Vorträge Soest: Das vergangene JahrtausendAspekte der Forschungsgeschichte der Archäologie des Mittelalters | ||||||
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Die Sitzung der Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit fand im Rahmen der 75. Jahrestagung des Nordwestdeutschen Verbandes für Altertumsforschung in Soest am 11. und 12. September statt Als Thema war von der Mitgliederversammlung des Vorjahres in Heidelberg auf Vorschlag der Geschäftsführung festgelegt worden:
Das vergangene Jahrtausend: Aspekte der Forschungsgeschichte der Archäologie des Mittelalters
Mit diesem Thema wurden allgemeine ebenso wie einzelne Aspekte der Entstehung und Entwicklung des Fachs und damit gleichzeitig seine inhaltliche wie methodische Positionierung in der Gegenwart angesprochen.
Die Referate waren in vier thematische Blöcke gegliedert. Davon umfaßte der erste, »Forschungsgeschichte im Überblick«, drei Referate, in denen die Entstehung und Entwicklung des Fachs in der Schweiz, die Bedeutung der Berliner Akademie der Wissenschaft für die Mittelalterarchäologie in der ehemaligen DDR und die Etablierung der Archäologie des Mittelalters an den Universitäten dargestellt wurden. In zwei weiteren Blöcken wurden, mit ebenfalls jeweils drei Referaten, »Forschungsgeschichte vor Ort« , also die Entwicklung der archäologischen Mittelalterforschung an einzelnen Plätzen, und »Forscherpersönlichkeiten«, d.h. die Bedeutung von einzelnen Personen im Rahmen der Entwicklung des Fachs thematisiert. Ein vierter Themenblock, »Interpretationen im Wandel«, beschäftigte sich in zwei Referaten mit dem Zusammenhang von Forschungsentwicklung und der Interpretation von Grabungsbefunden. Ein »Ausblick«, als Bilanz der gegenwärtigen Situation und Perspektive für die Zukunft, bildete den Abschluß. Der Inhalt der Referate wird im Wortlaut bzw. als Zusammenfassung in diesem Heft vorgelegt.
Die erfreulich große Resonanz der Sitzung mit bis zu ca. 90 Teilnehmern belegt das lebhafte Interesse am Thema. Hervorzuheben ist die kritische Reflexion der Interaktion von Ideologie und Archäologie am Beispiel der Berliner Akademie der Wissenschaft ebenso wie im Spannungsfeld nationalsozialistischer Forschung und Propaganda (am Beispiel der Erforschung der Externsteine). Diese Verquickung von Mittelalterarchäologie und politischen Interessen, die bisher kaum angesprochen und aufgearbeitet worden ist, stellte jedoch nur einen der vielen und interessanten Aspekte dar, die in den einzelnen Referaten aufgezeigt werden konnten und die eindrücklich die Bedeutung belegen, die eine Auseinandersetzung mit den eigenen forschungsgeschichtlichen Wurzeln auch für ein »junges« Fach wie die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit hat. |
Vorbemerkung
Barbara Scholkmann Tübingen | |||||
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Zur Vorgeschichte der Mittelalterarchäologie»Archäologie« im Mittelalter und in der frühen Neuzeit | |||||
Hans-Rudolf Meier, Zürich |
Die Auseinandersetzung mit mehr oder weniger zufällig gefundenen materiellen Resten der Vergangenheit gehört ebenso wie die Suche nach brauchbaren Materialien, welche Menschen aus vergangenen Zeiten hinterlassen haben, zu den Konstanten menschlichen Tuns. Jede Zeit hat dabei ihren spezifischen Blick auf die Vergangenheit, so dass die Beschäftigung mit ihr in der Regel mehr über die jeweilige Gegenwart als über die vergangenen Epochen verrät. Im Folgenden soll überblicksartig untersucht werden, wie im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Bau- und Bodenfunde behandelt wurden bzw. warum man zuweilen gezielt nach solchen suchte. Nicht die mittelalterliche Beschäftigung mit der römischen Antike steht aber im Zentrum des Interesses, sondern der mittelalterlichen Umgang mit Bodenfunden aus dem Mittelalter selber. Die christliche Spätantike wird dabei mitberücksichtigt, gehört sie doch in der Sicht der Zeitgenossen zur eigenen Zeit sub gratia. Denn abgesehen von der reinen Schatz- und Materialgräberei ist bis zur Reformation das Interesse an frühen Glaubenszeugen und -zeugnissen die hauptsächliche Motivation für Grabungen, so dass Bernhard Guenée in seiner Untersuchung zur Historiographie im Mittelalter zu Recht bemerkte: »L'archéologie fut un peu fille de la religion.« Als Kaiser Theodosius i. J. 386 den Handel mit Reliquien verbot, bewirkte er damit, dass die Bischöfe vermehrt den eigenen Boden nach Glaubenszeugen durchsuchten. Ungefähr aus derselben Zeit stammt auch die Überlieferung, Konstantins Mutter Helena hätte nach dem Kreuz Christi graben lassen, eine Legende, die der Legitimation der sich rasch verbreitenden Kreuzreliquien diente und damit schon ein zentrales Motiv vieler weiterer Grabungen enthält: die Bestätigung frommer Legenden durch materielle Zeugnisse. Die Kreuzauffindungslegende enthält überdies als quasi reziprokes, für spätere Grabungen zentrales Element das der Verifizierung des postulierten Sachverhalts bzw. der damit verknüpften Realie. Ist es in den ersten ausführlichen Versionen der Legende noch der Pilatustitulus eine Inschrift also , welcher die Identifizierung des wahren Kreuzes ermöglichte, so nur wenig später und für die Zukunft der Überlieferung verbindlich die erwiesene Wunderwirkung des Kreuzes selber. Bei ihren Grabungen findet Helena drei Kreuze, und erst eine Totenerweckung zeigt, welches das Kreuz Christi war. Paulinus von Nola hebt in einem Brief aus dem Jahre 403 die Schlüsselfunktion dieser Geschichte für den »Echtheitsbeweis« der Kreuzreliquie besonders hervor; wenn er zu bedenken gibt, es sei »leicht einzusehen, wie schwierig der Beweis ist, dass dieses Holz das Kreuzesholz des Herrn ist«, so impliziert er damit auch die Warnung vor falschen Reliquien. Der Bodenfund als materieller Zeuge dient damit einerseits der Bestätigung frommer und wunderbarer Berichte, bedarf aber andererseits auch selber des wunderbaren Geschehens, um Authentizität zu erlangen. Dies führte dazu, dass es bereits im Mittelalter selten an Kritik an den dargebotenen Interpretationen mangelte. Mag man aus heutiger Optik angesichts der zum Teil wunderlichen Erfindungen über die Gutgläubigkeit der jeweiligen Zeitgenossen lächeln ein Lächeln übrigens, das auch manche unserer Interpretationen dereinst treffen wird , so ist doch nicht zu übersehen, dass praktisch jedes der überlieferten Ereignisse kritischer Reflexion und entspre | ||||
