PU statt PR?

 

Journalismus kann verstehen helfen, werben darf er nicht

Von Andreas Sentker

Eine wissenschaftliche Veröffentlichung? Naja, in Nature vielleicht, oder in Science. Eine Publikation im Spektrum der Wissenschaft? Eher suspekt. Ein Artikel in der ZEIT? Das ist doch keine Wissenschaft! Von solchen Reaktionen aus Kollegenkreisen berichten Wissenschaftler, die das Schreiben nicht als Flucht aus der drohenden Arbeitslosigkeit betreiben, sondern zugleich forschen und vermitteln wollen. Noch immer ist Journalismus in Deutschlands Labors ein Schimpfwort.

Und natürlich kann sie noch immer als das Flaggschiff unter den naturwissenschaftlichen Journalen gelten: die Zeitschrift Nature, 1869 von Thomas Henry Huxley und anderen Darwin-Anhängern in London gegründet. Von Wissenschaftshistorikern wird sie jedoch nicht nur als Keimzelle der angloamerikanischen Fachliteratur angesehen, ihre Redakteure galten als Vorreiter des populärwissenschaftlichen Journalismus. Erstaunt?

Tatsächlich kann man alte Nature-Ausgaben mit Genuß lesen: nicht nur aus Freude an der Erkenntnis, sondern auch wegen des sprachlichen Vergnügens, das manche Aufsätze bereiteten. Heute hat Nature eine eigene Abteilung für die Öffentlichkeitsarbeit; eine notwen-dige Neugründung, wie auch Henry Gee, der unermüdliche Popularisierer unter den Nature-Redakteuren zugibt. Schließlich ist das Journal vor allem seit den sechziger Jahren zunehmend unverständlich geworden. Das breite Publikum bleibt außen vor. So beliefert Henry Gee Le Monde, El Pais, den Berliner Tagesspiegel und andere europäische Zeitungen regelmäßig mit Übersetzungen in die Alltagssprache der Leser.

 

Liebe Leser, Forschung fördert Ihre Glückseligkeit

 

Gee setzt damit eine alte britische Tradition fort: Schon vor dem ersten Erscheinen von Nature war auf der Insel eine ganze Reihe von Zeitschriften gegründet worden. Diese ðOrgane der PopulärwissenschaftÐ, wie sie sich selbst bezeichneten, wandten sich an ein breites Publikum. Ihre Redakteure wollten aber auch den Forschern zum Blick über den Tellerrand ihrer Disziplinen verhelfen. Scientific Opinion versprach den 'Männern der Wissenschaft' gar, ihnen zu Anerkennung und finanzieller Sicherheit zu verhelfen. Das Quarterly Journal of Science ermahnte hingegen seine Leser, die Forschung sei nicht nur für ihre »materiellen Interessen, sondern auch für ihre ewige Glückseligkeit« von Bedeutung.

Das Problem war auch in Deutschland längst erkannt. "Noch heute ist der Styl unserer meisten wissenschaftlichen Werke ungenießbar", schreibt ein Anonymus 1854. "Da sehen wir den deutschen Professor, auf dem Lehnstuhl sitzend, den Zeigefinger an der Nase, die Brille vor den Augen, wie er sich in einen Schwall von Worten hüllt, die nur deshalb bewundert werden, weil man sie nicht versteht."

Und heute? In Großbritannien werden unter dem Titel 'Public Understanding of Science', kurz PUS, Projekte und Kampagnen zusammengefaßt, die zum Ziel haben, die Grenzen zwischen Forschern und Publikum abzubauen: Vertreter des staatlichen medizinischen Forschungsrates MRC stehen in Fußgängerpassagen und erklären die Rätsel der Vererbung. 'Die Gene sind wir' ist die Aktion überschrieben. BBC 4 läutet sein Vormittagsprogramm mit einer Diskussion über die Quantenphysik des Bewußtseins ein. Stiftungen wie der Wellcome Trust verweigern Fördergeld, wenn ein Forschungsantrag nur in der Fachsprache verfaßt ist und eine Darstellung für Laien fehlt. An der Universität von Oxford lehrt der Zoologe Richard Dawkins Public Understanding of Science. Die zweite PUS-Professur hat John Durant, stellvertretender Direktor des Londoner Science Museums, am dortigen Imperial College inne.

»Nein, man darf Public Understanding nicht mit Public Relations verwechseln«, warnt Durant. Mehr Wissen führe beim breiten Publikum nicht zu mehr Akzeptanz. Die aber erhoffen sich viele Wissenschaftler, wenn sie an die Öffentlichkeit treten. "Und gerade kritische Wissenschaftler geraten leicht in Zorn, wenn Journalisten die Sonde des Zweifels auf ihre Behauptungen richten" mußte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl, feststellen. "Sie erwarten nämlich von sogenannten kritischen Journalisten nichts so sehr wie die öffentliche Zustimmung: Sie suchen den journalistischen Partner als Ansehensverstärker und Zustimmungsmultiplikator, und wehe, der will nicht so."

