Seminar für

Allgemeine Rhetorik

Home
 
Was ist Rhetorik?
 
Rhetorik-Studium
Vorlesungsverzeichnis
Lehrende
 
Projekte
Rhetorik multimedial
 
Rede des Jahres
Hörbuch des Monats
 
Rhetorik im Internet
 
Kontakt
 
 

 

Projekte: Virtuelles Rhetoriklehrbuch

Vorwort   Was ist Rhetorik?   Theorie und Geschichte: Arbeitsstadien   Redepraxis und Redeanalyse

 

Arbeitsstadien (partes artis)

 

 

Mit den Arbeitsstadien der Rede sind deren einzelne Stufen der Produktion gemeint - von der Idee bis zum fertigen Vortrag. Seit der Antike wird den Arbeitsstadien ein fünfgliedriges Schema zugrunde gelegt: 

 

1. Erfinden und Auffinden des Stoffes (inventio)

 

In diesem ersten Arbeitsschritt geht es um das Auffinden der Ideen und die Beschaffung von Informationen, die sich aus dem Thema selbst oder aus den an ein Thema gerichteten Fragestellungen ergeben (vgl auch Topik und Argumentation).

 

2. Anordnung des gefundenen Materials (dispositio)

 

In diesem Stadium gilt es, das gefundene Material der Sachlage und Wirkungsintention einer Rede angemessen zu ordnen (vgl. auch Redeaufbau). Die beiden grundlegenden Schemata, nach denen hier verfahren werden kann, sind: 

  • Die natürliche Ordnung (ordo naturalis); sie ergibt sich aus dem Thema selbst und umfaßt: Einleitung, Hauptteil (Themenvorstellung), Argumentation, Zusammenfassung, Schluß.

  • Die künstliche Ordnung (ordo artificialis); sie entsteht durch die Abweichung von der natürlichen Reihenfolge, entweder durch Vertauschung oder Auslassung.

 

3. Sprachliche Ausarbeitung / Sprachlicher Ausdruck (elocutio)

 

Die aufgefundenen und angeordneten Gegenstände (res) sollen nun in angemessener Weise mit Worten (verba) beschrieben, präzisiert, ausgeschmückt werden (vgl auch Figurenlehre). Da Wirkung und Erfolg einer Rede wesentlich vom sprachlichen Ausdruck abhängen, sind die sprachlichen Tugenden (virtutes elocutionis) eng mit der rhetorischen Ethik verknüpft. Diese Tugenden umfassen: die grammatikalische Sprachrichtigkeit (puritas), die Deutlichkeit (perspicuitas) sowie die innere und äußere Angemessenheit (aptum).

 

4. Einprägen der Rede (memoria)

 

Der Redner geht in diesem Stadium der Redevorbereitung daran, sich seinen zuvor formulierten Text so einzuprägen, daß er während seines Vortrages das Thema sicher und überzeugend präsentieren kann. Dazu sind seit der Antike verschiedenste memoria-Techniken entwickelt worden, die das Einprägen der Rede erleichtern sollen.

 

5. Vortrag und körperliche Beredsamkeit (pronuntiatio und actio)

 

In der Geschichte der Rhetorik unterschied man vielfach zwischen mündlichem Vortrag (pronuntiatio) und körperlicher Beredsamkeit (actio). Heute wird mit der actio der gesamte Bereich der Redepraxis umschrieben: Stimme (vox), Mimik, Gestik, Körperhaltung.

 

 

Literaturhinweise:

 

  • Clauss, Elke-Maria/Licher, Lucia: Praktische Rhetorik für Studierende. München, Wien und Oldenburg 1997, S. 145 163.

Ausgerichtet am universitären Sprachgebrauch, handeln die Autorinnen die Arbeitsstadien der Rede sehr praxisorientiert an der Vorbereitung von Referaten und Fachvorträgen ab.

  • Fey, Gudrun: Selbstsicher reden. Selbstbewußt handeln. Rhetorik für Frauen. Berlin; Bonn und Regensburg 1993, S. 105 - 163.

In diesem Buch finden sich viele praktische Tips zu den einzelnen Arbeitsstadien. Die jeweiligen Arbeitsschritte werden nochmals reflektiert, und es wird auf möglicherweise auftretende Probleme bei der Redevorbereitung eingegangen.

  • Groddeck, Wolfram: Reden über Rhetorik. Zu einer Stilistik des Lesens. Basel und Frankfurt a.M. 1995, S. 110 114.

Groddeck setzt sich kritisch mit den aus der Antike überlieferten Arbeitsstadien auseinander, indem er einzelne Begriffe nochmals kritisch befragt und zu präzisieren versucht.

  • Spang, Kurt: Rede. Bamberg 1987. 

Nicht nur die einzelnen Arbeitsstadien werden vorgestellt, sondern der Autor versucht überdies die Verbindungen zwischen den einzelnen Schritten aufzuzeigen. Dabei greift er auf antike Autoren (Cicero, Quintilian) zurück.

  • Verstehen und Gestalten 6. Deutsches Sprachbuch für Gymnasien. Sprache und Literatur. S. 95 - 101. München 1985.

Die einzelnen Arbeitsschritte sind hier nochmals kurz erläutert. Siehe hierzu insbesondere den Teil zur Stoffsammlung (inventio) und Anordnung (dispositio). In graphisch übersichtlich gestalteten Schemata werden außerdem differenzierte Gliederungsmöglichkeiten aufgezeigt.

 

weiter zu:


Webmaster: Olaf Kramer, Seminar für Allgemeine Rhetorik, Universität Tübingen, Stand: 03.09.01