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chendem Erklärungsbedarf ausgesetzt war. Frantisek Graus hat wiederholt vor der Vorstellung einer allgemeinen »Leichtgläubigkeit des Mittelalters« gewarnt und auf die Kontext- und Gruppenabhängigkeit des Wahr- und Echtheitverständnisses hingewiesen, das letztlich eine Funktion des Erwartungshorizonts war und ist. Deutlich wird dieser Erklärungs- und Verifzierungszwang auch am Beispiel von St. Ursula in Köln, einem der grössten und lukrativsten »Grabungsunternehmen« des Mittelalters. Aus der durch die sog. Clematius-Inschrift schon für die Spätantike bezeugten Verehrung von jungfräulichen Märtyrern war in der Tradierung der Legende bis ins frühe 12. Jh. die bekannte, überaus stattliche Zahl von 11'000 Jungfrauen geworden. Als dann bald nach 1100 beim Ausheben eines neuen Stadtgrabens in der Nähe der Ursulakirche ein römisches Gräberfeld angeschnitten wurde und zahllose Skelette zu Tage traten, lag es nahe, in diesen die Gebeine der verehrten Märtyrerinnen zu sehen. Es ist dies der Beginn eines schier unerschöpflichen Vertriebs von Kölner Jungfrauen-Reliquien, der bis ins 17. Jh. andauerte und zum Teil fast gewerbsmässig betrieben wurde. Dem offensichtlichen Befund, dass nicht nur Gebeine von Frauen, sondern auch solche von Männern und Kindern zum Vorschein kamen, begegnete man mit der Ausschmückung der Legende um eine stattliche Begleiterschar der Jungfrauen; deren (störende) Anonymität rückte man mit der Erfindung von Namen zu Leibe, wobei sich hier vor allem der Küster Theoderich aus der Abtei Deutz hervortat, der zwischen 1155 und 1164 Tituli erfand, die er auf mitgefundenen Steinen gelesen haben will. Der »historischen« Glaubwürdigkeit kam er dabei insofern entgegen, als er sich mit manchen Inschriften am Wortlaut der Clematius-Inschrift orientierte. Selbstverständlich war man sich bewusst, dass nicht jedes im kirchlichen Umfeld ergrabene Skelett das eines oder einer Heiligen war. Schon im 5. Jh. hatte der ägyptische Mönchsvater Schenute von Atripe die reliquienbeflissenen Gläubigen, die beim Abbruch eines Gebäudes oder beim Wegrücken von Steinen auf Sarkophage gestossen waren, mit der rhetorischen Frage konfrontiert, ob man denn immer nur Heilige begraben hätte. Und Gregor der Grosse warnte vor griechischen Mönchen, die auf dem Friedhof von San Paolo in Rom Gräber aushoben, um die Gebeine in Konstantinopel als Heiligenreliquien anzubieten. Mit zunehmender Distanz der Herkunft scheint die Fälschungsgefahr und damit die Skepsis gewachsen zu sein; zeitlich dagegen hat vorerst eher allzugrosse Nähe zum wunderbaren Ereignis die Kritik begünstigt, da neue Berichte dem ausgeprägten Vertrauen auf traditio und auctoritas entgegenliefen. Im Decretum Gelasianum etwa, einem Traktat aus dem frühen 6. Jh., werden die Kreuzauffindungsberichte skeptisch beurteilt, weil es sich um »novellae relationes« handle. Entsprechend verlangte dann im 12. Jh. Guibert von Nogent (1055-ca.1125) zur Verifizierung von Reliquien nach einer »vetustatis, aut scriptorum veracium traditio certa«. Wunder, Schrift- und Sachzeugnisse mussten also zusammenkommen, um Glaubwürdigkeit zu erlangen. Die Tendenz zu strengeren, quasi parawissenschaftlichen Prüfungsverfahren äusserst sich nicht zuletzt in eigentlichen Kommissionen, die eingesetzt wurden, um umstrittene Sachverhalte abzuklären und darüber Bericht zu erstatten. 1308 bildete in Lyon das Domkapitel auf Wunsch der Stiftsherren von St-Nizier ein solches Gremium, das den Anspruch auf die Grablege eines heiligen Bischofs zu prüfen hatte. Im Kommissionsbericht wird festgehalten, zur Klärung der Identität seien die Gebeine mehrerer überlieferter Heiligen ausgegraben und die Gräber und deren Ausstat | ||||
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tung einzeln identifiziert worden. Bei sechs heiligen Bischöfen gelang dies mittels Marmorinschriften; über einem weiteren Grab fand sich nur ein Bild (imago), welchem ebenfalls Beweiskraft zukam, wies es den Verehrten doch als Erzbischof aus. Ausführlicher verweilt der Bericht dann beim umstrittenen Grab, wo neben einer kurzen Inschrift auch die mündliche Überlieferung und die päpstliche Bestätigung referiert wird. Die Verifizierung schliesslich erfolgt mittels realienkundlicher Argumente, waren doch im geöffneten Grab Pontifikalgewänder festgestellt worden. Im ausgehenden Mittelalter, wo einerseits das Heiligen- und Reliquienwesen boomte, andererseits aber auch die Kritik daran zunahm, kam Boden- und Grabfunden als Mittel der Verifizierung eine nochmals verstärkte Bedeutung zu. Dabei sind, wie jüngst Gabriela Signori ausgeführt hat, »altbackene Zweikulturenmodelle«, die dem »Volk« die Reliquienverehrung und den »Humanisten« die quasi wissenschaftliche Kritik daran zuteilen, längst nicht mehr haltbar. Vielmehr war es oft gerade die »Bildungselite«, die vor allem lokale Kulte aufgriff oder aktivierte. Den Agens dafür sieht Signori in einem »lokalpatriotischen Pathos«, dem Bemühen, das eigene Umland gleichsam als Mikrokosmos mit allen wesentlichen Bezugspunkten der kulturellen Selbstvergewisserung zu füllen. Der Heiligen- und Reliquienkult ist so nicht der Antipode zum gemeinhin mit dem Humanismus zusammengebrachten Studium der lokalen antiken Vergangenheit und ihrer materiellen Zeugen, sondern nur eine andere Facette desselben Strebens.
