Sprechübungen im praktischen
Rhetorikunterricht
Die Sprechweise eines Redners ist wichtiger
Bestandteil seiner Rednerpersönlichkeit (Rednerethos) und hat Wirkung auf
das Publikum. Generell sollte der Vortragende verständlich und in
angemessenem Tempo sprechen. Doch Rhetorikunterricht ist nicht
Sprecherziehung.
So kann es nicht Sinn von Sprechübungen sein,
Dialektfärbungen wegtrainieren zu wollen. Denn aus rhetorischer
Sicht kann es, je nach aptum (vgl. auch Rhetorische
Grundprinzipien), kommunikationsstrategisch klug sein, Dialekt zu sprechen. Doch sollte jeder Redner außer über
seine Dialektsprache auch über die schriftdeutsche Sprache verfügen, um
von Fall zu Fall die beste Entscheidung nach Angemessenheit treffen zu können.
Im übrigen kann Dialektfärbung zur Persönlichkeit eines Menschen und
damit auch zu seinem Rednerethos gehören..
Übungsmöglichkeiten
In den Bereich der Sprechübungen gehören die
Sprechbildung (Atemschulung, Stimmbildung und
Lautbildung) und die Sprechleistung (Ausspruch, Lesen, freies
Sprechen). Wichtige Voraussetzungen für die Übungen sind die Bauchatmung
und eine entspannte aufrechte Körperhaltung. Die Aussprache kann in ihrem
stimmlich und artikulatorisch klaren Ausdruck auf einfache (und durchaus
amüsante) Weise mit Zungenbrecherversen trainiert werden, z. B. Wir
Wiener Waschweiber wollten weiße Wäsche waschen, wenn wir wüßten, wo
warmes Wasser wär.
Sogenannte "Sprechdenkübungen" (Klaus
Roß) machen
den Zusammenhang zwischen Sinngehalt, Sprachgestalt und Redeabsicht bewußt
und schulen die Ausdrucksfähigkeit: Zu einem weiten Begriff (z.B. Welt, Licht) soll in fünf
Sätzen ein sinnvoller Kurzaufsatz formuliert werden, der vorgetragen und
von Lehrer und Mitschülern u. a. auf den Sinngehalt geprüft wird.
Auch das Vorlesen bekannter oder unbekannter
Prosatexte und Gedichte eignet sich im Unterricht gut als Sprechübung (s.
Eberhard Ockel und Christina Zacharias, Bibliographie) und darüber hinaus
für die Zuhörer als Konzentrations- und Hörverständnisübung.
Regelmäßige Sprechübungen können neben ihrem
Trainingseffekt zum Beginn einer Unterrichtsstunde helfen, Lampenfieber
und Sprechangst beispielsweise vor einem Übungsvortrag/einer Übungsrede
abzubauen. Der kleine Hey ist sowohl fürs Selbststudium als auch für
regelmäßiges kapitelweises Training im Unterricht geeignet.
Literaturhinweise:
-
Clauss, Elke-Maria und Licher, Lucia M.: Praktische
Rhetorik für Studierende. München, Wien, Oldenburg 1997.
Das dritte Kapitel (S. 91 - 189) enthält einprägsame
und wertvolle Tips nicht nur zur Sprechweise, sondern auch zur körperlichen
Erscheinung und zum situationsbedingten Gesprächs- und Vortragsverhalten.
-
Fey, Gudrun: Selbstsicher reden selbstbewußt
handeln. Rhetorik für Frauen. Berlin, Bonn, Regensburg 1993.
Fey informiert über sinnvolle und unsinnige Normen, gibt Tips zur richtigen
Einstellung.
Mit diesem dünnen Buch trainieren Schauspielschüler
noch heute. Es kann sowohl für das Selbststudium verwendet als auch in
Kapiteln und Übungen in den Unterricht integriert werden.
Neben dem Kleinen Hey eines der Standardwerke
der Sprecherziehung mit systematischen
Übungen zur Atmung, Stimme, Lautbildung und Sprechleistung
(Aussprache, Lesen, freies Sprechen).
Spezielle Forschungsliteratur, das Kapitel Bewertungskriterien für den Stimm- und Sprechausdruck
(S. 67 - 73) informiert über bestimmte Normen.
Der Aufsatz Kann man Vorlesen lernen/lehren?
(S. 83-93) bietet das Vorlesen als allgemeine
Übung zur Verbesserung der Ausdrucksmöglichkeiten, des Textverständnisses,
der Artikulation, Intonation und Stimmerfahrung an.
Umfangreicher Anhang mit gezielten Übungen und
Prosatexten.
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