Prof. Dr. Matthias Schramm
Was wissenschaftsgeschichtliche Forschung auf höchstem Niveau zu
leisten vermag, haben uns vor allen anderen insbesondere zwei Gelehrte
von schier unglaublicher Vielseitigkeit und Tiefe, zugleich gepaart mit
Humanität im umfassendsten Sinn des Worts, vor Augen geführt:
Willy Hartner (1905-1981), unser gemeinsamer Lehrer in Frankfurt, und
Matthias Schramm (1928-2005), der erste und, undank heutiger Bildungspolitik,
in doppelter Hinsicht einmalige Ordinarius für Geschichte der Naturwissenschaften
in Tübingen. Und vieles von dem, was Matthias Schramm, ohne selbstverständliche
Unterschiede zwischen Hartner und ihm verwischen zu wollen, in seinem
wunderbaren Nachruf auf Willy Hartner zum Ausdruck gebracht hat, trifft
haargenau auf ihn selber zu. Ein paar Anhaltspunkte:
Weder Hartner noch Schramm verfuhren "wie der Rechen, der alles Erreichbare
zusammenrafft", sondern wirkten "gleich einem Keil, der noch
an der sprödesten Stelle des Materials eindrang, ... den Zugang in
kaum erahnte Bereiche eröffnend". Wie Hartner stand Schramm
"einer voll durchpädagogisierten Universität" reserviert
gegenüber, wollte nicht einen noch so interessanten, doch bereits
nachlesbaren Wissensstoff vermitteln, sondern das Bewusstsein für
Probleme schärfen und den Umgang mit ihnen lehren. Matthias Schramm
machte keinen Hehl daraus, dass er als Student manches von dem, was Hartner
vortrug, erst später recht verstanden habe, ließ aber offen,
ob darin wirklich "ein hochschuldidaktisches Unheil" liege.
Denn wichtiger war nicht nur ihm die Teilhabe an den Fragen, an der Arbeit
eines souveränen Lehrers, bei dem es nie um bloße Quisquilien
ging. Und als der von Hartner begeisterte Hörer Schramm einmal von
einem weniger faszinierenden Professor zu hören bekam, seine hohen
Ansprüche an die Lehre würden sich schon noch legen, sollte
er einst selber in die Lage kommen, Vorlesungen zu halten, hat ihn das
geärgert und um so nachdrück-licher für den Hartnerschen
Stil eingenommen. Und wenn es dann noch heißt: "Sein einzigartiges
Wissen war nicht auf seine Wissenschaft beschränkt, sondern schloß
alle Bereiche menschlichen Lebens ein" und er sei "der hilfsbereiteste
Mensch gewesen, den ich kennengelernt habe", so gilt auch dies keinen
Deut weniger für Matthias Schramm selbst.
Als Sohn eines Künstlerehepaars in Paris geboren, von Kindesbeinen
an weitestgehend Autodidakt mit humanistischem Abitur als Externer in
Kassel 1946, studierte Matthias Schramm zunächst in Marburg Mathematik,
Klassische Philologie und Orientalistik. Im Wintersemester 1949/50 hörte
er in Frankfurt zum ersten Mal Willy Hartner, auf den ihn Theodor W. Adorno
und Karl Reinhardt aufmerksam gemacht hatten. Bevor Schramm nach Frankfurt
gekommen war, um nämlich Reinhardt zu hören, hatte er von Hartner
noch nichts gewusst. Doch Adorno und Reinhardt erkannten auf der Stelle,
dass für diesen Studenten kein anderer als Hartner der richtige Mann
war, "und damit hatten sie recht", so Schramms trockene Bestätigung.
Obwohl die herausragende Dissertation über Aristoteles von 1955 bereits
zur Habilitation ausgereicht hätte, wählte er dafür nach
dem anspruchsvollen griechischen Thema ein weitgespanntes mittelalterlich-arabisches,
womit er 1960 detailliert aufzeigen konnte, dass die Anfänge einer
experimentellen Physik im modernen Sinn 600 Jahre vor Galilei Ibn al-Haytham
zuzuweisen sind.
Nach einjährigem Aufenthalt in Oxford 1966 folgt die Berufung auf
den neugeschaffenen und mit Schramms Emeritierung 1996 wieder abgeschafften
Lehrstuhl für Geschichte der Naturwissenschaften in Tübingen.
Ulm, wo er seit Jahren zusätzlich mit großem Erfolg tätig
war, verlieh ihm 2002 eine Honorarprofessur.
In seinen besten Mannesjahren verfügte Matthias Schramm über
eine geradezu umwerfende Körperkraft und schleppte Lasten, bei deren
bloßem Anblick unsereinem bereits die Knie zu schlottern begannen.
Vor gut vier Monaten musste indes aus Krankheits- und Schwächegründen
ein anstehender Vortrag kurzfristig abgesagt werden. Seither schwanden
die Kräfte zusehends, doch von seiner Seite kein Wörtchen der
Klage, sondern noch zuletzt stummer Dank für die winzigste Handreichung.
Schramms Arbeitsgebiete umfassen praktisch alle Hochkulturen, wie seine
Publikationsliste sowie die Zusammenstellungen der Vorlesungs- und Vortragstitel
ausweisen. Doch das Wichtigste waren ihm stets die unmittelbaren Lektüre-Seminare,
der minutiöse Einstieg in die Quellen; alles in allem eine Fundgrube
ohnegleichen.
Und noch ein letztes Mal stellvertretend Schramm über Hartner: "Das
weitere Schicksal des von ihm Geschaffenen wird davon abhängen, wie
weit wir Kraft und Willen besitzen, seinen Räume und Zeiten überspannenden
Geist lebendig zu halten".
Friedemann Rex
Professor für Geschichte der Naturwissenschaften i. R.
[Uni Tübingen
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/ Stand 14.04.2005 |