Schon aus Gründen der Evidenz kam in dieser Zeit der Vervielfachung der Reliquienschätze den grossen Heiligenheeren der 11'000 Jungfrauen und der Thebäerlegion eine wesentliche Rolle zu. In Solothurn, wo mit Ursus und dem bereits um 500 nach Genf translozierten Viktor schon seit frühchristlicher Zeit Thebäer verehrt wurden, bemühte man sich im 15. Jh. um eine Reaktivierung ihres Kultes. Spätestens seit 1469 war man überzeugt, dass nicht nur einzelne Thebäer, sondern »sechszig und sechss in miner herren von Solotorn statt ligend.« So erstaunt es nicht, dass nur vier Jahre nach diesem Bericht des Stadtschreibers bei einer von ihm angeordneten Neupflästerung bei der Peterskirche die Arbeiter »ganz unversehrt drissig und siben manneskoerpel funden habent« und diese dann als solche der Thebäer erkannt wurden. Zwischen Entdeckung und Identifizierung lag das Studium von »alden chronicken«, aus welchen man entnommen haben will, bereits im Frühmittelalter hätte man die Gebeine von 17 Heiligen gefunden, diese in die Kollegiatskirche überführt und am Fundort eine (Peters-)Kapelle errichtet. Gegenüber dem Papst, bei dem man die Erhebung der Gebeine zu Ehren der Altäre zu beantragen hatte, führte man als Beweise für die richtige Identifizierung den anthropologischen Befund an: Die Skelette seien noch intakt und entsprächen in Länge und Proportionen denen der früher entdeckter Thebäer, alle stammten überdies von kräftigen Männern und nur bei wenigen läge der Schädel noch über den Schultern, so dass von geköpften Soldaten auszugehen sei. Ähnliche Argumente kehren auch andernorts wieder, so im luzernischen Schötz oder in Hallau bei Schaffhausen. Beidenorts stiess man in den Jahren um 1490 in Fluren, die bereits mit dem Namen des Thebäerführers Mauritius behaftet waren, auf Bestattungen von wie wir heute wissen frühmittelalterlichen Gräberfeldern. Aufgrund von Überlegungen zur Lage und Anordnung der Skelette, die denen in Solothurn weitgehend entsprachen, sowie in Hallau aufgrund von Waffenbeigaben, wies man die Bestatteten den Thebäern zu. | ||||
Die Thebäerlegion | ||||
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Derweil hatte in Solothurn die päpstliche Anerkennung der Neufunde unerwartete Schwierigkeiten bereitet, kamen doch die kurialen Gutachter zum Schluss, man könne die Gebeine »ob diuturnitatem temporis et brevem hominum vitam« nicht mit Gewissheit als solche der Thebäer anerkennen. Das hohe Alter allein war nun also keine positive Qualität mehr, sondern eher ein Unsicherheitsfaktor. Immerhin war der Papst bereit, dem Wunsch der Solothurner dennoch zu entsprechen. Aus dem Bericht des Stadtschreibers über die gross aufgezogene Translationsfeier wird dann die politische Bedeutung solcher Ereignisse und damit von Reliquienfunden und -besitz für die spätmittelalterliche Stadt deutlich. Reliquien stellten nicht nur einen kumulierten Heilsschatz dar, sondern waren auch ein Mittel zur Sicherung von Loyalitäten und Bündnissen. Die Solothurner jedenfalls zeigten sich grosszügig, zumal sie 1479 die zwölf ihnen bis zum Soll von 66 Soldatenheiligen noch fehlenden Gebeine gefunden hatten. Der folgende Bau- und Ausstattungsboom zur Inszenierung der neuen Heiltümer wurde schliesslich 1519 gekrönt, als die Stiftsherren von St. Ursen beim Abbruch ihres Fronaltars zum Zwecke eines angemesseneren Nachfolgers »einen steinen sarch (...) mit isenen Klammern vermachtt erfünden«, worin die »gebein zweyer Helgenn« lagen und in der Hirnschale des einen »ein silberiner Zedell mit gestampfttenn Buchstaben« mit der Inschrift: »CONDITUR HOC SANCTUS TUMULO THEBAIDUS URSUS«. Für die Solothurner waren damit die letzten lästigen Zweifel zerstreut, und endlich konnten sie nun auch vom Anführer ihrer Thebäergruppe Reliquien vorweisen; für uns ist das Ganze deshalb von Interesse, weil über dieses Ereignis wohl der älteste gedruckte und illustrierte »Grabungsbericht« vorliegt. Noch im selben Jahr wurde nämlich in Basel ein Einblattdruck von Urs Graf ediert, in dem das Geschehen in einem knappen Text und einem grossformatigen Holzschnitt bekannt gemacht wurde. Neben dem stolz als Ritter mit dem Thebäerbanner von links einherschreitenden Ursus, dem Standeswappen im Zentrum und der Inschrift der (wohl aus dem 11. Jh. stammenden) Lamina sticht der Sarkophag der Flavia Severiana ins Auge, eine Spolie aus dem 3. Jh., welche die Reliquien barg. Links des Sarkophags drei verzückte Würdenträger, rechts einer der nicht minder ergriffenen Ausgräber umgeben von seinen Werkzeugen wohl einer der ersten seiner/unserer Profession, der Bildwürdigkeit erlangte.