 

Der Fortschritt stand einst im Feuilleton

 

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war alles noch ganz anders: heile Forschungswelt. Wissenschaft lieferte Erkenntnisse. Aus Erkenntnissen entwickelten sich Techniken. Techniken beförderten den Fortschritt. Also notierte man gutgläubig alles, was Wissenschaftler zu sagen hatten. Wissenschaft war damals noch Bestandteil des Feuilletons.

Heute findet die Wissenschaftspublizistik, wie Martin Urban von der Süddeutschen Zeitung feststellt, "ihren Platz konsequenterweise zwischen den Stühlen - als Teil der Gesellschaft, aber unabhängig von kommerziellen oder auch wissenschaftspolitischen Interessen."

Ein gefährlicher Ort. Wer über Wissenschaft schreibt, bleibt im schlimmsten Fall ewig unverstanden. Dem Wissenschaftler sind These und Experiment zu stark vereinfacht, politische oder gar soziale Konsequenzen seiner Arbeit mag er nicht sehen. Dem Leser ist das alles zu kompliziert.

Zugegeben: Die Vermittlung von Wissenschaft ist ein schwieriges Unterfangen. Warum? "Das hat viele Gründe", sagt Dieter Simon, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. "Der einfachste ist zweifellos der Umstand, daß sie schwer ist. Über einen Erdrutsch in Italien dramatisch zu berichten, ist noch kein Kunststück. Die komplexen ökologischen Vorgänge, die zu dem Unglück geführt haben, zu verstehen und darstellen zu können, ist schon weniger leicht. Aber die Gesamtheit der geologischen, geographischen, physikalischen, technischen und allgemeinen Daten, die das Ereignis letztendlich erst erklären, aufzubereiten und zu vermitteln, das verlangt von Journalisten eigentlich mehr Fähigkeiten, als jedem Wissenschaftler zur Verfügung stehen.«

Also doch: Wissenschaftsjournalismus als Quadratur der Kreises?

Daß auch Journalisten Fehler machen, ist nicht neu. Daß so mancher Schlagzeile die wissenschaftliche Genauigkeit geopfert worden ist, ebensowenig. Schlimmer ist: Manchen Wissenschaftsjournalisten scheinen die Themen abhanden gekommen zu sein. Das Waldsterben ist out, Tschernobyl Legende, Aids verbreitet keine Schrecken mehr wie ehedem. Dolly? Über Klone hat doch schon Kollege X vor zwanzig Jahren geschrieben. Spekulativ, gewiß. Aber kann man dazu überhaupt noch etwas Neues sagen? Rinderwahnsinn? Ein briti- sches Phänomen. Tote, gewiß. Doch erst wenn in München eine Hackfleischbräterin stirbt, wird die Geschichte auch im deutschen Boulevard zur Schlagzeile (sie starb nicht an BSE).

Ohnehin will doch niemand so ganz genau wissen, wie Gentechniker arbeiten, und Neutrinos sind höchstens intellektuelles Kraftfutter für esoterisch angehauchte Physiker. So manchen Redaktionen scheint der Abdruck von Horoskopen wichtiger zu sein, als die kontinuierliche Berichterstattung über Forschung. Und tatsächlich macht es wenig Spaß, den ungezählten Versuchen, DNA mit Erbgut zu übersetzen, noch einen weiteren hinzuzufügen. Ein Protein ist ein Eiweiß, ein Enzym ein Katalysator, aus Mitochondrien werden Zellkraftwerke - Übersetzerfron.

 

Der Journalist ist Vermittler, nicht Übersetzer

 

Doch anders als manche Forscher (auch manche Chefredakteure) glauben, ist der Wissenschaftsjournalist nicht Übersetzer, sondern Vermittler. Er muß Forschungsergebnisse verständlich darstellen können - und gleichzeitig unabhängig und ausgewogen ihre wirtschaftlichen, politischen und sozialen Folgen schildern. Im besten Falle ist er ebenso kritischer wie kenntnisreicher, vor allem aber unabhängiger - und manchmal unbequemer - Kommentator.

Wenn dann noch die Meldung über ein geklontes Schaf philosophische Debatten über Identität und Individualität heraufbeschwört, wenn eine kostspielige medizinische Behandlungsmethode eine Diskussion über den Bestand des Solidarprinzips auslöst, wenn ein Knochenfund in der Savanne von Malawi die Frage nach dem 'Woher' des Menschen neu stellt, wenn die Entdeckung rhythmisch feuernder Neuronen im Gehirn den menschlichen Geist ins Spiel bringt - dann vermag Wissenschaftsjournalismus das zu leisten, wozu nur wenige Wissenschaftler in der Lage sind: die Grenzen zwischen den Disziplinen, zwischen den Kulturen aufzulösen.

 

Andreas Sentker hat in Tübingen Biologie und Rhetorik studiert.

Er leitet das Ressort Wissen in der Wochenzeitung Die ZEIT.

Bild: Max Ernst: 'Akademie der Wissenschaften'

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