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Was
ist Rhetorik?
Definition
Unter dem Begriff Rhetorik faßt man die
Theorie und Praxis der menschlichen Beredsamkeit in allen öffentlichen
und privaten Angelegenheiten zusammen, ob sie in mündlicher,
schriftlicher oder durch die technischen Medien
vermittelter Form auftritt.
Grundlegende
Konzepte der Rhetorik
Schon in der Antike verstand man unter rhêtoriké
(griech.) oder rhetorica (lat.) nicht nur die Kunst der mündlich
vorgetragenen Rede; auch alle Arten der
Kunstprosa, wie Brief oder Reisebeschreibung, Lehrgespräch oder
Historiographie, galten als rhetorische Äußerungen, die nach der selben
Methode hergestellt wurden, denselben Regeln unterworfen waren und daher
ein rhetorisch geschultes Urteilsvermögen (iudicium) verlangten.
Als
wissenschaftliche und hermeneutische Disziplin (rhetorica docens) beschäftigt
sich die Rhetorik mit der Analyse und Interpretation sprachlicher oder der
Sprache analoger Kommunikation, die
wirkungsorientiert, also auf die Überzeugung des Adressaten hin
ausgerichtet ist (persuasive Kommunikation) und in ästhetisch
anspruchsvoller oder nur sachlich argumentierender Form auftritt. Von
dieser Grundlage aus hat sie nicht nur alle literarischen Gattungen,
sondern auch die anderen Künste stark beeinflußt und deren Theorie
mitbestimmt, das gilt für Musik und Malerei ebenso wie für die
Architektur. Die Horazsche ut pictura poesis-Formel wurde in ihrer
Umkehrung (ut poesis pictura) zur Abbreviatur einer Rhetorik des
Bildes, die sich schon auf Simonides von Keos berufen konnte, der um 500
v. Chr. die Malerei als stumme Poesie und die Poesie als redende Malerei
bestimmt hatte. Auf dem wirkungsorientierten, überzeugenden Einsatz
nichtsprachlicher Zeichen beruht auch die gesellschaftliche
Beredsamkeit (A. v. Knigge), die mit Gestik und Mimik in engem Verhältnis
steht, sowie die Dramaturgie der Requisiten auf dem Theater und die
Schauspielertheorie und -ausbildung.
Die Rhetorik ist eine Erfahrungswissenschaft, denn
man kann die Ursache untersuchen, weshalb die einen Erfolg erzielen
aufgrund der Gewohnheit, die anderen durch Zufall; alle möchten aber wohl
zugeben, daß etwas Derartiges bereits Aufgabe einer Theorie ist
(Aristoteles, Rhetorik 1354a; I, 1, 2). Sie bedient sich der
kontrollierten und empirisch nachweisbaren Beobachtung rhetorischer
Sprechakte und versucht die Geltung der aus ihr gewonnenen Erkenntnisse
durch historische Rekonstruktion und die Bildung von Hypothesen über die
Systematik und die Regeln rhetorischen Sprechens zu sichern (Allgemeine
Rhetorik).
Rhetorik als praktische Sozialtechnologie (Angewandte Rhetorik)
widmet sich der Ausbildung, Übung und Vervollkommnung
wirkungsorientierten Sprechens und Verhaltens (Körpersprache, Gesprächshaltung)
und benutzt dazu das historisch entstandene System der Regeln, Anleitungen
und Gewohnheiten, die anwendungsbezogen von der Allgemeinen Rhetorik
entwickelt und formuliert worden sind. Sie bedient sich dabei auch der
Einsichten und Ergebnisse der Sprecherziehung und Sprechwissenschaft, die
traditionell einen Teil der Rhetorik und der rhetorischen Erziehung
darstellen und die mündliche Realisierung der Rede durch Sprechen sowie
ihre mimische und gestische Darstellung zum Gegenstand haben.
Grundprinzipien
der Ausbildung des Redners
Die rhetorische Erziehung ist ein Produkt der
griechischen Überzeugung, daß Kunst und Tugend lehrbar seien, und
richtet sich an den ganzen Menschen, an seine intellektuelle, emotionale
und ethische Natur. Ihre theoretischen Voraussetzungen fußen auf der
anthropologischen Annahme von der Redefähigkeit als einer allgemein
menschlichen Naturanlage (natura), deren Fehlen nicht häufiger ist als
durch natürliche Mißgestalt und Mißbildung gezeichnete Körper (Quintilian,
Ausbildung des Redners, I, 1, 2). Als natürliche Voraussetzungen des
Redners, die durch keine Kunst lehrbar sind, betrachtete Cicero eine
bewegliche Zunge, eine klangvolle Stimme, eine starke Brust, Leibeskräfte
und eine starke Bildung und Gestaltung des Gesichtes und Körpers
[...];das Gemüt und der Geist müssen eine schnelle Beweglichkeit
besitzen, so daß sie in der Erfindung Scharfsinn und in der Entwicklung
und Ausschmückung Reichhaltigkeit zeigen und das dem Gedächtnis
Anvertraute fest und treu behalten. Und sollte jemand meinen, diese
Eigenschaften könnten durch Kunst erlangt werden das ist aber
falsch (Cicero, De oratore, 1, 113f.).
Kunst und Wissen (ars, doctrina)
müssen notwendig hinzukommen, damit durch Erfahrung und Übung (exercitatio)
die natürliche Rede- und Kommunikationsfähigkeit vervollkommnet werden
kann.
