Der Leserbrief als rhetorische
Praxis
Der Leserbrief ist eine
Form der öffentlichen Meinungsäußerung in den entsprechenden Rubriken
von Tageszeitungen oder Zeitschriften. Verfaßt von einer Einzelperson
oder einer Gruppe, will er zu einem Bericht, einer Reportage, einer
Nachricht, einem Kommentar oder zu einem anderen Leserbrief innerhalb
desselben Printmediums Stellung nehmen, widersprechen, zustimmen, ergänzen.
Obwohl er wesentliche Kriterien der Textsorte des Briefes erfüllt, wie z.
B. die räumliche und zeitliche Distanz zwischen Schreiber und Leser, ist
er eher monologisch ausgerichtet und bezieht die Möglichkeit eines
Briefwechsels nicht mit ein. Deshalb wird in der Literatur oft von
Leserzuschrift statt von Leserbrief gesprochen.
Aufbau
des Leserbriefs
Der Leserbrief ist der informativen und
appellierenden Textsorte zuzurechnen und bedient sich eines argumentativen
Aufbaus. Er kann so als schriftliches Pendant zur Meinungsrede
gesehen werden. Der Bezugspunkt zum Brief wird in einer
ersten Überschrift genannt, darauf folgt der Titel des Briefes (oft durch
die redaktionelle Bearbeitung in Form eines markanten Zitates aus dem
Brief selbst). Für die Argumentation ist aufgrund der erforderlichen Kürze
des Leserbriefes und analog zur Meinungsrede eine Folge von drei bis höchstens
fünf Argumenten ratsam. Am Schluß soll die eigene Meinung in einem
zusammenfassenden Satz noch einmal pointiert werden. Der Redakteur
gestaltet den Leserbrief formal durch Kürzung und Bearbeitung für seine
Zeitung mit. Ihm obliegt auch die Entscheidung, welcher Leserbrief veröffentlicht
wird.
Leserbriefe als argumentative Übung
Leserbriefe eignen sich wegen ihrer Kürze besonders
gut für schriftliche Argumentationsübungen im Unterricht. Sie bieten
dabei Stoff für Analyse und selbständiges Verfassen. Cicero sagt über
die rhetorische Ausbildung durch schriftliche und mündliche Übung (exercitatio):
Der Griffel ist der beste Urheber und Lehrmeister für die Rede. [...]
Wer von der Übung im Schreiben zum Reden kommt, bringt auch die Fähigkeit
mit, daß, selbst wenn er aus dem Stegreif spricht, das, was er sagt, wie
ein schriftlich formulierter Text aussieht. (Cicero, Marcus Tullius: De Oratore. Über
den Redner. Übers. u. hrsg. von Harald Merklin. 3., bibliographisch erg.
Aufl. Stuttgart 1997. 1, 150 u. 152.)
Literaturhinweise:
Liefert Beispiele zur Fragestellung Was können
Leserbriefe leisten?
Im Kapitel 2 Texte als Ausdrucksformen von
Mustern: Funktionen und Strukturen von Leserbriefen wird das Textmuster
Leserbrief nach formalen Kriterien untersucht; in Kapitel 3 geht der Autor
auf den größeren Zusammenhang des Leserbriefs innerhalb der Zeitung oder
Zeitschrift ein und untersucht weiterhin soziale Strukturen.
-
Wenzel, Susanne: Sexuelle
Fragen und Probleme Jugendlicher in der Zeitschrift Bravo (1968
1987). Frankfurt am Main 1990.
-
Windisch, Uli: Der verbale K.O.: Die konfliktäre
Kommunikation am Beispiel von Leserbriefen. Zürich 1993.
Enthält einige Beispiele von Leserbriefen zu
brisanten Diskussionen in Frankreich.
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