Textlektüre
im Rhetorik-Unterricht
Das gesamte rhetorische Regelsystem beruht auf der Überzeugung,
daß der Rednerberuf erlernbar ist und gelehrt werden kann. Im
Mittelpunkt der Ausbildung steht dabei der praktische Umgang mit Texten, denn die Rhetoriker
sind sich sicher, daß eine genaue Kenntnis aller
Kunstregeln allein nicht die einzige, ja nicht einmal die wichtigste
Voraussetzung für den Erfolg ist. Ihr pädagogisches Denken kreist vielmehr um
drei Faktoren:
-
natürliche
Veranlagung und Begabung (natura oder ingenium)
-
gründliche theoretische Ausbildung, also die Vermittlung
der genauen Kenntnis der rhetorischen Theorie (ars)
-
konkrete Übung und Erfahrung (exercitatio), das heißt,
Schulung mit Hilfe von Lese-, Schreib- und Sprechübungen.
Lesen
als Bildungsübung
Die Lektüre und Analyse der großen Schriftsteller und Reden ist ein
fester Bestandteil des Rhetorikstudiums. Durch die Lektüre vermittelt der
Lehrer nicht nur Formen und Inhalte, sondern beispielsweise auch Wortwahl,
Tropen und Figuren, Satzbau, Rhythmus, Metrik und andere Textelemente. Es
kommt bei der Arbeit mit den Texten nicht nur auf die Übernahme einzelner
Techniken an, sondern auf die Bereicherung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit
allgemein. Die Lektüre soll dem Redeschüler einen reichen Wortschatz (copia
verborum) verschaffen sowie ein umfangreiches Register, auf dem er
jederzeit spielen kann: Die Beschäftigung mit der Literatur ist die
Quelle vollkommener Beredsamkeit (Cicero: Brut. 322).
Arbeit
mit Mustertexten
Die Rhetoriker entwickeln eine Methode für die
systematische Arbeit mit Mustertexten. Sie besteht im wesentlichen aus
vier Teilen: Analyse, Auswendiglernen, Übersetzung und Paraphrase
(Umschreibung eines Textinhalts). Alle diese Übungen stärken Gedächtnis
und Verstand und üben die Schüler in schriftlicher Darstellung und mündlichem
Vortrag. Die Schüler sollen dadurch lernen, literarische Konventionen zu
beherrschen, einen Stoff zu analysieren, einen Sachverhalt darzustellen
und Argumente zur Erklärung der eigenen Ansicht zu sammeln. Die
Bearbeitung von Texten soll die Schüler auf die Erarbeitung eigener Reden
unmittelbar vorbereiten. So werden sie mit den überlieferten Erzählungen
vertraut und lernen, einen Stoff nach einem vorgegebenen Muster z. B.
Fabel, Geschichte, Anekdote auszuarbeiten. Sie werden daran gewöhnt,
eine Sache von mehreren Seiten in ihrem Pro und Contra zu betrachten, die
typischen Züge in einer Sache zu sehen (Gemeinplätze) und sie soviel wie
möglich auszuschöpfen (z. B. für Lobreden), Dinge lebendig zu schildern
(Personifizierung) und einen Grundgedanken in ihnen zu erkennen (These).
Textlektüre
im Deutschunterricht
Übungselemente
aus der antiken Rhetorik halten sich bis in den gymnasialen
Deutschunterricht, von der einfachen Nacherzählung bis zum
reflektierenden Erläuterungsaufsatz reicht das Repertoire der rhetorisch
geprägten Übungsformen. Das antike Erziehungsideal, das der
rhetorische Ausbildung und Bildung des Menschen nützt, ist deutlich noch
in der Tradition der studia humaniora des europäischen Universitätssystems
zu erkennen.
Literaturhinweise:
Anhand
einer Rede von Cicero wird die praktische Anwendung der in den
vorgehenden Kapiteln dargestellten Interpretations- und
Textanalyseverfahren exemplarisch aufgezeigt.
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