Es ist auffällig, dass mit Ausnahme der alten Thebäerstadt Solothurn die andern Funde der Zeit nicht in den Städten, sondern in deren Umland getätigt wurden. Dasselbe gilt wenig später für die Neufunde aus der Schar der elftausend Jungfrauen für Basel. Die Stadt war aufgrund der Ursula-Legende seit dem 11. Jh. mit der Jungfrauenschar eng verbunden; zu Beginn des 16. Jh. war es nun aber auch hier das Umland, welches dem Heiligen- und Reliquienkult neue Impulse versetzte. Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass sich die städtischen Gelehrten gerade jetzt der heiligen Jungfrauen von Eichsel und Chrischona erinnerten und damit in mancher Hinsicht etwas nachvollzogen, was in den Städten Italiens bereits im späten 13. und 14. Jh. zu beobachten ist, wo sich gerade die städtischen Eliten im Sinne eines kompensatorischen Gegenideals verstärkt für asketische Kontemplation interessierten. Man hat für dieses Phänomen treffend vom »Eremit als Rollenspiel in der städtischen Gesellschaft« gesprochen. Doch soll uns hier nicht der Sinn, sondern der Verlauf der Ereignisse, d.h. die Grabungen interessieren. Weder Cristina/Chrischona noch die drei heiligen Jungfrauen Kunigundis, Mechtrudis und Wibranda, die alle zu den elftausend Begleiterinnen der Ursula | ||||||
Jungfrauen aus der Schar der Elftausend | ||||||
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gehört haben sollen, waren am Dinkelberg Inventionen des Spätmittelalters. In Eichsel oberhalb Badisch-Rheinfelden sind bereits 1192 Stiftungen zu ihren Ehren an die örtliche Kirche bezeugt. Nur scheint der Kult bereits einige Zeit eingeschlafen gewesen zu sein, als die Basler Bildungselite im Frühjahr 1504 den Besuch des päpstlichen Legaten Kardinal Raimundus Peraudi zum Anlass nahm, die Verehrung der Eichseler Jungfrauen zu reaktivieren. Peraudi delegierte eine hochkarätige Kommission aus gelehrten Basler Klerikern nach Eichsel, um sich der Sache anzunehmen. Ihr Bericht ist für uns besonders interessant wegen der Methodik des Vorgehens. Zunächst wandten sich die Kommissare dem Befund zu: Im Friedhof entlang der Kirchenmauer stiessen sie auf ein erstes, im Chor auf ein weiteres Grab der Jungfrauen, wobei letzteres zwei Individuen enthielt. Nüchtern und ohne hagiographisches Beiwerk, dafür mit offensichtlichem antiquarischen Interesse werden die Beobachtungen rapportiert: Die Beschädigung des Schädels im Einzelgrab wird auf den Steinkranz zurückgeführt, der diesen umgab, die Störungen der Skelette im Doppelgrab auf die Ausgrabung selber, während die Staubschicht, welche die Gebeine bedeckte, als Zeichen für das hohe Alter der vorgefundenen Anordnung interpretiert wurde. Als nächstes nahmen die Kommissionsmitglieder sich die Bücher der Eichseler Kirche vor, registrierten dabei das hohe Alter eines Missale aufgrund der »sehr alten Schrift« und transkribierten alles, was datiert war womit sie eine Vorliebe für (zufällig überlieferte) Datierungen an den Tag legen, die in der historisch-archäologischen Forschungen zum Teil bis in unsere Tage geteilt wird. Ans Studium der Schriftquellen schloss sich jenes der Bildquellen, bevor man dann in einem weiteren Schritt Zeugen vernahm, um örtliche Legende und Kult zu recherchieren. Einer der Zeugen erwähnte dabei die hl. Cristiana, worauf der Kardinal seine Kommissare ohne Verzug losschickte, um die Situation auf dem Hügel ob Riehen und Lörrach zu untersuchen. In der späteren Chrischonakirche gestaltete sich die Suche nach dem Grab schwieriger als in Eichsel. Es kostete einige Anstrengung bis man auf eine gemauerte Grabkammer stiess, die so tief war, »dass ein darin stehender Mann gerade seine Arme auf den Umfassungsrand auflegen konnte, darin ein Steinsarg, seitlich mit einer Steinplatte verschlossen.« Anlässlich der archäologischen Untersuchungen der Chrischonakirche in den Jahren 1974/75 liess sich gemäss dem Bericht von Rudolf Moosbrugger diese Reliquiensuche am Befund überprüfen, fand sich doch zwischen Altarrückwand und hochgotischem Chorscheitel ein Suchstollen, der unter dem romanischen Chorfundament hindurch auf ein frühmittelalterliches Plattengrab stiess. Wenn es sich dabei tatsächlich um die Arbeit von Peraudis Männern handelt, so hatten diese entweder grosses Finderglück, oder mindestens einer der Beteilgten verfügte über beträchtliche Erfahrung, um auch in einer mehrfach erneuerten Kirche die Lage eines privilegierten »Gründergrabes« so rasch zu finden auch das ein Zeichen von zunehmendem historischem Bewusstsein.
Die Reformation brachte im Hinblick auf unsere Fragestellung nur insofern einen Bruch mit der Vergangenheit, als Grabungen und entsprechende Beobachtungen nun nicht mehr die Vermehrung und Verifizierung der Heiltümer bezweckten. Baubeobachtungen und Bodenfunde dienten nun vielmehr als materielle Zeugnisse zum Nachweis der Historizität der Dinge und Einrichtungen. Dies im Bemühen um Legitimation der protestantischen Ordnung, die auf der Vorstellung beruhte, es ginge um die Wiederherstellung des nur wenige Jahrhunderte »verschütteten« rechten Gebrauchs des | ||||
Reformationszeit | ||||
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Gotteswortes. So wurden 1527 beim Abbruch des Altars in St. Peter in Zürich Strukturen, die man darunter im Boden beobachtete, vom Zürcher Reformator Zwingli als Reste einer Taufanlage und damit als Beweis dafür gedeutet, dass in der »Urkirche« nicht der Altar, sondern das Taufbecken das liturgische Zentrum gebildet hätte. Auch Zwinglis Nachfolger am Zürcher Grossmünster, Heinrich Bullinger, griff in seiner Reformationschronik zu archäologischen Argumenten, um denselben Sachverhalt in der Zürcher Hauptkirche zu erläutern. Relativchronologisch korrekt heisst es da: »Un da man den alltar Zürych zuo dem großen münster abbrach, fand man das pflaster darunder gantz, das also der alltar mitt der kylchen nitt uffgebuwen, sunder erst hernach uff das pflaster gesetzt ist.«
