Seminar für

Allgemeine Rhetorik

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Projekte: Virtuelles Rhetoriklehrbuch

Vorwort   Was ist Rhetorik?   Theorie und Geschichte: Figurenlehre   Redepraxis und Redeanalyse

 

Figurenlehre 

 

 

Figuren dienen der schmuckvollen und abwechslungsreichen Ausdrucksweise in Texten und Reden, indem sie von der einfachen sprachlichen Formulierung abweichen: Rhetorische Figuren sind im weitesten Sinne: Abweichungen von der geraden, glatten und flachen Ausdrucksweise, Abweichungen von der einfachen Stellung und Ordnung der Worte, Abweichungen vom gewohnten Ausdruck, Abweichungen von der Ruhelage der Vorstellungs- und Mitteilungsweise überhaupt. (Ueding, Gert/Steinbrink, Bernd: Grundriß der Rhetorik. Geschichte Technik Methode. 3. Auflg. Stuttgart 1994. S. 299.)

 

Bestimmung und Zuordnung von Figuren

 

Bei der Bestimmung und Zuordnung der Figuren ist der jeweilige Kontext, in dem sie stehen, zu beachten: 

  • um welche Text- oder Redegattung handelt es sich?

  • in welcher Beziehung zur Wirkungsintention eines Textes oder einer Rede stehen die Figuren?

  • in welcher Beziehung zum Gesamttext stehen die einzelnen Figuren?

Folgende Figuren können unterschieden werden: 

 

  • Steigerungsfiguren (amplificatio)

  • Wortfiguren (figurae verborum)

  • Gedanken- bzw. Sinnfiguren (figurae sententiae)

  • Wortfügungen (compositio)

Wichtig zu bemerken ist, daß es eine einheitliche Figurenlehre nicht gibt. Denn abhängig von den wechselnden politischen, sozialen und kulturellen Verhältnissen gibt es im Laufe der Rhetorikgeschichte immer neue Versuche, die Figuren zu klassifizieren und zu katalogisieren.

 

Tropen 

 

Durch die Jahrhunderte hindurch aber spielen die Tropen eine zentrale Rolle in der rhetorischen Figurenlehre. Bei den Tropen handelt es sich um Ausdrücke und Formulierungen, die in übertragenem Wortsinn an die Stelle der eigentlichen Bezeichnung (verbum proprium) treten, man spricht vom verbum translatum. Tropen bringen   Abwechslung in die Sprache und steigern den Affekthaltigkeit eines Textes oder einer Rede. 

 

Fünf Hauptformen der Übertragung lassen sich unterscheiden: 

  • Ein Wort wird durch ein anderes, gleichbedeutendes Wort ersetzt: Synonym (synonymum).

  • Der eigentliche Ausdruck kann durch das, was sich zu diesem analog verhält, ersetzt werden:  Metapher (translatio).

  • Ein Wort wird durch ein anderes Wort mit konträrer Bedeutung ersetzt: Ironie (dissimulatio).

  • Mehrere Wörter werden an die Stelle eines Einzelwortes gesetzt: Umschreibung (periphrase)

  • Mehrere Wörter treten an die Stelle einer Wortgruppe: Allegorie (inversio). Durch die Allegorie wird eine Idee, ein Gedanke oder eine Gedankenreihe sprachlich ins Bild gesetzt.

Aristoteles zufolge, der die Tropen insgesamt als metaphora bezeichnet hat, können drei  Grundarten nach ihrer Bedeutungsbeziehung (semantische Relation) des Eingesetzen zum Ersetzten unterschieden werden:

  • Das Allgemeinere (Gattung) wird für das Speziellere (Art) eingesetzt. 

  • Das Speziellere (Art) wird für das Allgemeinere (Gattung) eingesetzt.

  • Das Spezielle (Art) wird durch ein anderes Spezielles (Art) ersetzt, das aus demselben Bereich des Allgemeineren (Gattung) stammt.

 

 

Literaturhinweise:

 

  • Geißner, Hellmut: Rhetorik. München 1973.

Durch die alphabetische Anordnung der Figuren ist zwar ein schnelles Auffinden möglich, sofern man weiß, um welche Figur es sich bei der sprachlichen Formulierung handelt; die übergeordneten Zuordnungen zu Figurengruppen fehlen aber.

  • Groddeck, Wolfram: Reden über Rhetorik. Zu einer Stilistik des Lesens. Basel und Frankfurt a.M. 1995.

Die Figuren werden in diesem Buch sehr ausführlich dargestellt. Allerdings wird eine exakte Bestimmung einzelner Figuren durch differenziertes Zuordnen zu übergeordneten Wortgruppen dadurch erschwert, daß der Autor sie teils gemeinsam bespricht, teils an anderer Stelle im Text auf bereits besprochene Figuren zurückkommt. Die Wortfiguren sind unvollständig. Die Tropen werden für den Schulunterricht beinahe zu ausführlich besprochen.

  • Pabst-Weinschenk, Marita. Reden im Studium. Ein Trainingsprogramm. Frankfurt a.M. 1995, S. 49 60 und S. 153 157.

In allgemeinverständlicher Sprache - weitgehend ohne Fach- und Fremdwörter - gibt die Autorin praktische Tips zur Verbesserung des eigenen sprachlichen Ausdrucks durch den bewußten Einsatz rhetorischer Figuren. 

 

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Webmaster: Olaf Kramer, Seminar für Allgemeine Rhetorik, Universität Tübingen, Stand: 03.09.01