellte These, daß mündliche Erinnerung sich nur drei Generationen halte, muß allerdings in diesem speziellen Fall nicht entscheidend sein. Das von Latacz vorgebrachte Argument leuchtet nämlich ein, daß die Festigkeit des Hexameters eine viel längere Dauer der in ihm fixierten Sachverhalte ermögliche. Freilich gibt es einen schwerwiegenden Einwand, Abgesehen davon nämlich, ob wir wirklich schon in mykenischer Zeit mit hexametrischer Dichtung rechnen können, bleibt die Schwierigkeit, daß von den mykenischen Lebensverhältnissen rein nichts überliefert ist. Wenn in der Ilias wirklich eine über den Hexameter vermittelte Kontinuität zwischen der mykenischen und der homerisehen Zeit bestände, dann müßte man zahlreiche sonstige interne mykenische Sachverhalte erwarten. Es gibt aber keine: keine Schrift, keine Palastwirtschaft, nichts von der komplizierten gesellschaftlichen Schichtung, die wir durch Linear B kennen. Schließlich droht durch die Überinterpretation der Funde und der sonstigen Indizien ein gefährlicher Zirkelschluß. Es wird eben doch angestrebt, Homer als eine selbständige und verläßliche Quelle zu erweisen, aus der man nun über die Bestätigung des Bekannten hinaus ihrerseits Folgerungen ziehen könne: Der"Quellenstatus" der Ilias sei nun gesichert", heißt es bei Latacz - sie könnte "aufgrund ihres Detailreichtums Informationen liefern, wie sie Staatsdokumente nie erreichen werden" - wohlgemerkt: über die mykenische Zeit. Aber worüber genau? Daß es die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse nicht seien, die die der frühen Archaik sind, ist unbestritten. Nicht ist gewiß auch das Eingreifen der Götter gemeint, ebensowenig die Identität und die Namen der einzelnen männlichen und weiblichen Personen und deren Taten, nicht, daß der Krieg Helenas wegen ausgebrochen sei - eigentlich schade -, aber was sonst? Ein Krieg, der zehn Jahre dauerte? Weniger? Mehrere Kriege? Die einzelnen Kriegshandlungen?

      Wo bleibt, nach Erich Kästner, bei dieser Kritik das Positive? Zunächst einmal: In Homer verkörpern sich die politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und religiösen Zustände seiner, der früharchaischenZeit, die vielleicht mit teilweiser Ausnahme der religiösen von denen der mykenischen Zeit grundverschieden waren, und in ihm verkörpern sich die Sagenstoffe, die sich in der damaligen Vergangenheit herausgebildet hatten. Soweit die Epen den Troianischen Krieg und seine Einzelheiten betreffen, sind sie - hier folge ich Barbara Patzek, Christoph Ulf und Wolfgang Kullmann - aus den gewaltigen Überresten herausgesponnen, denen die Griechen der späten dunklen Jahrhunderte und der Archaik überall, auch in der Troas und vor Troia begegneten.

      Es spricht für die Faszination, ja den intellektuellen Sog, den die homerische Dichtung ausübt, daß es nach wie vor Bemühungen gibt, ihre Historizität zu erweisen - allerdings denn doch wohl nur für die Ilias, nicht für die Odyssee und ihre Märchenwelt; das zu wollen wäre nur noch lächerlich. So sympathisch und nachfühlbar solch apriorisches Glaubenwollen ist, es sollte um so pedantischer durch strengste methodische Kritik gezügelt werden, je mehr neue Quellen und Quellenarten auftreten. Zumindest müßte die Frage präzisiert werden. Es dürfte nicht davon gesprochen werden, daß irgend etwas "zumindest in etwa" zutreffe. Wer nach der Historizität des Troianischen Krieges in der homerischen Dichtung fragt, müßte genau bestimmen, wie weit und in bezug worauf denn auf Homer Verlaß sein soll und inwieweit nicht.

