Seminar für

Allgemeine Rhetorik

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HÖR-BUCH DES MONATS

Die Hörbuchauszeichnung des Seminars für Allgemeine Rhetorik

"Der Deutsche liest nicht laut, nicht für's Ohr, sondern bloß mit den Augen; er hat seine Ohren dabei in's Schubfach gelegt." Nietzsches spöttische Diagnose, seine Forderung nach einer neuen Kunst des Redens und Hörens wurden hier und da einmal aufgenommen, aber noch die ehrgeizigsten Versuche, wie sie etwa Stefan George mit seinen Jüngern unternahm, erstickten schon bald wieder in der stummen Lektüre der Bücher. Das begann sich zunächst langsam in den 80er Jahren zu ändern, und wenn man heute den Hörbuchmarkt mustert, hat man sogar schon manchmal den Eindruck, als habe sich das Lesepublikum nun gänzlich in ein Hörpublikum verwandelt. Das Angebot ist schier unübersehbar, die Zahl der Verlage nimmt ständig zu, und was immer man sucht, ob Roman oder Gedicht, Drama oder Novelle, Krimi oder Science-fiction, Kindergeschichte oder Fantasy: das Angebot umfaßt sämtliche Gattungen und Sparten.

Dank der technischen Möglichkeiten, der Entwicklung handlicher Kassettengeräte, des Walkmans, des Autoradios, können wir uns alle einen Genuß leisten, der ehemals viel kostete, weil man dafür einen Vorleser brauchte. Ein Beruf, dem auch mancher deutsche Dichter sein Auskommen verdankte: so trug Christoph Martin Wieland dem Weimarer Herzog manches Literaturstück vor, Goethe rückte später an seine Stelle, und Friedrich Maximilian Klinger wurde in dieser Funktion gar zum Großfürsten Paul, dem späteren Zaren, nach Petersburg berufen.

Ein untrügliches Zeichen für die neue Bedeutung der Erzähl- und Vortragskunst ist die Schnelligkeit, mit der auf das Buch die Hörproduktion folgt. Noch bevor ein Erfolg als Taschenbuch vermarktet wird, können wir ihn auf Kassette oder CD erwerben. Die Gefahr liegt nahe, daß die Hörbuch-Verlage bei der Auswahl ihrer Sprecher mehr auf die oberflächliche Wirkung denn auf ihre Eignung für den fraglichen Text achten. Da setzt man dann eine beliebte Fernsehkommissarin vors Mikrofon und läßt sie Agatha Christie lesen. Noch versagen die Waffen der Kritik viel zu oft vor der stimmlichen Resonanz des Buches, denn wir sind, wie Nietzsche sagte, "kurzatmig in jedem Sinne" geworden.

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DieHörbuchauszeichnung des Seminars für Allgemeine Rhetorik wird seit August 1999 jeden Monat an ein Hörbuch verliehen, das die Aufmerksamkeit des Publikums verdient. Ausgewählt werden Titel, die inhaltlich Akzente setzen, in der sprecherischen Leistung und in der technischen Realisierung aus dem Gros des Angebots herausragen. Damit wendet sich das Seminar für Allgemeine Rhetorik einem Bereich des Literaturmarktes zu, der nur eine historische Modifikation bekannter rhetorischer Praktiken darstellt, um auf diese Weise die Kritik des gesprochenen Wortes anzuspornen.

Jury: Prof. Dr. Gert Ueding, Prof. Dr. Joachim Knape, Peter Weit, Boris Kositzke, Olaf Kramer 


Webmaster: Olaf Kramer, Seminar für Allgemeine Rhetorik, Universität Tübingen, Stand: 29.01.01