Das regulative Ideal der rhetorischen Ausbildung ist nach Cato der
vir bonus dicendi peritus, ein Ehrenmann, der die Kunst der Rede
beherrscht, und seine Erziehung bedeutet daher auch Charakterbildung, die
schon früh in der Kindheit ansetzen muß und durch Gewöhnung an das Gute
und Rechte sowie durch die Kenntnis der Moralphilosophie erreicht wird.
Quintilian läßt die Erziehung als erster konsequenterweise schon im
Kleinkindalter beginnen und hat damit die Grundlage für die Dominanz des
rhetorischen Bildungssystems in der europäischen Pädagogik gelegt, die
erst im 18. Jahrhundert in Frage gestellt wurde.
Der rhetorische
Unterricht besteht in der Aneignung des rhetorischen Wissens (doctrina,
praecepta), der Nachahmung exemplarischer Vorbilder (imitatio) mit dem
Ziel, sie zu übertreffen (aemulatio), und der praktischen Einübung (declamatio).
Die Reden über einen fingierten Rechtsfall (controversiae) und die ebenso
fiktiven politischen Beratungsreden (suasoriae) verloren aber ihren propädeutischen
Charakter, als sich die Rhetorik im Hellenismus und später wieder nach
dem Untergang der römischen Republik ganz in die Schulen zurückzog; die
Deklamationen verwandelten sich in bloße rhetorisch-ästhetische Kunstübungen,
die auch zur öffentlichen Aufführung kamen. Solche Verfallszeiten der
Beredsamkeit, die für ihre Kritiker wie Tacitus nur eine corrupta
eloquentia hervorbringen konnten, erwiesen sich freilich für die
Allianz von Dichtung und Rede, Rhetorik und Ästhetik als besonders
fruchtbar.
Der perfectus orator bedarf aber nicht nur der
rhetorischen Fertigkeiten, sondern erlangt seine wahre Bildung durch den
Erwerb eines umfangreichen Wissens, das in einem Kanon von Lehrgegenständen
(enkyklios paideía) zusammengefaßt wurde: die Vollendung aller
Wissenschaften, bestehend aus Grammatik, Rhetorik, der Philosophie [...]
und den vier ihr untergeordneten Künsten, der Arithmetik, der Musik und
der Geometrie und der am Himmel schreitenden Astronomie selbst
(Johannes Tzetzes, Historiarum variarum chiliades XI, 377, 526ff.).
Septem
artes liberales
Die
vom Redner erwartete Allgemeinbildung gründet sich auf den sieben freien
Künsten (septem artes liberales), die sich aus den Fächern des Triviums
und Quadriviums zusammensetzen. Die Aneignung der wesentlichen Teile des
gesamten Bildungsguts versetzt den Redner erst in den Vollbesitz der
Einsicht und Gelehrsamkeit (Cicero, De oratore, 3, 122) und dies
auf jedem Forum: vor Gericht, vor der Volksversammlung, vor der
Festgesellschaft.
Redegattungen
Drei Redegattungen haben die antiken Rhetoriker
unterschieden:
-
die Gerichtsrede (genus iudiciale)
-
die politische Rede (genus deliberativum)
-
die Fest- oder Prunkrede (genus demonstrativum).
Jede
Rede ist entscheidungs- und handlungsbezogen, ob der Gegenstand
zweifelhaft ist, weil eine Tat in der Vergangenheit ungeklärt blieb, oder
ob man deshalb nicht sicher sein kann, weil erst die Zukunft das Richtige
oder Falsche erweisen wird, jedesmal bemüht sich der Redner, im Sinne
seiner eingestandenermaßen parteilichen Einsicht, den Streitfall zur
Entscheidung zu bringen. Das gilt, wenn auch abgeschwächt, selbst für
die dritte Redegattung, die als Lob- oder Tadelrede sich zwar auf einen
allgemeinen Konsens oder Dissens bezieht, aber ebenfalls verstärkend,
abschwächend oder relativierend wirken kann, so daß sich das Publikum
zur Einstellungsveränderung oder zur Bestätigung seiner Meinung geführt
sieht. Auch zur ästhetischen Beurteilung der rhetorischen Demonstration
selber kann sich der Adressat der Festrede aufgerufen fühlen, so daß
seine Entscheidung jetzt über die Kunstfertigkeit des Redners ergeht.
Unter dem Einfluß des Christentums entstand als vierte Redegattung die
geistliche Rede oder Predigt (genus praedicandi), die die christliche
Botschaft an Gläubige und Ungläubige zu verkünden und sich mit dem
Glaubenszweifel auseinanderzusetzen hatte.
Vertretbarkeitsgrade
Ganz
aristotelisch ist der Zuhörer [...] richtunggebend (Rhetorik 1358b; I,
3), wenn es darum geht den Grad anzugeben, in dem ein
Thema oder Problem vom Adressaten akzeptiert wird:
-
trifft der
Redegegenstand auf keinen inneren Widerstand, spricht man vom genus
honestum
-
gilt es zunächst, die Interesselosigkeit am Thema zu überwinden,
hat man sich mit dem genus humile auseinanderzusetzen
-
ist der Gegenstand
ungewiß, doppelköpfig, so daß
sich das Publikum unentschieden zeigt, liegt ein genus dubium
anceps vor
-
schockierende Fragen gehören zum genus
admirabile
-
und schwer
durchschaubare Probleme fallen unter das genus obscurum, das eine
besondere rednerische Kunstfertigkeit verlangt.
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