Im Profanbereich bediente man sich an der Schwelle zur Neuzeit zunehmend archäologischer Mittel zur genealogischen Versicherung. Erste Vorläufer reichen ins 14. Jh. zurück, wenn etwa in der Abtei Hautecombe methodisch der Verifizierung von Bischofslisten ähnlich die Epitaphien studiert und systematisch aufgelistet wurden, um die Genealogie des Hauses Savoyen zu stützen. Im Kloster Lorch wiederum öffnete man 1475 die Sarkophage der dort bestatteten Staufer, um ihnen dann eine grosse Tumba zu errichten. Gefunden hat man »viel Gebeins klein und groß, sind unter solchen viel, die drei Spannen lang gewesen sein, auch viel Hauptschalen ... an welchen noch hübsch gelb Haar gewesen«. Zahlreiche grössere und kleinere Fürsten folgten diesem Tun, um sich der Herkunft und Tradition ihres Geschlechts zu versichern. Gut dokumentiert ist das Beispiel des ehem. Zisterzienserkloster Altzella in Sachsen, das nach der Säkularisierung 1540 allmählich zerfiel. 1676 ordnete dann der Kurfürst Johann Georg II. Grabungen an, wobei es ihm darum ging, »die alten Fürstlichen Begräbnisse und monumente, so bey der durch Länge der Zeit und Ungewitter (...) eingegangene Stiffts-Kirche zu Cella zu befinden seyn mögten, aufsuchen, und ob Dero hochfürstliche löbliche Vorfahren des Orts (weil bishero daran gezweyfelt worden) beerdigt wären, Gewißheit einziehen zu lassen«. Zweifel an den wettinischen Grablegen und damit Risse im Fundament des landesherrlichen Gottesgnadentums sind es also, die den Kurfürsten veranlassten, eine Untersuchungskommission zu berufen, deren illustrierter Grabungsbericht nicht nur zur noch heute gültigen Identifizierung kommt, sondern auch ausführlich das Vorgehen schildert. So erfolgte etwa die Bestimmung der Grabsteine mittels Vergleich mit »ausm Churfl. Archiv erlangten Fürstlichen Bildnisse und zur Hand gebrachten alten Inscriptionen«. Zu Recht hebt Heinrich Magirius auch die dokumentarische Qualität der den Bericht begleitenden Skizzen hervor, die u.a. ein Verständnis der romanischen Architektur verraten, das im 17. Jh. nicht selbstverständlich gewesen sein dürfte. Es ist dieser Aspekt zum Stand der Entwicklung der archäologischen Dokumentation, der den Einbezug dieses Beispiels an den Schluss unseres Überblicks rechtfertigt, denn ansonsten hat unser Thema im 17. Jh. eine Komplexität erreicht, die tiefer greifender Studien zum antiquarischen Interesse der Fürsten und Gelehrten der Barockzeit bedürfte. Es ist die Zeit, in der mit der Publikation des Childerichgrabs durch Jacques Chiflet die Frühgeschichte unserer Wissenschaft beginnt. Es ist aber auch die Zeit, in der nicht mehr jeder (Grab-)Fund in ein festes Gedankengerüst eingepasst wird und der Bestätigung eines Wissens oder Glaubens dienen muss, sondern sich das Interesse von Relikten auf Spuren zu verlagern beginnt. | ||||||
Archäologie und Genealogie | ||||||
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Versuchen wir in Hinblick auf unser Thema die Vorgeschichte der Mittelalter-Archäologie eine knappe Zusammenfassung, so können wir festhalten, dass die kombinierte Argumentation mit Schrift- und Sachquellen und damit einer der Aspekte, der unsere Archäologie kennzeichnet bereits für die meisten der hier aufgeführten Beispiele charakteristisch ist. In der historischen Entwicklung lässt sich ein zunehmendes Bewusstsein der Historizität der Funde und seit dem 14./15. Jh. eine grössere Systematik in deren Behandlung und Beurteilung beobachten, auch wenn die Vormoderne keine systematische und methodisch abgesicherte Quellenkritik kannte. Trotz verstärkten antiquarischen Interesses, trat aber auch mit dem Humanismus und der Reformation keine prinzipiell neue Denk- oder Argumentationsweise auf; wie im ganzen 15. Jh. versuchte man weiterhin, von inhaltlichen Voraussetzungen her die Wahrheit des Berichteten zu ergründen, auch wenn gerade für die Reformatoren die Geschichtlichkeit der Formen und Funktionen von zentraler Bedeutung für ihre Argumentation war. Als Wurzeln unserer Wissenschaft dienten Grabungen bzw. Bodenfunde im ganzen untersuchten Zeitraum hauptsächlich als Hilfsmittel der Langzeit-Memoria, um Vergessenes und »durch die Länge der Zeit« Verschüttetes wieder im Bewusstsein zu aktivieren. Dass die Interpretationen dabei abhängig waren von den Fragestellungen, zeigt sich vielleicht bei der jeweiligen Beurteilung der anthropologischen Befunde am deutlichsten, galt und gilt aber darüberhinaus für jede Beschäftigung mit der Vergangenheit. | ||||
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Ein ausführlicher Artikel mit sämtlichen Nachweisen wird im Georges-Bloch-Jahrbuch des Kunsthistorischen Instituts der Universität Zürich erscheinen. | ||||
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PD. Dr. Hans Rudolf Meier Institut für Denkmalpflege ETH Zentrum CH-8092 Zürich hans.rudolf.meier@arch.ethz.ch | ||||
Die Mittelalterarchäologie in der SchweizEine Standortbestimmung | ||||
Georges Descudres, Zürich |
Die vier Sprachregionen umfassende Schweiz besteht aus 26 Kantonen und Halbkantonen, in deren Zuständigkeit die Belange der Kultur und damit auch jene der Archäologie und Denkmalpflege fallen. Dies bedeutet unterschiedliche Gesetzgebungen, unterschiedlich akzentuierte rechtliche Vollzugsmaßnahmen sowie unterschiedliche Organisationsformen der zuständigen Dienststellen, die sich teils »Kantonsarchäologie«, teils »Archäologischer Dienst« oder in einem Fall (Basel-Stadt) »Bodenforschung« nennen. In sieben Kantonen oder Halbkantonen (die Kantone der Urschweiz sowie Glarus und die beiden Appenzell) fehlt nach wie vor eine archäologische Amtsstelle, in zwei Kantonen (Neuenburg und Wallis) ist der Posten des Kantonsarchäologen ein Neben- bzw. Halbamt. Abgesehen von einer unterschiedlichen Zugehörigkeit innerhalb der Verwaltung je nach Kanton dem Departement (Ministerium) des Innern, der Erziehung, des Hoch- und Tiefbaus oder der Polizei und Justiz zugeordnet ist auch eine unterschiedliche Zuständigkeit der Ämter festzuhalten, namentlich was Untersuchungen unter und über dem Boden betreffen. Baugeschichtliche Abklärungen gehören in einzelnen Kantonen in den Aufgabenbereich der Denkmalpflege, in anderen Kantonen fallen diese in die Zuständigkeit der Archäologie. Die archäologischen Dienststellen weisen zudem erhebliche Unterschiede in der finanziellen und personellen Ausstattung auf, welche vielfach nicht mit der Größe des jeweiligen Amtsbereichs korrelieren. | |||