      Die Sache hat leider auch eine politische Dimension. Die Troiagrabungen Manfred Korfmanns und ihre Interpretation beanspruchen, den anatolisehen Charakter Troias erwiesen zu haben. Das ist nun so neu gewiß nicht; daß es eine griechische Stadt tout court gewesen sei,wird ja wohl nirgendwo ernsthaft behauptet, und nicht einmal Homer ist da eindeutig. Bei aller Interpretation Graeca in der Ilias – soll sie in bezug darauf eigentlich auch beim Wort genommen werden ? – wird in manchem doch angedeutet, daß es sich um ein fremdes Volk handelt. Auch sind, siehe die Selbstzitate oben, die hethitischen Dokumente auch in bezug auf Troia selbst längst in der Diskussion. Auf der anderen Seite hat sich architektonisch durch die Ausgrabungen bisher nichts gefunden, das etwa hinsichtlich von Tempeln oder Magazinen eine große altorientalische Residenz erwiesen hätte. Der einzige Fund dieser Art, ein Siegel in luwischer Sprache, ließe einen an den Archäologenspruch denken, daß einmal keinmal sei, wenn drauf nicht, beim nächsten Kleinfund, die Replik zu erwarten wäre, zweimal sei immer. Wie dem auch sei: Daß Troia VI und VIIa altorientalische Siedlungen waren, sei gerne nicht nur (scil. widerwillig) zugestanden sondern durchaus selber (scil. Freiwillig) ausgesprochen.

      Freilich sollten Überhöhungen vermieden werden. Korfmanns Ausgrabungen und seine Betonung des Altorientalischen an Troia sind nämlich eng mit dem Selbstverständnis des heutigen türkischen Staates verknüpft worden, der sich gerne als Erbe der hethitischen Vergangenheit sieht. Das hat dann zur Folge, daß die Kritik an ihnen und an ihrer Interpretation auf türkischer Seite allzu leicht als Kritik an der Türkei aufgefaßt werden kann und tatsächlich wird. Es ist sehr erfreulich, daß von den insgesamt acht – acht ! - Grußworten im Begleitbuch drei von türkischer Seite stammen: eines vom Staatspräsidenten, eines vom Kulturminister und eines vom Generaldirektor der Antiken und Museen. Da heißt es dann, die Ausstellung zeige, "daß sich die stärksten Wurzeln der europäischen Kultur in Anatolien befinden", und es da ist von den "Museen unserer westlichen Weit" die Rede. Gut, zutreffend und jedenfalls beherzigenswert ist, daß die Türkei durch den Mund ihres Kulturministers sich zu unserer westlichen Welt bekennt, fraglich ist aber, ob, und nun gar auf Grund der Ausgrabungen, die europäische Kultur ihre stärksten Wurzeln in Anatolien habe - ganz unabhängig davon, ob die türkische Westküste eigentlich zu Anatohen gehört. Und nun hat derselbe Generaldirektor der Antikenverwaltung dem Kritiker Frank Kolb in einem amtlichen Brief vorgeworfen, er bestreite die anatolische Verwurzelung der europäischen Kultur und habe damit das Ansehen ("Image") der Türkei geschädigt ...

      Fazit: Der Pulverdampf beginnt sich zu verziehen. Es wird wahrscheinlich eine wissenschaftliche Tagung zu allen einschlägigen Fragen geben, und unabhängig davon ist ein entsprechender Sammelband in Vorbereitung. Verbalinjurien und Anhimmelungen werden da keinen Platz mehr haben. Der Drang, Homer verifizieren zu wollen, sollte möglichst gezügelt werden. Modelle, Animationen und das Übermaß der Werbung sollten vorsichtiger verwendet und weitreichende Interpretationen sollten so lange zurückgestellt werden, bis klare Ergebnisse vorliegen. Und vor allem sollte die Verbindung mit politischen Absichten aufhören. Genausowenig wie Arminius der erste Deutsche und die Schlacht im Teutoburger Wald unser erster Sieg über die Welschen war, genausowenig hat der Hügel von Hisarlik mit der heutigen Türkei zu tun.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2001

Der Abdruck dieses Aufsatzes erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Prof. Dr. Wolfgang Schuller ist einer der Kritiker der Interpretation der spätbronzezeitlichen Befunde in Troia durch das Troia-Projekt.
Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte der Universität Konstanz
 

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Tübingen editor: Hans G. Jansen (email: hans.jansen@uni-tuebingen.de)
Cincinnati editor: John Wallrodt (email: john.wallrodt@classics.uc.edu)

Date Last Modified: 3/May/08
By: HGJ