Neue grundlegende Erkenntnisse zur Funktion des Innenohrs
Prof. Anthony Gummer und Dipl.-Phys. Marc Scherer vom Hörforschungszentrum
der Universitäts-HNO-Klinik Tübingen ist es gelungen, neue grundlegende
Erkenntnisse über die mikroelektromechanische Funktionsweise des
Innenohrs zu gewinnen. Für die Entwicklung zukünftiger Therapiemöglichkeiten
bei Schädigungen und Erkrankungen des hochempfindlichen Innenohrs
ist dies ein wichtiger Schritt. Im Zentrum der Untersuchungen von Gummer
und Scherer stand dabei der so genannte "cochleäre Verstärker".
Darunter versteht man die Erzeugung von mechanischer Kraft bei akustischen
Frequenzen durch spezialisierte Zellen und die Rückkopplung dieser
Kraft in die Vibration des sensorischen Gewebes. Diese Verstärkung
führt zu einer starken Zunahme von Empfindlichkeit und Frequenzauflösung
und ist somit die Basis für die normale Funktion des Innenohrs.
Die Fähigkeit Sprache zu verstehen stellt hohe Anforderungen an die
Signalverarbeitung im Innenohr. Neben der Empfindlichkeit ist die außerordentlich
hohe Frequenzauflösung von besonderer Bedeutung. Beide Eigenschaften
hängen stark vom Gesundheitszustand des Innenohrs ab. Bereits bei
kleinen Veränderungen des sensorischen Gewebes, zum Beispiel infolge
einer Krankheit oder eines Lärmtraumas, werden Empfindlichkeit und
Frequenzauflösung schlechter. Eine verringerte Empfindlichkeit kann
durch ein Hörgerät in gewissen Grenzen ausgeglichen werden,
so dass der Geschädigte zumindest erkennen kann, dass jemand spricht.
Die Verschlechterung der Frequenzauflösung führt jedoch zu Schwierigkeiten
beim Sprachverständnis, die bisher nicht apparativ behoben werden
können.
Zurzeit können Innenohrschäden in der Regel weder genau diagnostiziert
noch kausal therapiert werden. Es besteht daher ein Bedarf an neuen Diagnostik-
und Therapieansätzen. Da das Innenohr nicht geöffnet werden
kann, ohne es zu zerstören, kommen hierbei nur nichtinvasive Methoden
in Frage. Aktuelle Entwicklungen sind beispielsweise die Bestimmung der
mechanischen Impedanz des Innenohrs mittels Laseraudiometrie und die lokale
Applikation von Pharmaka am Innenohr. Voraussetzung für weitere Entwicklungen
ist jedoch in jedem Fall ein genaueres Verständnis der Mikroelektromechanik
im Innenohr und insbesondere des "cochleären Verstärkers".
Den Tübinger Wissenschaftlern ist es gelungen, die Spektren der Vibration,
der mechanischen Impedanz und der Krafterzeugung an verschiedenen Stellen
des Cortischen Organs (eines Teils des sensorischen Gewebes) bis
zu Frequenzen von 50 kHz zu messen. Es zeigte sich, dass sich das Gewebe
rein viskoelastisch verhält und dass die Inertialkräfte selbst
bei hohen Frequenzen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Außerdem
war die Kraft, die in das Organ eingekoppelt wird, durch ein breites Maximum
gekennzeichnet. Beide Faktoren führen zu einer hohen Bandbreite der
cochleären Verstärkung. Es zeigte sich, dass das Organ in sich
keine Resonanz aufweist, so dass neben der Basilarmembran nur die Tektorialmembran
als resonantes Element in Frage kommt. Damit konnten einige elementare
Fragen zur Funktion des cochleären Verstärkers beantwortet werden.
Für weitere Informationen:
Prof. A.W. Gummer
Dipl.-Phys. Marc Scherer
HNO-Klinik, Sektion Physiologische Akustik und Kommunikation
Email: anthony.gummer@uni-tuebingen.de
sowie im Internet bei "Proceedings of the National Academy of Science
of the USA (PNAS)":
www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.0408232101
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/ Stand 14.04.2005 |