Aktuelle Situation | ||||
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In einer Hinsicht jedoch besteht unter den archäologischen Amtsstellen der verschiedenen Kantone eine weitgehende Unité de doctrine, nämlich in der praktisch ausschließlichen Konzentration der Untersuchungen auf jene Bereiche, die durch bauliche Eingriffe gefährdet sind. Keine Lust-, sondern nur Notgrabungen. Dies bedeutet, daß der Archäologe in der Regel Objekt bzw. Bereich von archäologischen Eingriffen nicht selber bestimmt; einen gewissen Steuerungseffekt kann er lediglich durch Prioritätensetzung erzielen. Auch ist er gewöhnlich der Verantwortlichkeit eines Architekten oder Ingenieurs unterstellt, deren Ideen vom Umgang mit einem historischen Objekt nicht selten erheblich von den Vorstellungen des Archäologen abweichen. Vor diesem Hintergrund ist in zunehmendem Maße ein verändertes Selbstverständnis der Archäologen am ausgeprägtesten wohl im Bereich der Mittelalterarchäologie als Hüter der ungehobenen Schätze festzustellen: Die beste Grabung ist jene, die verhindert werden kann dies freilich unter der Voraussetzung, daß der entsprechende Bereich unangetastet bleibt. Zur universitären Ausbildungssituation ist anzumerken, daß das Studienfach Ur- und Frühgeschichte an den Hochschulen in der Schweiz in der Regel prähistorisch oder provinzialrömisch, jedoch nur ausnahmsweise frühgeschichtlich orientiert ist. Mittelalterarchäologie wird an der Universität Basel von Werner Meyer im Rahmen des Fachs Geschichte gelehrt. Mit seiner in wenigen Jahren bevorstehenden Emeritierung dürfte diese Ausbildungsmöglichkeit allerdings dahinfallen. In Zürich, wo entsprechende Lehrveranstaltungen seit 1971 am Kunsthistorischen Institut angeboten werden, ist im Jahre 1992 die Mittelalterarchäologie als Nebenfach mit der Möglichkeit von Abschlussarbeiten eingerichtet worden. Während an den Universitäten Bern und Freiburg regelmäßig Lehrveranstaltungen im Fachbereich Mittelalterarchäologie stattfinden, fehlt ein solches Angebot an den frankophonen Hochschulen in Lausanne, Genf und Neuenburg. Beizufügen ist an dieser Stelle, daß die Historische Bauforschung an der ETH als der Technischen Hochschule unseres Landes kein Lehrfach ist, sondern im Rahmen der Kunst- bzw. Architekturgeschichte an verschiedenen Universitäten gelehrt wird. Dies ist mit ein Grund, weshalb Boden- und Bauforschung hierzulande nie die strikte Trennung erfahren haben, wie sie etwa in der Bundesrepublik Deutschland vielfach zu beobachten ist. | ||||||
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Die Archäologie im engeren Sinne als eine historisch orientierte Wissenschaft erlebte nach Anfängen im Ancien Régime im 19. Jahrhundert eine erstaunliche Breitenwirkung durch die Gründung zahlreicher regionaler Gesellschaften und Vereine historisch-antiquarischer Ausrichtung. Diese organisierten und finanzierten Ausgrabungen, waren Gründer und Träger von historischen bzw. archäologischen Museen sowie vielfach Herausgeber von historisch-antiquarischen Publikationen, die oder deren Nachfolgeorgane in der Form von Mitteilungen, Jahrbüchern, Neujahrsblättern etc. noch heute eine wichtige Rolle für archäologische Veröffentlichungen spielen. Die Ausgrabungstätigkeit im 19. Jahrhundert war in der Regel entweder prähistorisch mit einem besonderen Interesse für die Pfahlbausiedlungen an Seeufern oder römerzeitlich ausgerichtet. Untersuchungen von mittelalterlichen Fundplätzen und Monumenten blieben dagegen eine marginale Erscheinung. Hingegen läßt sich feststellen, daß erste Bemühungen um eine Inventarisierung von Fundplätzen und -objekten auch solche des Mittelalters mit einschlossen. So verschickte 1863 der Historische Verein des Kantons Solothurn an seine Mitglieder einen Fragebogen, worin mit insgesamt 35 Fragen bestehende Kenntnisse von Grabhügeln und Gräbern, |
Die Anfänge | |||||
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Fest- und Richtplätzen, Kirchen und Kapellen sowie generell von »altem Gemäuer« erhoben und nach Funden von Ziegeln, Wasserleitungen, Tongefäßen, Waffen und Münzen gefragt wurde. Das erstaunlich breit gefächerte historisch-antiquarische Verständnis der Zeit ist daran ersichtlich, daß darüber hinaus auch Kenntnisse von Flurnamen sowie von Sagen und Legenden gefragt waren. | ||||
Institutionelle Verankerung der Mittelalterarchäologie in der Schweiz |
