Prof. Dr. Wolfgang Leiner
"Ouverture et dialogue" heißt der Titel einer Festschrift,
die dem Tübinger Romanisten Wolfgang Leiner im Jahre 1985 von seinen
Schülern zu seinem sechzigsten Geburtstag überreicht wurde.
Allein schon die Liste der Gratulanten, die sich aus allen fünf Kontinenten
in die Tabula gratulatoria eingetragen haben, dokumentiert die kosmopolitische
Offenheit und die ständige Bereitschaft zum Dialog, die nicht nur
das wissenschaftliche Werk Wolfgang Leiners, sondern auch den Menschen
Wolfgang Leiner ausge-zeichnet haben. Er war ein Grenzgänger zwischen
den Kulturen: zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Europa und
Amerika, zwischen der Literatur Frankreichs und den französischsprachigen
Literaturen der Welt.
Wolfgang Leiners Herkunft und Bildungsweg standen bereits im Zeichen der
deutsch-französischen Begegnungen. 1925 in Ottenhausen im Saarland
geboren, studierte er in Saarbrücken die Fächer Französisch,
Deutsch und Geschichte. Er promovierte ebenda im Jahre 1955 mit einer
Arbeit über den französischen Barockdramatiker Jean Rotrou.
Seine Habilitationsschrift über den Widmungsbrief in der französischen
Literatur des 17. Jahrhunderts legte einen weiteren Grundstein zu dem
internationalen Renommee, das er sich als Spezialist der französischen
Literatur des 17. Jahrhunderts erworben hat.
1963 wurde er an die University of Washington in Seattle berufen, wo er
bis 1975 als Professor für französische und vergleichende Literaturwissenschaft
tätig war. In diesen Jahren gründete er die Zeitschriften Papers
on French Seventeenth Century Literature und Oeuvres et critiques, deren
Herausgabe zu seinem Lebenswerk und zu seiner Passion werden sollte. 1976
nahm er einen Ruf auf eine Professur für Romanische Philologie an
die Universität Tübingen an. Hier führte er seine Zeitschriften
zu international hochgeschätzten Fachorganen, die in der Zwischenzeit
in keiner Universitätsbibliothek diessseits und jenseits des Atlantiks
mehr fehlen. Auch bei seiner editorischen Tätigkeit lautete Wolfgang
Leiners Devise tolerante Offenheit für neue Themen und Methoden und
ausgleichender Dialog mit den vielfältigen Stimmen der akademischen
Gemeinschaft. Diese vermittelnde Rolle spiegelt sich auch in einem seiner
weiteren Themenschwerpunkte wider, der seine Arbeiten in den Tübinger
Jahren entscheidend mitgeprägt hat. Besonders am Herzen lag ihm immer
die Beziehung zwischen den Nachbarländern Deutschland und Frankreich,
eine Herzensangelegenheit, aus der 1989 sein Buch über Das Deutschlandbild
in der französischen Literatur hervorgegangen ist.
Bereits zuvor, im Jahre 1987, war es ihm gelungen, Wissenschaftler aus
aller Welt zu einer Tagung in Tübingen zusammenzuführen, die
die europäische Ausstrahlung der französischen Literatur des
17. Jahrhunderts zum Generalthema hatte. Zu dieser Ausstrahlung hat Wolfgang
Leiner in den letzten fünfzig Jahren selbst sehr viel beigetragen.
Nach seiner Emeritierung im Jahre 1993 widmete er sich weiterhin mit großem
Elan der Herausgabe seiner Fachzeitschriften und wissenschaftlichen Reihen
und verlieh dadurch dem vergänglichen Wort von vielen Tagungen eine
dauerhafte Präsenz in der Schrift. 2003 wurde er für seine Verdienste
um die Verbreitung der französischen Sprache und Literatur mit einem
Preis der Académie française ausgezeichnet. Wolfgang Leiner
verstarb am 9. Februar 2005 im Alter von 79 Jahren in Tübingen.
Seine Schüler, Kollegen und Freunde werden seine humanistische Ausstrahlung
in dankbarer Erinnerung behalten.
Prof. Dr. Rainer Zaiser
Universität zu Köln
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/ Stand 14.04.2005 |