Interview
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Nobelpreisträger werden von den Medien hofiert, während wissenschaftliche Forschung auf weit weniger Interesse trifft. Die attempto!-Redaktion befragte deshalb Christiane Nüsslein-Volhard, Entwicklungsbiologin am Tübinger Max-Planck-Institut und Nobelpreisträgerin für Medizin, zu ihren Erfahrungen mit den Medien. Sie kritisiert den oberflächlichen Arbeitsstil vieler Journalisten und vermißt bei ihnen die Bereitschaft zuzuhören. Insbesondere dem Fernsehen wirft sie vor, zuviel Wert auf Effekte zu legen, anstatt Basisinformationen zu vermitteln. Außerdem fordert sie, daß Wissenschaft in Deutschland endlich als Kulturgut akzeptiert und dementsprechend in den Medien behandelt werden solle.
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attempto!: Als im Oktober 1995 die Vergabe des Nobelpreises für Medizin an Sie verkündet wurde, war das Medieninteresse an Ihrer Person riesig. Wurden Ihnen die Wünsche der Medien irgendwann lästig oder genießt man dieses Medien-echo als Nobelpreisträgerin?
Nüsslein-Volhard: Am Anfang genießt man es. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, daß es meine Pflicht ist, mich nicht zu drücken. Irgendwann wurde es mir allerdings zu viel. Man beginnt, sich über sich selbst zu langweilen, auf die gleichen Fragen gibt man immer die gleichen Antworten.
attempto!: Wie würden Sie die Ver-pflichtung des Wissenschaftlers beschreiben, sich den Medien zu öffnen, seine Arbeit zu erläutern? Wie weit geht diese Verpflichtung?
Nüsslein-Volhard: Im Prinzip sind wir zur Rechenschaft verpflichtet, wir sind auch verpflichtet, unsere Arbeit gegenüber unseren Kollegen zu erläutern, sie gegenüber unseren Geldgebern zu begründen. Es gibt aber auch Grenzen. Ich erinnere mich an so schreckliche Fragen von Journalisten, wie: "Erklären Sie in 45 Sekunden, wofür Sie den Nobelpreis bekommen haben." Daraufhin habe ich geantwortet: "Nein, das mache ich nicht, das geht nicht. Punkt." Auf der anderen Seite gibt es Leute, die von sich aus an die Presse gehen und etwas über ein Schaf namens Dolly erzählen, obwohl sie keiner gefragt hat. In solchen Momenten fühle ich mich häufig in Zugzwang und meine, man müsse jetzt auch etwas dazu sagen, als Gegengewicht. Tatsache ist, daß die negativen Punkte in der Öffentlichkeit immer breiter getreten werden als die positiven. Nehmen Sie nur diese Fälschungsgeschichte, über die so viel geredet wird. Keiner redet dagegen darüber, daß die meisten Wissenschaftler äußerst korrekt, besorgt und verantwortungsbewußt mit ihrer Forschung umgehen. Ich gebe nicht besonders gerne Interviews. Aber ich habe versucht, in meinen Gesprächen mit vielen Wissenschaftsjournalisten und Reportern klarzustellen, daß die Wissenschaft nicht so übel ist, wie sie in der Gesellschaft momentan dasteht. Inwieweit mir das gelungen ist, weiß ich nicht.
attempto!: Könnten Sie nicht als prominente Wissenschaftlerin Einfluß auf die Bildungspolitik nehmen?
Nüsslein-Volhard: Ich weiß nicht, ob ich diese Möglichkeit habe. Die Leute schmücken sich gerne mit einem, aber ich glaube nicht, daß sie auf einen Rat von mir hören würden.
attempto!: Haben Sie über die Jahre einen Lernprozeß im Umgang mit den Medien durchgemacht?
Nüsslein-Volhard: Ich denke schon. Aber nicht nur ich habe einen Lernprozeß durchlaufen, sondern meiner Ansicht nach auch die Medien. Das Verhalten der Medien ist heute viel zivilisierter als z.B. vor 15 Jahren. Damals war die Polemik sehr stark, weil die Gentechnik neu war und ethische Fragen noch nicht durchdacht waren. Es gab eine echte Konfrontation, und man konnte oft nicht vernünftig miteinander reden. Ich habe mich damals gedrückt, habe es nicht gewagt, mich mit Journalisten auseinanderzusetzen. Jetzt kann ich das besser. Ich spüre auch Anfeindungen nicht mehr so stark wie früher. Das liegt vielleicht auch daran, daß die Leute mich jetzt, nach der Nobelpreisverleihung, eher im positiven Licht sehen - so als ob ich die Fußballweltmeisterschaft für Deutschland gewonnen hätte.
attempto!: Was ist die Voraussetzung für ein positives Verhältnis zwischen Ihnen und Journalisten? Was müssen die Journalisten mitbringen?
Nüsslein-Volhard: Die Bereitschaft zuzuhören.
attempto!: Es ist sehr viel über Sie als Privatperson geschrieben worden, über Hobbys, Gewohnheiten, Kleidung, Charakterzüge, Sie mußten sich ständig selbst charakterisieren. Was ist in dem ganzen Rummel von Ihrer Wissenschaft übrig geblieben?
