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Nachruf auf Prof. Dr. Brigitte Schlieben-Lange

Im kleinen Kreise erzählte die romanistische Sprachwissenschaftlerin Brigitte Schlieben-Lange gern von ihrem ersten Referat in Eugenio Coserius Hauptseminar, wo die kritischen Nachfragen des gestrengen Tübinger Meisters ihr als junger Studentin schwer zu schaffen machten. Fünf- undzwanzig Jahre später, 1991, war sie seine Nachfolgerin. Eindeutig gehörte sie zu seinen originellsten Schüler(inne)n und profilierte sich nicht zuletzt durch ihre Offenheit für neue Denkansätze, die sie jedoch nie als modische Trends aufgriff, sondern stets im Lichte ihres gediegenen romanistischen und sprachphilosophischen Traditionsbewusstseins hinterfragte.

Brigitte Schlieben-Lange, 1943 geboren, studierte in München, Aix-Marseille und Tübingen die Fächer Romanistik, Germanistik, Allgemeine Sprachwissenschaft und Philosophie. Nach dem Staatsexamen und der Promotion bei Coseriu (1970) wurde sie Assistentin in Freiburg, von wo sie aber bereits 1974 - sehr jung und als eine der damals sehr wenigen Professorinnen - auf einen Lehrstuhl für Romanische Philologie und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Frankfurt/Main berufen wurde. 1978 lehnte sie einen Ruf an die Technische Universität Berlin ab. 1991 folgte sie dann dem Ruf auf den Tübinger sprachwissenschaftlichen Romanistik-Lehrstuhl, den sie bis zuletzt innehatte. Verschiedene Gastprofessuren führten sie ins Ausland (Brasilien, Italien, Spanien, USA).

Schlieben-Lange verstand sich, entgegen bestimmten Partialisierungstendenzen im Fach, als 'Romanistin' im umfassenden Sinne und unterstrich immer wieder, auch in Publikationen, die Modernität und Ergiebigkeit des traditionell breit angelegten Fachverständnisses der Romanistik, deren mittleres Abstraktionsniveau die Sprachwissenschaftler einerseits vor nationalphilologischer und/oder monolingualer Borniertheit, andererseits vor luftigen Theoriekonstruktionen fern jeder historischen Faktenkenntnis bewahrt.

Innerhalb der Romania richtete sich ihr Interesse außer auf die drei großen romanischen Sprachen Französisch, Spanisch und Italienisch ganz besonders auch auf das Portugiesische, Katalanische und Okzitanische. Sie gehörte zu dem in Deutschland sehr kleinen Kreis der wirklich guten Kenner der beiden letztgenannten Sprachen, denen sie schon sehr früh zwei wichtige Monographien widmete (Okzitanische und katalanische Verbprobleme, 1971, und Okzitanisch und Katalanisch - Ein Beitrag zur Soziolinguistik zweier romanischer Sprachen, 1973) und für die sie später viele ihrer Schüler(inne)n zu begeistern vermochte. Geprägt durch die Erfahrungen insbesondere mit diesen beiden Minderheitensprachen, beförderte Schlieben-Lange ganz maßgeblich das Interesse der Romanisten an den seinerzeit neuen Disziplinen Soziolinguistik und Linguistische Pragmatik (so die Titel ihrer beiden Standardwerke von 1973 und 1975, die auch außerhalb des Faches stark rezipiert und in verschiedene Sprachen übersetzt wurden).

Der reiche Fundus an Erfahrungen im Umgang mit historischem Material aus der Romania ermutigte Schlieben-Lange dazu, diesen beiden Disziplinen - jenseits der gängigen angelsächsischen und germanistischen Forschungpraxis - auch eine historische Dimension zu verleihen. So war sie ganz entscheidend an den ersten Ansätzen zu einer historischen Varietätenlinguistik seit den achtziger Jahren beteiligt; in jüngster Zeit wagte sie sich, im Rahmen ihrer intensiven Kontakte zu Brasilien, insbesondere in das Neuland einer Geschichte der Varietäten des dortigen Portugiesisch vor. Ihre überlegungen zu einer historischen Pragmatik fügten sich gegen 1980 in idealer Weise mit dem erwachenden allgemeinen Interesse an Mündlichkeit und Schriftlichkeit zusammen (was sich vor allem in ihrer wegweisenden Monographie Traditionen des Sprechens von 1983 widerspiegelte). Fundamentale sprachtheoretische Klarstellungen verband sie hier mit Studien zu historischen Prozessen und komplexen Kommunikationsformen (Verschriftung und Kodifizierung von Sprachen, 'Semi-Oralität', 'bemühte Schriftlichkeit' wenig gebildeter Schreiber u.a.).

Ein zentrales Forschungsgebiet Schlieben-Langes stellte schließlich die Geschichte der Sprachreflexion dar. Dabei faszinierten sie vor allem die Uniformisierung der Sprache in der Französischen Revolution und die linguistischen Aspekte der Einheitswissenschaft der spätaufklärerischen Idéologues (dazu insbesondere die beiden Monographien Ideologie, revolution et uniformite de la langue, 1996, und 'Ideologie': Zur Rolle von Kategorisierungen im Wissenschaftsprozeß, 2000, und die in vier Bänden Europäische Sprachwissenschaft um 1800, 1989-1994, veröffentlichten Ergebnisse ihres Frankfurter Forschungsprojekts zur Rezeption der Idéologues im Ausland).

Die Kreativität von Schlieben-Langes sprachwissenschaftlichem Denken, ihre Fähigkeit, über scheinbar einfache Fragen neue Wege zu weisen, verschafften ihr im Inland wie im Ausland allerhöchstes Ansehen und machten sie zu einer international geschätzen Kooperationspartnerin. Eine besondere Anerkennung ihrer Leistungen erfuhr sie durch die Aufnahme in die Heidelberger Akademie der Wissenschaften 1995.

Die vierfache, engagierte Mutter setzte sich dezidiert für die Belange von Wissenschaftlerinnen ein und lebte in exemplarischer Weise vor, dass man - so ihr Credo - bei erhöhter Belastung effizienter mit seiner Zeit umgeht. Ihre eigenen sehr zahlreichen Schriften flankierte sie durch eine Vielzahl herausgeberischer und wissenschaftsorganisatorischer Tätigkeiten, über zwei Jahrzehnte hin auch als Gutachterin in verschiedenen Ausschüssen der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Sie war aber nicht nur eine Forscherin pur sang, sondern auch eine charismatische Lehrerin. Sie schaltete sich in internationale Projekte zum Kulturkontakt und -konflikt ein und organisierte vielfältigen Hochschulaustausch. Auf den verschiedensten Ebenen der universitären Gremienarbeit und der Hochschulpolitik hatte ihre Stimme allergrößtes Gewicht. Obwohl sie sich stets genügend Zeit für die Wärme des zwischenmenschlichen Kontaktes reservierte, schienen Ihrer Schaffenskraft und ihrem Einsatz keine Grenzen gesetzt zu sein. Um so bitterer traf sie vor einem Jahr der Ausbruch der schweren Krankheit, der sie am 14. September 2000 erlag.

Prof. Dr. Peter Koch Neuphilologische Fakultät

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IInfo / © Universität Tübingen / Stand: 11.2000