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Informationen für die Mitglieder der Eberhard Karls Universität Tübingen / TUN Nr. 121: 14.04.2005

Prof. Dr. Matthias Schramm

Was wissenschaftsgeschichtliche Forschung auf höchstem Niveau zu leisten vermag, haben uns vor allen anderen insbesondere zwei Gelehrte von schier unglaublicher Vielseitigkeit und Tiefe, zugleich gepaart mit Humanität im umfassendsten Sinn des Worts, vor Augen geführt: Willy Hartner (1905-1981), unser gemeinsamer Lehrer in Frankfurt, und Matthias Schramm (1928-2005), der erste und, undank heutiger Bildungspolitik, in doppelter Hinsicht einmalige Ordinarius für Geschichte der Naturwissenschaften in Tübingen. Und vieles von dem, was Matthias Schramm, ohne selbstverständliche Unterschiede zwischen Hartner und ihm verwischen zu wollen, in seinem wunderbaren Nachruf auf Willy Hartner zum Ausdruck gebracht hat, trifft haargenau auf ihn selber zu. Ein paar Anhaltspunkte:

Weder Hartner noch Schramm verfuhren "wie der Rechen, der alles Erreichbare zusammenrafft", sondern wirkten "gleich einem Keil, der noch an der sprödesten Stelle des Materials eindrang, ... den Zugang in kaum erahnte Bereiche eröffnend". Wie Hartner stand Schramm "einer voll durchpädagogisierten Universität" reserviert gegenüber, wollte nicht einen noch so interessanten, doch bereits nachlesbaren Wissensstoff vermitteln, sondern das Bewusstsein für Probleme schärfen und den Umgang mit ihnen lehren. Matthias Schramm machte keinen Hehl daraus, dass er als Student manches von dem, was Hartner vortrug, erst später recht verstanden habe, ließ aber offen, ob darin wirklich "ein hochschuldidaktisches Unheil" liege. Denn wichtiger war nicht nur ihm die Teilhabe an den Fragen, an der Arbeit eines souveränen Lehrers, bei dem es nie um bloße Quisquilien ging. Und als der von Hartner begeisterte Hörer Schramm einmal von einem weniger faszinierenden Professor zu hören bekam, seine hohen Ansprüche an die Lehre würden sich schon noch legen, sollte er einst selber in die Lage kommen, Vorlesungen zu halten, hat ihn das geärgert und um so nachdrück-licher für den Hartnerschen Stil eingenommen. Und wenn es dann noch heißt: "Sein einzigartiges Wissen war nicht auf seine Wissenschaft beschränkt, sondern schloß alle Bereiche menschlichen Lebens ein" und er sei "der hilfsbereiteste Mensch gewesen, den ich kennengelernt habe", so gilt auch dies keinen Deut weniger für Matthias Schramm selbst.

Als Sohn eines Künstlerehepaars in Paris geboren, von Kindesbeinen an weitestgehend Autodidakt mit humanistischem Abitur als Externer in Kassel 1946, studierte Matthias Schramm zunächst in Marburg Mathematik, Klassische Philologie und Orientalistik. Im Wintersemester 1949/50 hörte er in Frankfurt zum ersten Mal Willy Hartner, auf den ihn Theodor W. Adorno und Karl Reinhardt aufmerksam gemacht hatten. Bevor Schramm nach Frankfurt gekommen war, um nämlich Reinhardt zu hören, hatte er von Hartner noch nichts gewusst. Doch Adorno und Reinhardt erkannten auf der Stelle, dass für diesen Studenten kein anderer als Hartner der richtige Mann war, "und damit hatten sie recht", so Schramms trockene Bestätigung.

Obwohl die herausragende Dissertation über Aristoteles von 1955 bereits zur Habilitation ausgereicht hätte, wählte er dafür nach dem anspruchsvollen griechischen Thema ein weitgespanntes mittelalterlich-arabisches, womit er 1960 detailliert aufzeigen konnte, dass die Anfänge einer experimentellen Physik im modernen Sinn 600 Jahre vor Galilei Ibn al-Haytham zuzuweisen sind.

Nach einjährigem Aufenthalt in Oxford 1966 folgt die Berufung auf den neugeschaffenen und mit Schramms Emeritierung 1996 wieder abgeschafften Lehrstuhl für Geschichte der Naturwissenschaften in Tübingen. Ulm, wo er seit Jahren zusätzlich mit großem Erfolg tätig war, verlieh ihm 2002 eine Honorarprofessur.

In seinen besten Mannesjahren verfügte Matthias Schramm über eine geradezu umwerfende Körperkraft und schleppte Lasten, bei deren bloßem Anblick unsereinem bereits die Knie zu schlottern begannen. Vor gut vier Monaten musste indes aus Krankheits- und Schwächegründen ein anstehender Vortrag kurzfristig abgesagt werden. Seither schwanden die Kräfte zusehends, doch von seiner Seite kein Wörtchen der Klage, sondern noch zuletzt stummer Dank für die winzigste Handreichung.

Schramms Arbeitsgebiete umfassen praktisch alle Hochkulturen, wie seine Publikationsliste sowie die Zusammenstellungen der Vorlesungs- und Vortragstitel ausweisen. Doch das Wichtigste waren ihm stets die unmittelbaren Lektüre-Seminare, der minutiöse Einstieg in die Quellen; alles in allem eine Fundgrube ohnegleichen.

Und noch ein letztes Mal stellvertretend Schramm über Hartner: "Das weitere Schicksal des von ihm Geschaffenen wird davon abhängen, wie weit wir Kraft und Willen besitzen, seinen Räume und Zeiten überspannenden Geist lebendig zu halten".


Friedemann Rex
Professor für Geschichte der Naturwissenschaften i. R.

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e-mail an die redaktion © Eberhard Karls Universität Tübingen / Stand 14.04.2005