Mit Albert Naef (18621936), der 18981934 als Kantonsarchäologe und Denkmalpfleger in der Waadt tätig war, beginnt in der Schweiz eine institutionelle Verankerung der Archäologie. In Frankreich als Architekt ausgebildet stand Naef in der Tradition des französischen Historismus, der sich analytisch »archäologisch« mit bestehenden Bauten auseinandersetzte. Seit 1915 hatte Naef, der mit seinen Untersuchungen im ehemaligen Kloster Romainmôtier und im Schloß Chillon auch über die Grenzen des Landes hinaus bekannt wurde, an der Universität Lausanne einen Lehrstuhl für Archäologie inne. Erhaltene Unterlagen zeigen, daß der Bereich der Mittelalterarchäologie einen wichtigen, wenn nicht gar einen zentralen Stellenwert in seinen Lehrveranstaltungen einnahm. Albert Naef war in der Schweiz ein Pionier dessen, was man als »archäologische Denkmalpflege« bezeichnen kann. Diese orientierte sich methodisch in erheblichem Maße am französischen Kulturraum, wo die Verbindung von Archäologie und Kunstgeschichte, besonders für die Epoche des Mittelalters, in der universitären Lehre wie auch in der denkmalpflegerischen Praxis sehr verbreitet war und es auch heute noch ist. In den Jahren 1915-1934 war Naef zudem Präsident der 1887 ins Leben gerufenen Eidgenössischen Kommission für historische Denkmäler. Mittels dieser Kommission beteiligte sich der Bund am Erwerb, an der Erforschung sowie an der Konservierung und Restaurierung von Kunstdenkmälern. Dieses 1958 in Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege umbenannte Gremium hatte sowohl durch seine finanzielle Unterstützung als auch durch die Bereitstellung von Experten im Sinne einer Qualitätskontrolle einen erheblichen Anteil an der kontinuierlichen Förderung einer archäologischen Denkmalpflege. Neben der Denkmalpflege hat die Mittelalterarchäologie in der Schweiz noch eine zweite Wurzel: die Ur- und Frühgeschichte, von der sie grabungstechnisch stark profitierte. Dabei steht vor allem die Person von Emil Vogt (19061974) im Vordergrund, der 19301960 Verantwortlicher für Archäologie am Schweizerischen Landesmuseum und 19611970 dessen Direktor war. Parallel dazu hatte er seit 1945 den Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Zürich inne. Vor allem seine Zürcher Grabungen auf dem Lindenhof, in der Wasserkirche sowie beim Fraumünster waren sowohl in ihrer methodischen Durchführung bei der Feldarbeit als auch bei der Auswertung mit einer umfassenden Berücksichtigung historischer Quellen für die Mittelalterarchäologie hierzulande beispielgebend. Mit wenigen Ausnahmen auf die Waadt wurde bereits hingewiesen, dazu gehört auch Freiburg sind archäologische Dienststellen in den einzelnen Kantonen erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingerichtet worden, manche anfänglich nur als Halbamt und von Personen betreut, die nicht über eine fachspezifische Ausbildung verfügten. Vielerorts bestand erst in den 1970er Jahren eine operationelle Kantonsarchäologie. Eine für das Mittelalter zuständige Abteilung, wie sie heute bei den meisten Dienststellen besteht, wurde gewöhnlich erst in den 1980er Jahren eingerichtet. In mehreren Kantonen, am längsten im Tessin bis 1994, versah der Leiter der archäologischen Dienststelle zugleich das Amt des Denkmalpflegers. | |||
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Neben der bereits erwähnten Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege (EKD) sind vier weitere gesamtschweizerische Institutionen zu nennen, welche für die Entwicklung der Mittelalterarchäologie in unserem Land eine wichtige Rolle spielten und welche zugleich als Herausgeber verschiedener Publikationsorgane in Erscheinung treten, die, wenngleich mehrheitlich nur in beschränktem Umfang, der Mittelalterarchäologie Gastrecht gewähren. Die älteste dieser Institutionen ist die 1880 gegründete Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK), welche wichtige Publikationen, darunter die Inventarreihe »Die Kunstdenkmäler der Schweiz«, herausgibt. Im weiteren ist auf die 1907 ins Leben gerufene Schweizerische Gesellschaft für Urgeschichte hinzuweisen, die sich im Jahre 1962 fast widerwillig, hat man den Eindruck der Frühgeschichte öffnete (seither SGUF). Älter ist das 1898 in Zürich entstandene Schweizerische Landesmuseum, welches in seinen archäologischen Aktivitäten ebenfalls mehrheitlich prähistorisch orientiert ist. Die im Jahre 1927 gegründete Schweizerische Vereinigung zur Erhaltung der Burgen und Ruinen (heute Schweizerischer Burgenverein, SBV) ist die einzige landesweite Vereinigung ihrer Art, die sich praktisch ausschließlich mit mittelalterlichen Monumenten und Objekten befaßt. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in zunehmendem Maße wissenschaftlicher Methodik verpflichtet, hat der Burgenverein 19721997 unter der Präsidentschaft von Werner Meyer eine deutliche Akzentverschiebung hin zur Siedlungsarchäologie erfahren. Die vom SBV herausgegebene Reihe »Schweizer Beiträge zur Archäologie und Kulturgeschichte des Mittelalters« sowie die Zeitschrift »Mittelalter/Moyen Age/Medioevo/Temp medieval« mit dem etwas umständlichen Titel in den vier Landessprachen sind die einzigen gesamtschweizerischen Publikationsorgane, die sich ausschließlich mit Belangen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit befassen. Deren Interessen sowie jene der MittelalterarchäologInnen hierzulande werden seit 1975 von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters (SAM) wahrgenommen, die sich 1995 durch eine entsprechende Namenserweiterung zur Neuzeit hin öffnete. Bei der insgesamt nur zögerlich voranschreitenden Institutionalisierung der Mittelalterarchäologie spielten in der Schweiz privatwirtschaftlich geführte Unternehmen eine wichtige Rolle zur Ergänzung und Unterstützung der amtlichen Dienststellen. Pionier darin war das Büro Sennhauser in Zurzach, das vor allem Kirchenbauten untersuchte, sich heute jedoch in Zusammenarbeit mit dem Institut für Denkmalpflege an der ETH Zürich auf zwei Langzeitprojekte historischer Ortskataster von Zurzach und archäologische Untersuchungen im Kloster Müstair konzentriert. Auch das 1971 von Werner Stöckli in Moudon gegründete Atelier d'archéologie médiévale (AAM) gehört mit über 600 ausgeführten Projektarbeiten (Ausgrabungen und Bauuntersuchungen) davon 500 im Kanton Waadt sowie mit einer gegen 200 Titel umfassenden Publikationsliste mit zu den wissenschaftlich prägenden privatwirtschaftlichen Unternehmen im Bereich der Mittelalterarchäologie. Seit seinen Anfängen vor 30 Jahren ist dem AAM eine umfassende archäologische und baugeschichtliche Begleitung der Konservierungsarbeiten an der Kathedrale Lausanne anvertraut. Einen wesentlichen Beitrag zur Institutionalisierung der Mittelalterarchäologie in der Schweiz leistete Hans Rudolf Sennhauser mit seinem erwähnten privatwirtschaftlichen Engagement, mit seiner Lehrtätigkeit 19711996 an der Universität Zürich sowie mit seiner langjährigen Tätigkeit als Experte der EKD. Diese vielfältigen Aufgaben und die damit verbundene Arbeitsbelastung sind jedoch zugleich mit ein Grund für eines der großen Defizite der | ||||
