Aemulatio
Zwei Arten der Nachahmung (Imitatio)
literarischer Vorbilder werden unterschieden: die agonale und die
epigonale. Während epigonale Imitatio an der Unerreichbarkeit der Vorbilder
scheitert, steht hinter der agonalen Imitatio das Ziel, die Vorbilder zu
übertreffen.
Eine solche überbietende Nachahmung heißt aemulatio. Bei der aemulatio wird das Gute der Vorbilder übernommen
und das Schlechte verbessert. Um aber das Gute und Schlechte erkennen zu können,
muß ein Urteil über das Vorbild gefällt werden, weswegen eine gute
Urteilskraft des Redners (iudicium) erste Voraussetzung für die aemulatio
ist.
Die aemulatio war in der Antike eines der wichtigsten
Übungsprinzipien (exercitatio) bei der Ausbildung des Redners. In dem Maße
aber, wie die Einbildungskraft der Redner und Dichter gegen das Prinzip
der Nachahmung gesetzt wurde, verlor die aemulatio an Bedeutung. Im späten
18. Jahrhundert wurde das Prinzip der aemulatio endgültig vom schöpferischen
Freiraum des Subjekts abgelöst. In der Methodendiskussion des 20.
Jahrhunderts schließlich wird der Begriff der aemulatio zwar wieder
gebraucht, allerdings im Sinne der Umsetzung geltender Stil- oder
Gattungs-Normen in einem Text.
Literaturhinweise:
Hier findet sich eine ausführliche wissenschaftliche
Behandlung der Bedeutung der aemulatio in der Rede- und Dichtkunst der
Epochen Antike, Mittelalter, Humanismus, Barock, Aufklärung, spätes 18.
Jahrhundert bis Gegenwart.
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