Nüsslein-Volhard: Es ist viel leichter, einen Artikel zu schreiben, in dem etwas über Kleidung oder saloppe Redeweise steht, als zu versuchen, eine Quintessenz aus der Forschung zu vermitteln. Grund-sätzlich erkläre ich gerne. Aber wenn Leute mich interviewen, die nicht wissen, was DNA oder was ein Gen ist, kommt man nicht weit. Ein bißchen Vorwissen sollte vorhanden sein. Es gibt selten die Bereitschaft, daß sich mal einer hinsetzt, etwas nachliest und darüber nachdenkt - einfach mehr Verständnis aufbringt. Bei manchen Journalisten habe ich es aufgegeben, deren Beiträge kamen so verkorkst zurück, daß ich das Gefühl hatte: Es hat keinen Zweck, ich erzähle lieber etwas vom Ambiente.
attempto!: Für wie ausgewogen halten Sie die Berichterstattung über Wissenschaft in den Medien? Nur wenige Wissenschaftler erhalten eine so hohe Auszeichnung und sind so bekannt wie Sie. Andere betreiben auch gute Wissenschaft, über die nicht gesprochen und berichtet wird.
Nüsslein-Volhard: Natürlich ist das schade und auch ungerecht. Es wäre aber besser, wenn die Bevölkerung generell ein bißchen gebildeter wäre. Dann könnte man ihr auch mehr und Interessanteres vorsetzen. Früher war das anders. Einsteins Relativitätstheorie zum Beispiel war Thema in allen Zeitschriften. Damals wurde über Inhalte diskutiert, heute redet man dagegen über Personen oder über die Umstände. Wenn Sie beispielsweise in die wissenschaftlichen Beilagen der ZEIT oder der Süddeutschen Zeitung schauen, so sehen Sie, daß das Niveau der Beiträge, die den wissenschaftlichen Fortschritt betreffen, nicht gut ist. Die wissenschaftlich wirklich aufregenden Entdeckungen findet man in den Zeitungen nicht. Das wird nicht kultiviert. Wenn man sieht, wie ausführlich dagegen über irgendwelche Theaterinszenierungen berichtet wird, erscheint mir das wie ein Hohn.
attempto!: Liegt das daran, daß die Berichterstattung zu sehr am Publikumsgeschmack orientiert ist? Nur wenige können über Relativitätstheorie oder Grundlagenexperimente diskutieren.
Nüsslein-Volhard: Früher haben die Leute genau das spannend gefunden, das können Sie in Romanen aus den zwanziger oder dreißiger Jahren nachlesen. Heute sind es eher Themen wie die Potenz-Pille für den Mann oder die Meldung, daß jemand ein Mittel gegen Krebs gefunden hat. Aber das sind nicht die wirklich interessanten wissenschaftlichen Themen - im Sinne einer Bereicherung der Kultur. Hier gab es einen Wandel, an dem die Medien und insbesondere das Fernsehen mitschuldig sind.
attempto!: Was könnte man ändern?
Nüsslein-Volhard: Die Leute sind nur noch bereit, unterhalten zu werden. Und lernen - hat man das Gefühl - will keiner mehr. Vielleicht ist die Neugier abhanden gekommen, der Wunsch, etwas zu verstehen. Wenn etwas nicht gut verdaulich verabreicht wird, wollen die Leute es gar nicht hören. Ich würde im Wissenschaftsteil einer Zeitung regelmäßig eine Viertelseite zur Belehrung über wissenschaftliche Grundbegriffe nutzen.
attempto!: Sie haben dem Fernsehen sehr viel Schuld gegeben, wie sind Ihre eigenen Erfahrungen mit dem Fernsehen?
Nüsslein-Volhard: Es gab einige gute Beiträge, es gab aber auch wahnsinnigen Blödsinn. Im Fernsehen läuft sehr viel über Animation. Es werden z.B. DNA-Spiralen gezeigt, aus denen plötzlich Tiere kommen. Aber keiner hat eine Vorstellung, was das bedeuten soll. Es folgen große Worte, die keiner verstehen kann. Am Schluß bleibt beim Zuschauer als Bild von der Wissenschaft nur ein ðGruselkabinettÐ haften. Das ist schlecht. Die Leute beim Fernsehen sollten bescheidener sein: mehr Basisinformation, weniger Tricks und Effekte, mehr Erklärungen anstatt ständiges Anpreisen. Der Stil des Anpreisens paßt in eine Reklamesendung, aber nicht in einen Beitrag über Wissenschaft.
attempto!: Der Trend geht aber in die andere Richtung: noch mehr Sensationen.
Nüsslein-Volhard: Der Trend geht dahin. Wenn man nach Einschaltquoten geht, kann man tatsächlich heute nichts Niveauvolles bringen. Anspruchsvolle Sendungen müßten stärker subventioniert werden. Und es müßte mehr Bildungsprogramme geben.
attempto!: Ihr Fazit?
Nüsslein-Volhard: Man sollte die Naturwissenschaften so wichtig nehmen wie das Theater. Ich habe nichts gegen Theater, aber unsere Wissenschaft wird nicht richtig als Kulturgut gesehen. Auf der anderen Seite würde ich die ganze Publicity nach der Nobelpreis-Verleihung so einschätzen, daß bei vielen Leuten doch etwas angekommen ist: Man weiß jetzt eher, wie man Drosophila ausspricht oder was ein Gen ist.
Das Gespräch führte Michael Seifert
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Stand: 10/98 |