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Mittelalterarchäologie hierzulande: nämlich daß zu einer Reihe archäologischer Untersuchungen von Denkmälern zentraler Bedeutung etwa das Basler Münster, die ehemalige Klosterkirche St. Gallen sowie die Klosteranlagen von Disentis, Mistail und Müstair - keine Grabungspublikationen vorliegen. Zu diesen wie auch zu zahlreichen anderen Untersuchungen wurden zwar summarische Ergebnisse vorgelegt, die in der Literatur vielfach schon seit Jahrzehnten kolportiert werden, doch es fehlt die Vorlage der Funde und Befunde dazu, so daß im einzelnen ein Nachvollzug und damit eine Überprüfung der Resultate nicht möglich sind. | ||||
Forschungsfelder und Themenschwerpunkte |
Neben Burgen gehörten vor allem Kirchen zu den häufigsten Untersuchungsobjekten der neu gegründeten archäologischen Dienststellen. Dies hat sich inzwischen geändert. Untersuchungen von Burganlagen und Kirchenbauten sind quantitativ deutlich in den Hintergrund getreten. Ein Vergleich der 19801983 vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern insgesamt 53 realisierten Mittelalterprojekte mit den 246 Untersuchungen in den Jahren 19951999 zeigt neben einer markanten Zunahme auf den gleichen Zeitraum umgerechnet nahezu eine Vervierfachung der Eingriffe auch eine deutliche Verlagerung und Ausweitung der Forschungsfelder. Während der prozentuale Anteil der Interventionen (Ausgrabungen und Bauuntersuchungen) im Bereich von Klöstern (6%) gleich geblieben ist, waren Untersuchungen von Kirchen (22% ' 14%), Gräberfeldern (13% ' 4%) sowie von Burganlagen (19% ' 11%) deutlich rückläufig. Ebenso deutlich zugenommen haben dagegen Interventionen in den Bereichen Stadt (8% ' 19%), Stadtsaum (0% ' 5%), ländliche Siedlungen (6% ' 14%), Gewerbe- (2% ' 14%) und Verkehrseinrichtungen (2% ' 6%). Auch zuvor wenig beachtete Objekte wie Stätten des Rechtsvollzugs oder Gartenanlagen sind Gegenstand archäologischer Untersuchungen geworden. Eine ähnliche Verschiebung und Neuausrichtung der Themenschwerpunkte sind auch in jenen anderen Kantonen festzustellen, welche der Mittelalterarchäologie einen einigermaßen angemessenen Platz einräumen. Neben städtischen sind in jüngster Zeit vermehrt auch ländliche Holzbauten bisher unter dem Begriff der Bauernhäuser eine Domäne von Volkskundlern und heimatkundlich orientierten Architekten Gegenstand von archäologischen Abklärungen geworden. Die an die jeweiligen Untersuchungen herangetragenen Fragestellungen haben Akzentverschiebungen erfahren etwa hinsichtlich von Landschaftsveränderungen, Ressourcenbeschaffung und Umweltbelastung oder auch bezüglich des sozialen Umfeldes von Funden und Befunden. Vermehrt wird Problemen handwerklicher Herstellungstechniken und -bedingungen nachgegangen sowie prozessorientierten Fragestellungen etwa im Zusammenhang mit der strukturellen Entwicklung von städtischen und ländlichen Siedlungen. Trotz nicht geringer Lücken und Versäumnisse hat die Mittelalterarchäologie in der Schweiz im ausgehenden 20. Jahrhundert eine auch von der Öffentlichkeit weitgehend anerkannte Stellung und Bedeutung erreicht, die nicht mehr ohne weiteres umgangen werden kann. Ebenso ist der Austausch mit benachbarten Geisteswissenschaften sowie mit verschiedenen Sparten der Naturwissenschaften inzwischen leidlich gut wenn auch oftmals nur punktuell oder sektoriell verankert. Wie die angeführte Neuausrichtung von Forschungsfeldern und Themenschwerpunkten zeigt, ist bei der Mittelalterarchäologie mancherorts eine Ausweitung und Verdichtung der an die Objekte herangetragenen Fragestellungen zu beobachten, welche diesen namentlich im weiteren Kontext der Sachkultur einen erhöhten Aussagewert ermöglichen. | |||
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Literaturhinweise
Bibliographie zur Schweizer Kunst und Denkmalpflege , hg. vom Institut für Denkmalpflege an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, seit 1980 (erscheint jährlich, seit kurzem auch unter www.demap-ethbib.ethz.ch abrufbar).Knoepfli, Albert: Schweizerische Denkmalpflege. Geschichte und Doktrinen (Beiträge zur Geschichte der Kunstwissenschaft in der Schweiz 1), Zürich 1972 (S. 185-191: »Archäologische Probleme: Funde, Mauern, Schichten, Monumente«). Unsere Kunstdenkmäler, Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte 38, 1987, Heft 1 (zahlreiche Beiträge zum Thema »Denkmalpflege in der Schweiz 1886-1986«). Archäologie der Schweiz, Mitteilungsblatt der Schweizerischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte 21, 1998, Heft 2 (mehrere Beiträge über gesamtschweizerische Institutionen, die sich mit archäologischen Belangen befassen). Autour de Chillon. Archéologie et restauration au début du siècle (Document du Musée cantonal d'archéologie et d'histoire), Lausanne 1998.
Dank
All jenen Kolleginnen und Kollegen an archäologischen Dienststellen, beim Atelier d'archéologie médiévale, Moudon, sowie im Institut für Denkmalpflege an der ETH Zürich, die dem Verfasser für den vorliegenden Beitrag Unterlagen, teilweise auch unpublizierte Materialien überlassen haben, möchte ich meinen herzlichen Dank aussprechen. | ||||
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Prof. Dr. Georges Descudres Lehrstuhl für Kunstgeschichte des Mittelalters, frühchristliche und mittelalterliche Archäologie Kunsthistorisches Institut der Universität Zürich, Rämistraße 73, CH-8006 Zürich www.khist.unizh.ch descoeu@khist.unizh.ch | ||||
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