Kriterienkatalog
Mit diesem Katalog möchten wir die wichtigsten Kriterien
aufzeigen, die ein guter Redner erfüllen muß. Der Katalog ist für den
Gebrauch in der Klasse bestimmt. Er ermöglicht es dem Lehrer, (eventuell
gemeinsam mit den Schülern), die Leistung eines Schülers beim Vortrag
einer Rede zu beurteilen. Der Nachteil vieler Kriterienkataloge liegt darin, daß sich der Lehrer oft
so sehr darauf konzentrieren muß, der Tabelle zu
folgen, während er die Rede hört, daß er gar nicht mehr die Möglichkeit
hat, die Leistung des Schülers auf individueller Grundlage zu beurteilen.
Um dieses Problem zu vermeiden, haben wir die wichtigsten Kriterien mit
Hilfe von Stichworten aus dem System der Rhetorik formuliert und dabei Fragen
entwickelt, die sich auf größere Zusammenhänge beziehen.
Unser
Kriterienkatalog eignet sich am besten dafür, im Plenum der Klasse
durchgenommen bzw. vom Lehrer behandelt zu werden, bevor die Schüler ihre
Reden halten. Selbstverständlich könnte man noch mehr
Kriterien als die hier formulierten in einen solchen Katalog aufnehmen,
auch sind einige unserer Kriterien in bestimmten Situationen
überflüssig, zum Beispiel dann, wenn es nur um die Bewertung kurze Appelle oder
"Statements" geht.
Kriterien
für die Rednerleistung:
I.
Redeteile (partes orationis)
Man muß sich
fragen, worüber, zu wem, für wen, gegen wen, wann, wo, unter welchen
äußeren Umständen, in welcher Atmosphäre und mit welcher Absicht wir
reden; mit welchem Punkt wir beginnen sollen, wird uns die Natur lehren
(Quint. IV 1,52).
| Anrede |
Ist die Begrüßung des Publikums angemessen? |
| Attentum
parare |
Wird die
Aufmerksamkeit des Publikums erlangt? |
| Captatio benevolentiae |
Wird Sympathie und Glaubwürdigkeit geweckt? |
| Brevitas |
Ist die Länge der Einleitung angemessen? |
| Abgrenzung |
Wird
die Einleitung vom Hauptteil klar abgegrenzt? |
Die Erzählung ist eine
Darlegung des Sachverhalts. Sie soll die Hintergrundmaterialien für die
Beweisführung und die Beurteilung des Tatbestands liefern.
| Propositio |
Wird das Thema der Rede anschaulich dargestellt? |
| Perspicuitas |
Ist der narrative Teil verständlich? |
| Credibilis
|
Ist der Redner glaubwürdig? |
| Länge |
Ist die Länge der Erzählung angemessen? |
An die Sachschilderung schließt
sich die Argumentation oder Beweisführung als zweiter Hauptteil an. Die
argumentatio ist unterteilt in probatio (die Bekräftigung der eigenen
Ansichten) und in refutatio (die Widerlegung der Ansichten des Gegners).
| Qualität der Beweisführung |
| Aptum |
Sind die Argumente sinnvoll und wirkungsvoll? |
|
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| Eikos |
Sind sie nachvollziehbar? |
| Credibilitas |
Sind sie glaubwürdig? |
| Logik |
Sind die Argumente logisch und stimmig?
|
| Ordo |
Ist die Reihenfolge der Argumente wirkungsvoll? |
| Refutatio |
Werden Gegenargumente erwähnt?
Werden sie überzeugend widerlegt? |
|
Qualität
der Beispiele (exempla)
|
| Aptum |
Sind die Beispiele sinnvoll und wirkungsvoll? |
| Eikos |
Sind die Beispiele nachvollziehbar? |
| Wirkung
|
Sind sie wirkungsvoll als Beleg, Argument, Argument-Ersatz,
Illustration?
