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Werner Schulz Aussprache zur Vertrauensfrage des Bundeskanzlers Gerhard SchröderHerr
Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Bundeskanzler, ich werde mich
an dieser Abstimmung nicht beteiligen. Was hier abläuft, ist ein inszeniertes,
ein absurdes Geschehen. Die Ereignisse der letzten Woche und die heutige Debatte
haben mich trotz staatsmännischer Rede nicht überzeugt. Hier läuft eine
fingierte oder, wie die Juristen sagen, eine unechte Vertrauensfrage. Schon
der erste Satz Ihres Antrages, Herr Bundeskanzler, ist unwahr. Sie wollen doch
gar nicht, dass man Ihnen das Vertrauen ausspricht. Sie wollen diese Abstimmung
verlieren. Sie suchen einen Grund für Neuwahlen und damit das organisierte
Misstrauen. Sie selbst haben verkündet, sich der Stimme zu enthalten. Aber was
ist ein Kanzler, der das Selbstvertrauen verloren hat? (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP) Sie
sollten übrigens die Argumentation mit Franz Müntefering noch einmal genau
abstimmen. Er ist stolz auf den Meinungsstreit in der Fraktion, für Sie ist er
ein Anlass zu Misstrauen. Im Übrigen, Franz Müntefering, Ihre Aufforderung an
Angela Merkel, hier das konstruktive Misstrauensvotum herbeizuführen, und Ihre
Aussage, dass wir jederzeit die Kanzlermehrheit haben, ist beeindruckend, nicht
nur für das Protokoll. (Beifall der Abg. Dr. Antje Vollmer [BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN] Beifall
bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP) Ich
hätte bei so vielen Dialektikern hier im Parlament nicht geglaubt, dass wir
einmal die feinsinnige Dialektik von Bertolt Brecht berühren. Sie wissen, dass
er die Regierung aufgefordert hat, ein anderes Volk zu wählen. Wir werden heute
etwas Ähnliches erleben: Nicht die Mehrheit misstraut dem Kanzler, sondern der
Kanzler misstraut seiner eigenen Mehrheit. Bis
in die gestrigen Abendstunden hatten wir eine stabile Mehrheit, die in sieben
Jahren nicht ein einziges Mal versagt hat, obwohl sie seit dem 22. Mai vom
Kanzler und von Franz Müntefering attackiert wird. Sie suchen eine neue
Legitimation für Ihre Politik, doch diese Art von Stimmungsdemokratie sieht
unser Grundgesetz nicht vor. (Beifall der Abg. Dr. Antje Vollmer [BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN] Beifall
bei Abgeordneten der CDU/CSU) Zwar
wird allenthalben die Frage gestellt "Was wäre, wenn am nächsten Sonntag
Wahl wäre?", aber am nächsten Sonntag ist nicht Wahl. Wir leben in einer
Demokratie und nicht in einer Demoskopie. Sie haben den Satz von Einstein an
Ihrem Kanzleramt nicht verstanden: Der Staat ist für die Menschen, nicht die
Menschen für den Staat. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Sie
beugen unsere Verfassung, wenn Sie mit Hinweis auf das Grundgesetz ein
Referendum über die EU-Verfassung verwehren und im nächsten Moment durch
Selbstauflösung des Bundestages eine Volksabstimmung über die Fortsetzung
Ihrer Politik herbeiführen wollen. Sie haben geschworen, das Grundgesetz zu
wahren und zu verteidigen. Ein
paar Schritte vom Kanzleramt entfernt steht an der Schweizer Botschaft der
Einstein-Satz: Echte Demokratie ist doch kein leerer Wahn. (Beifall des Abg. Jürgen Koppelin [FDP]) Was
jetzt passiert, ist aber die Sinnentleerung des Art. 68. Dass ausgerechnet die
alten 68er, so wie sie hier versammelt sind, (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der
FDP) über
einen Missbrauch des Art. 68 ihren Abgang vorbereiten, gehört zu den grotesken
Momenten dieses Vorgangs. (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der
FDP) Dabei
haben Sie gerade bei der Vertrauensfrage im Zusammenhang mit dem Militäreinsatz
in Afghanistan gezeigt, wie dieser Artikel moralisch und politisch zu gebrauchen
ist. Sie haben eine eigene Mehrheit demonstriert und dafür sogar eine, breite
parlamentarische Mehrheit verschmäht. Sie wollten Helmut Kohl nicht nachahmen;
heute kopieren Sie ihn, wobei der Vergleich mit der damaligen Lage doch etwas
schräg ist. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Mir
ist die Demokratie nicht geschenkt worden. Mit einigen anderen musste ich unter
gefährlichen Umständen Demokratie und Freiheit erst erkämpfen. Schon deswegen
sind mir die Grundregeln der Demokratie, wie sie in unserem Grundgesetz stehen,
ein hoher Wert gerade in einer Zeit, in der wir über den Werteverfall und
die Vertrauenskrise der Politik reden. Glauben Sie denn ernsthaft daran, dass
Sie nach dieser verschwiemelten Operation morgen in den Wahlkampf ziehen und über
Wahrheiten reden können? (Jörg Tauss [SPD]: Ja!) Das
ist nicht nur ein Tiefpunkt der demokratischen Kultur, sondern Sie beschädigen
auch das Ansehen des Parlamentes und meine und unsere Rechte als Abgeordnete. (Beifall der Abg. Dr. Antje Vollmer [BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN] - Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Oder,
um einen aktuellen Buchtitel des Außenministers aufzugreifen: Die Rückkehr der
Geschichte sollten wir nicht als ein Stück Volkskammer veranstalten. (Widerspruch beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei
der SPD) Auch
da wurden die Abgeordneten eingeladen, nicht ihrer Überzeugung, sondern dem
Willen von Partei- und Staatsführung zu folgen. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Sie
haben mit Ihrem genialen Schachzug alles erreicht, was Sie vermeiden wollten:
Die Opposition ist geeint und geschlossen wie nie zuvor, (Beifall bei Abgeordneten der FDP) die
Formierung einer neuen Linkspartei und die Erosion der SPD wurden beschleunigt.
Sie werden nicht als Patriot in die Geschichte eingehen, wie ein wirrer Schönschreiber
in der "Zeit" meint, sondern eher als einer, der letztlich seine
Partei zerlegt und sein Land in Schwierigkeiten gebracht hat. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP) Präsident Wolfgang Thierse: Lieber
Kollege Schulz, die fünf Minuten sind vorüber. Werner Schulz
(Berlin) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ich
komme zum Ende. Denn auch in der Einschätzung der politischen Situation täuschen
Sie sich. Die Bürgerinnen und Bürger wollen nicht Neuwahlen, sie wollen die
Abwahl von Rot-Grün. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Offenbar
wollen Sie das auch die Flucht aus der Verantwortung. Nur, das ist ein würdeloser
Abgang, den wir hier erleben. Präsident Wolfgang Thierse: Kollege
Schulz, Sie müssen zum Ende kommen. Werner Schulz
(Berlin) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ich
mache mir Sorgen um unser Land, weil ich finde, dass auch die Opposition nicht
vorbereitet ist und kein Konzept hat. (Zuruf von der SPD) Wenn
das, was wir bisher als Vertrauenskrise der Politik erlebt haben, nur ein
Vorgeschmack ist, Präsident Wolfgang Thierse: Kollege
Schulz! Werner Schulz
(Berlin) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
dann werden wir uns auf stürmische Zeiten einrichten müssen. Ich
danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)
Webmaster: Olaf Kramer, Seminar für Allgemeine Rhetorik, Universität Tübingen, Stand: 19.12.05 |