|
Nachdem der
Redner das Schiff seiner Rede vorsichtig durch schwierige Gewässer
gesteuert hat, kann er nun volle Segel setzen und sich einer tönenden
Sprache und glänzenden Formulierungen hingeben. Jetzt kann er sich freien
Lauf lassen und die Zuhörer erheben und mitreißen. (Quint. VI 1,51)
| Recapitulatio
|
Wird die zentrale Botschaft schlüssig
zusammengefaßt? |
| Affekterregung |
Wird das Publikum in die richtige Stimmung gebracht (Appell) |
II. Sprache
Wenn man
herausgefunden hat, was man sagen und wo man es sagen will, kommt das
wichtigste, herauszufinden, wie man es sagen will. (Cic. orat. 51)
| Aptum |
Ist die Sprache an Gattung, Situation, Thema und Publikum
angepaßt? |
| Perspicuitas
|
Ist die Sprache anschaulich? |
| Ornatus
|
Unterstützender Einsatz von Ironie, Redewendungen, Stilmitteln? |
| Emendatio
|
Grammatikalische und sprachliche Korrektheit? |
| Stil |
Dem Thema und der Redegattung entsprechend (persönlich,
formell)? |
| Mündlichkeit |
Mündliche Sprache? |
| Fachtermini |
Passend zum Thema und Publikum? |
| Themenwechsel
|
Sind die Übergänge fließend? |
| Syntax
|
Angemessene Länge der Sätze? |
III.
Vortrag der Rede (pronuntiatio, actio)
Der äußere Vortrag, sage ich,
hat in der Beredsamkeit die größte Macht. Ohne ihn kann der größte
Redner in keinen Betracht kommen, mit ihm ausgerüstet der mittelmäßige
oft über den größten siegen. (Cic. de or. 3,56,213).
|
Stimme
|
| Lautstärke |
Gut verständlich und angenehm? |
| Stimmlage |
Trägt sie zur Verständlichkeit bei? |
| Variation |
Wird die Tonlage dem Thema entsprechend variiert? |
| Rhythmus |
Ist der Sprechrhythmus harmonisch? |
| Stil |
Ungezwungen und lebendig? |
| Aussprache |
Deutlich und flüssig? |
| Pausen
|
Ist die Länge an Inhalt und Situation angepasst?
|
| Tempo |
Kann man dem Tempo gut folgen ohne zu stocken? |
| Stimmvolumen |
Ist das Stimmvolumen einer Rede angemessen? |
| Betonung |
Wirkungsvoll? |
| Klang |
Angenehm? |
| Füllwörter/-laute |
Werden Füllwörter/-laute vermieden? |
| Dialekt |
Für
Situation, Thema und Publikum angemessen? |
|
Körpersprache
(Mimik und Gestik)
|
| Aptum |
An den Redeinhalt
angepaßt? |
|
Dem Redner angemessen |
|
Dem Inhalt angemessen? |
|
Der Situation angemessen?
|
|
An das Publikum angepaßt? |
| Variation
|
Variation der Körpersprache? |
| Übereinstimmung |
Ist das Verhältnis zwischen Stimme, Mimik und Gestik ausgewogen? |
|
Position
im Raum
|
| Bewegung
im Raum |
Zweckmäßig? |
| Stand
im Raum
|
Sicherer Stand? |
| Günstige
Position |
Position für das Publikum günstig? |
|
Nähe
zum Publikum
|
| Blickkontakt |
An das ganze Publikum gerichtet? |
| Anrede |
Wird das Publikum direkt angesprochen? |
| Publikumskontakt |
Interaktion mit dem Publikum? |
|
Technische
Hilfsmittel und Requisiten
|
| Technische
Hilfsmittel |
Sicherer Umgang mit den Hilfsmitteln? |
|
Ist der Einsatz von technischen Hilfsmittel sinnvoll? |
|
Werden sie zu viel benutzt? |
| Stichwortzettel |
Sicherer Umgang? |
| Manuskript
|
Wird das Manuskript bewußt als stilistisches Mittel einbezogen? |
| Rednerpult,
Stift o.ä.
|
Werden sie als stilistische und stützende Mittel einbezogen? |
IV.
Gesamtwirkung der Rede
Die Hauptfrage muß lauten: Ist
das Verhältnis zwischen Wort, Sache, Ausdruck und
Inhalt ausgewogen? Weitere Anhaltspunkte für die Bewertung der
Gesamtwirkung sind:
-
Ist
die Rede überzeugend?
-
Ist
sie glaubwürdig?
-
Ist
sie interessant?
-
Ist
sie leicht zu verstehen?
-
Wirkt
der Vortrag natürlich?
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